Wenn es Scheiße läuft…

Wenn es Scheiße läuft, heißt das nicht unbedingt, dass alles Scheiße sein muss. In Zakopane in der polnischen Tatra lag ich mit einer Erkältung flach, die mir der eisige Bergwind und mein Leichtsinn zugefügt hatten. Ich fand bei liebenswürdigen Leuten Unterschlupf, und noch dazu hörte ich, als es nach ein paar Tagen wieder besser ging, vom Musikfest der Bergvölker, das jeden Sommer in Zakopane stattfindet. Ohne die Erkältung hätte ich überhaupt nichts davon mitbekommen und wäre längst über alle Berge gewesen. So aber war ich unter Menschen mit offenem Herz und horchte in die musikalische Seele der Tatrabewohner und ihrer nicht weniger musikalischen Bergverwandten aus Serbien, Rumänien, Anatolien, Sizilien und anderswo hinein.

Als mich Ende September in Krakau die Gürtelrose unversehens überfällt, mich im wahrsten Sinne des Wortes an der Gurgel packt, da ist richtig die Kacke am dampfen. Ich wollte zwar sowieso noch ein paar Tage in der alten Königsstadt verweilen, aber nicht gleich einen ganzen Monat. Es haut mich komplett aus den Latschen. An schlafen ist nicht zu denken, allenfalls ein erschöpftes Dahindämmern stellt sich gegen die Morgenstunden ein. Der Schmerz wütet hinterm Ohr, im Genick und an der hinteren linken Halsseite. Der Arzt verschreibt mir nichts gegen die Schmerzen, ich lese im Internetz herum – Schmerzmittel sollen gut sein, um das Schmerzgedächtnis zu betäuben! -, und dann schlucke ich doch irgendwann das Zeug. Am besten wirkt Paracetamol, jedenfalls für ein paar Stunden. Ich probiere dies und das, auch ein Antiepileptikum, das gut gegen Schmerzen sein soll. Aber nicht lange, die Nebenwirkungen sind nicht gerade verlockend.

Aber ich habe wieder verdammtes Glück: Jasio (gespr. „Jascho“), der Sohn von Mikołaj und Marysia aus Zakopane, hat noch eine Wohnung frei in Krakau, und zwar in der ziemlich ergrauten Villa, in der schon seine Eltern früher wohnten. Zudem ist Jasio mein direkter Nachbar und wird die Wohnung erst vermieten, wenn noch ein paar Dinge renoviert und ich wieder gesund bin. Ich brauche mir in meinem ramponierten Zustand also keinen Kopf machen, wohin. Ich bleibe einfach da. Bald kenne ich jeden Gemüseladen, Bäcker, Metzger, jedes Piroggen- und Lebensmittelgeschäft. Schließlich muss ich mich versorgen, Suppen kochen, Milch heranschaffen, die ich lustvoll literweise in mich hineinschütte, unzählige Bananen schälen – akute Kalzium- bzw. Kaliumsucht, oder was? -, Piroggen, ich meine die guten gefüllten Teigtäschlein, die man nur in heißes Wasser wirft und wartet, Apfelkuchen (szarlotka, gespr. „Scharlotka“) und Käsekuchen (sernik) organisieren, frischen Quark und eingelegte leicht gesalzene saure Gurken besorgen, und natürlich Johannisbeermarmelade, dazu das beste Roggenbrot vom Lieblingsbäcker um die Ecke. Ich lerne die Preise kennen und schätzen und die Verkäufer, mehrheitlich Verkäuferinnen, erfreue mich an einem kleinen Plausch, wenn ich nicht gerade verknittert und augenringumschattet mit stumpfer Stimme nur die vermaledeiten Schmerzen an der Ladentheke zurücklasse.

Bald wird es mir besser gehen, ich kenne mich immer besser mit Gürtelrosen aus und will sie einfach nur vergessen.

Aber warum überhaupt habe ich das Zeug bekommen? Seelischer Stress? Nervenstress? Im zum Brechen gefüllten Internetz steht das fast auf jeder Seite an erster Stelle. Wenn die Nerven mit der Seele verkoppelt sind, kann man es mit der Angst bekommen – vor allem, wenn man schwache Nerven hat wie ich. Wie verletzlich ist die Seele, wie lange trägt sie etwas in sich, das vor sich hinschlummert und plötzlich erwacht? Klar, ich weiß, wer als Kind Windpocken hatte, kann später Gürtelrose bekommen, weil die Viren ewigen Winterschlaf halten, aus diesem aber wieder erwachen können. Die Frage ist nun: Warum wachen die wieder auf? Was blüht da im Verborgenen?

Morgens im Wald. Da ahne ich noch nichts von Gürtel und Rose. Den romantischen Platz finde ich übrigens erst nachts mit der Lampe. Ursprünglich wollte ich im Kloster übernachten, musste aber erst das Ende der anderthalbstündigen Abendmesse abwarten, und dann wurde mir gesagt, die Zimmer wären alle belegt. Was soll´s: Danke Brüder, für dieses schöne Plätzchen!

Erst am frühen Morgen sehe ich, wo ich gelandet bin. Ich wusste schon, dass ich im Wald bin, aber auch nicht viel mehr. Der sonnige Morgen stimmt mich hoffnungsfroh. Ausgeruht mache ich mich auf die letzte Etappe nach Oświęcim (gespr. „Oschwientschim“), von den Deutschen Mitte des letzten Jahrhunderts in „Auschwitz“ umgetauft.

Damit ihr versteht: Wenn ich den Ort meine, rede ich von Oświęcim, wenn vom Lager die Rede ist, von Auschwitz. Die Stadt war schon vorher da und ein polnisch-jüdisches Städtchen, wohingegen das Konzentrationslager von Anfang an deutsch war. Die „saloppe“ Rede von „polnischen“ KZs ist für die Polen eine krasse Beleidigung und zeugt von absoluter Arroganz und Überheblichkeit. Wenn die Polen das KZ erwähnen, benutzen sie das deutsche Wort Auschwitz. Die Stadt heißt Oświęcim, Punkt.

Diese kleine Synagoge, versteckt am Rande des Oświęcimer Zentrums, hat die Barbarei überlebt. Unter den Deutschen Munitionslager, musste sie bis zur Jahrtausendwende warten, um wieder in altem Glanze dazustehen.

Das Innere der Synagoge ist einfach und kunstvoll zugleich eingerichtet. Es riecht wunderbar nach Holz, der guten alten Zeit und vor allem nach Zusammenhalt. Im Gemeindehäuschen nebenan ist ein gemütliches Café mit auserlesenen hausgemachten Kuchen- und Kaffeespezialitäten, die von jugendlichen Freiwilligen aus Deutschland und ein paar Jahre älteren Polen kredenzt werden.

In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts war Oświęcim zur Hälfte von Polen und zur Hälfte von Juden bewohnt.

Juden lebten hier spätestens seit dem 16. Jahrhundert, nach und nach wurden ihre Privilegien durch die polnische Krone bestätigt und ausgedehnt, also denen der übrigen Bevölkerung angeglichen. Im 18. Jahrhundert kam das einstige Fürstentum Oświęcim im Zuge der ersten polnischen Teilung an die Habsburger und wurde damit Teil Galiziens unter österreichischer Herrschaft.

Nirgends in Europa lebten mehr Juden als in Galizien, dessen historisches Gebiet heute in Südostpolen und der Westukraine liegt. Die Nazis wussten, wo sie die größte Tötungsmaschine der Menschheitsgeschichte hinstellen mussten.

Es war mir von Anfang an klar, dass ich nicht um Auschwitz-Birkenau herumkomme. Aus Tatra und Beskiden kommend ist es zu Fuß nicht weit bis Oświęcim, und von dort sind es dann nur noch ein paar Tage an der Weichsel entlang bis Krakau. Ohne weiter zu überlegen schlage ich den Weg nach Oświęcim ein. Die Berge liegen nun hinter mir, und ich betrete eine andere Welt. Wanderer treffe ich keine mehr, ich gehe Feldwege und kleine Straßen, die die vielen Dörfer und kleinen Städtchen miteinander verbinden. Vor Oświęcim trockne ich Zelt und Unterlage an einer alten Holzkirche und erhole mich vom Asphaltmarsch. Später führt mich der Weg durch eine Weiherlandschaft, es ist drückend warm, wenig Bewegung in der Luft, was die Vögel nicht zu stören braucht. Vor allem die Stechmücken fühlen sich hier wohl – zu meinem Leidwesen. Was soll´s, Hauptsache es regnet nicht.

Der Marktplatz von Oświęcim ist groß, quadratisch und von zweistöckigen, gediegenen Häusern umgeben. So sehen viele Marktplätze in Polen aus, wo sich bis vor 80-90 Jahren noch polnisch-jüdisches Markttreiben abspielte. Man kann das manchmal auf alten Fotos sehen, die an den Plätzen ausgestellt sind. Unschwer sind die jüdischen Männer an ihren Hüten und Bärten oder langen Mänteln zu erkennen.

Ich begebe mich in die Touristeninformation, um mich nach einem Quartier zu erkundigen. Der junge Mann telefoniert ewig herum, es ist alles zu teuer für mein schmales Budget. Dann kommt ihm die Idee mit der Jugendbegegnungsstätte auf der anderern Flussseite. Wir gehen zusammen hin, da er sowieso Feierabend hat und auch in die Richtung muss. Die Zimmer sind voll, Pfadfinder und Schulgruppen aus Deutschland belegen sie, was aber kein Problem ist, da ich im Zelt auf dem Rasenstück am Rande des Häuserkomplexes neben dem Fluss campieren darf. Alles ist völlig unkompliziert, der gute Hausmeister besorgt mir eine Wäscheleine, ich kann in eines der Häuser zum duschen, jeden Morgen gibt es ein Frühstücksbuffet mit allem Drum und Dran. Die unzähligen Nacktschnecken um mein Zelt und die paar im Zelt – weiß nicht, wie die da reinkommen – muss ich morgens das Fliegen lehren. Noch ist es nicht kalt, Mitte September, doch die Frauen, also die polnischen Angestellten der Begegnungsstätte, die den Laden am laufen halten, die Wäsche machen, die Zimmer aufräumen und vor dem Waschraum rauchen, fragen mich immer wieder, ob es nicht doch zu kalt ist. Immerhin hat die Regenzeit begonnen, deshalb auch die Schnecken.

Ein Grabstein auf dem alten jüdischen Friedhof in Oświęcim. Viele jüdische Grabsteine tragen die Kennziffern der KZ-Häftlinge – ein ewiges Mal.

Der Tag in der Synagoge, dem kleinen Museum der jüdischen Gemeinde mit den Erinnerungen an die Vorkriegszeit und auf dem jüdischen Friedhof ist eine Art Erholungstag von Auschwitz und Birkenau. Ich habe keine Fotos mehr von den KZs, obwohl ich einige mache in diesen Tagen. Ich werde sie später alle löschen, weil ich sie nicht mit mir herumtragen kann. Die breiten Zyklon-B-Blechdosen, die in einer großen Vitrine im Stammlager Auschwitz übereinandergeworfen daliegen und aus denen das Giftgas von oben durch eine Vorrichtung im Dach in die Gaskammern geleert wurde durch einen SSler bzw. einen Angehörigen der Lager-Sonderkommandos, der auf diese Art Distanz zum Massentöten haben sollte. Die übereinandergestapelten Koffer mit Namen und Adressen. Das Haar von Frauen, das eine ganze große Wand entlang hinter Glas daliegt. Das Geschirr, die Töpfe, aus denen die Häftlinge aßen, das Auge kann sie nicht zählen. Das Lagertor von Auschwitz „Arbeit macht frei“. Das Lagertor von Birkenau mit dem Gleis, das zur Rampe und zu den Gaskammern führt. Die Birken von Birkenau. Die zwei großen Fotos unter den Birken mit den ungarischen Juden, die unter diesen Birken auf die Gaskammer warten, Frauen mit Kindern im Arm, alte Männer – wer waren diese Menschen? Die Gesichter dieser Menschen auf den Fotos, ihre traurigen, gequälten, hasserfüllten, müden, stumpfen Augen. Ihre Blicke in die Kamera des SS-Mannes. Die Gaskammern, ihre Fundamente, halbzerstörte Betonblöcke, zerbogenes Eisen, gesprengte Todesfabrik, das letzte Werk des nationalsozialistischen Reichs vor seiner Flucht wohin? Das Gras und die Erde mit den verbrannten Knochensplittern, die noch heute weiß durchschimmern, vor den Gedenksteinen mit hebräischer, polnischer und englischer Aufschrift. Die Gräben und Wasserlöcher, gefüllt mit verbrannten Knochen und Asche, wo jetzt Gras ist. Der Stacheldraht mit den weißen Keramikisolatoren, damals unter Starkstrom, jetzt nur noch Erinnerung. Die Todeswand, an der politische Häftlinge, vor allem Polen, erschossen wurden. Die Steinbaracken von Auschwitz, gut erhalten, in ihnen sind jetzt die Ausstellungen. Krankenbau. Galgen. Die Holzbaracken von Birkenau, von denen oft nur noch der Ofen und die steinerne Rinne in der Mitte steht. Die Weite von Birkenau, wo man stundenlang gehen kann, so groß ist es.

Ich trage die Fotos von Auschwitz und dem nahegelegenen Birkenau in meinem Smartfon bis Krakau in die Wohnung von Jasio, wo ich sie nach einigen Tagen allesamt löschen werde, auch das vom unverkennlichen Birkenauer Lagertor mit der untergehenden Sonne dahinter. Sie ist eigenartig schön diese Szenerie. Nachdem ich sie fotografiere, stehe ich noch minutenlang alleine da und schaue dorthin zurück, auf diese unbegreifliche Hölle, fühle mit jeder Faser meines Leibes und meiner Seele, dass es meine, unsere Vorfahren waren, die diese Hölle voller Akribie geschaffen haben. Birkenau ist schwer. Auschwitz ist schwer. Der Schmerz tröstet, aber er nimmt nicht die Last. Tränen können sie nehmen, doch ich kann nicht weinen. Die Erde ist geschunden, aber ich kann sie nicht heilen. Ein Mensch ist immer nur ein kleiner Mensch. Ich bin nur ein kleiner Mensch.

Ich gehe zurück in die Begegnungsstätte, esse noch etwas zu später Stunde in einem Kebab-Laden. Einige Menschen sitzen dort, und ich bin froh, dass sie da sind. Ihr ruhiges Treiben und Essen verbreitet Wärme und Menschlichkeit.

Jüdischer Friefhof in Oświęcim: die einzelnen Grabsteine verschiedener Menschen und Familien sind zusammengewachsen.

Die guten Seelen der Begegnungsstätte in Oświęcim. 4 Tage bin ich jetzt bei ihnen und gehe nun weiter nach Krakau. Die Dame mit der Jacke hat übrigens einen Dokumentarfilm über die Begegnungsstätte gedreht, der allerdings noch nicht veröffentlicht wurde.

Innerlich Abschied nehme ich auch von der Frau, die mich und andere Besucher an meinem ersten Tag durch die beiden Lager führt, und mit der ich anschließend im Gespräch feststelle, dass seit Auschwitz nicht viel Zeit vergangen ist, dass man den Eindruck haben könnte, es sei gestern gewesen. Ihre Großeltern waren zur Zwangsarbeit in Deutschland verpflichtet, irgendwo bei Hannover. Sie ist eine auffallende Person, nicht westlich gekleidet, trägt ein rosafarbenes Kostüm und eine große Sonnenbrille. Ihr Gesicht verrät eine strenge Schönheit, die in ihrem mittleren Alter sehr ausdrucksstark wirkt. Sie redet englisch mit relativ starkem polnischen Akzent, dabei sehr gut verständlich. Sie ist eine Verbindung zwischen der Welt des Grauens und unserer Normalität. 20 Jahre arbeitet sie nun schon hier und lässt es sich nicht anmerken.

Viele ihrer Kollegen sind Polen, wie ich an den nächsten Tagen feststellen kann, als ich alleine durch die beiden Lager gehe und mich hin und wieder zu einer Gruppe geselle. Die meisten Führungen finden auf Englisch oder Polnisch statt, dazu höre ich Russisch, Spanisch, Italienisch, Französisch und Deutsch. Da viele Menschen aus Israel da sind, unter ihnen viele Schüler, gibt es natürlich auch Führungen in hebräischer Sprache. Insgesamt kümmert man sich auf 19 Sprachen um die große Zahl an Besuchern, wobei nur drei Sprachen keine europäischen sind: Japanisch, Koreanisch und eben Hebräisch. Die Vielfalt der heute in Auschwitz-Birkenau gesprochenen Sprachen macht eindrücklich klar, wie viele Menschen aus wie vielen unterschiedlichen Ländern hier unter den grausamsten Bedingungen leben und sterben mussten.

Die Dame in dem rosa Kostüm und ihre Kollegen leisten eine unschätzbare Arbeit. Sie leben in Oświęcim und erzählen von Auschwitz. Dazu gehören Mut und Kraft. Sie und all die anderen hilfsbereiten und zugewandten Menschen hier sind es, die den Ermordeten und Gepeinigten, aber auch der Stadt Oświęcim und ihren Bewohnern ihre Würde zurückgeben.

Normalität an der Weichsel, poln. Wisła, gespr. „Wisua“ (Betonung auf dem i). Die Sprache des Kiestagebaus: Knirschen, Rieseln, Rauschen, Rattern vermischt mit angestrengten Motorengeräuschen. Ab und an gehe ich durch Staubfahnen.

An der Weichsel

Die letzten Zeltnächte im Jahr 2021 verbringe ich Ende September am Weichselufer. Das Zelt ist jetzt morgens immer klatschnass. Trocknen kann ich es nur tagsüber während einer längeren Pause, und auch nur, wenn die Sonne scheint oder ein Lüftchen weht. Wenn ich Menschen begegne, dann Anglern, in der Nähe von Dörfern Müttern mit Kinderwägen, Radfahrern oder beim Wasserholen den Dorfbewohnern. Wanderer treffe ich hier nicht an. Nach vier Tagen am Fluss erreiche ich Krakau.

Entspanntes, aber hochkonzentriertes Schachspielen vor der Kulisse der alten Königsburg, dem Wawel. Ich muss an Russland denken, an Moskau oder Jekaterinburg, wo die Leute unter der Wintersonne ebenso an solchen Plätzen Schach spielen. Auch wenn sie sich nicht besonders mögen, leider, die Polen und die Russen, sie haben schon einiges gemein.

Im ehemaligen jüdischen Viertel Kazimierz, gespr. auf holprigem Polnisch in etwa „Kaschimiesch“, im Süden der Altstadt Krakaus gelegen. Das vor hunderten Jahren noch eigenständige Städtchen erhielt seinen Namen zu Ehren des polnischen Königs Kasimir der Große. Ab dem 16. Jahrhundert siedelten sich die ersten Juden, unter ihnen viele tschechische, hier an.

Am Plac Nowy, am Neuen Platz in Kazimierz gibt es an den Durchreichen der ehemaligen Markthalle bzw. des koscheren Geflügelschlachthauses der Zwischenkriegszeit die besten und größten „zapiekanki“ Polens. Man schneide die Hälfte eines dicken Baguettes der Länge nach auf und versehe diese großzügig mit allem, was der Kühlschrank hergibt, mit Schinken, Käse, Wurst, Pilzen, Spinat, Kräutern, Eiern, Tomaten, Zwiebeln, Würstchen, Hühnchen, Rukola, Oliven, etc. pp., schiebe die Kreation in den Ofen und veredle sie mit einem Hieb würziger Soße. Gab´s schon zu sozialistischen Zeiten, da aber zurückhaltender belegt.

Ein typischer Kazimierzer Innenhof mit umlaufendem Balkon. Hier muss schon früher einiges losgewesen sein, wo jetzt die vielen Touristen für Leben sorgen. Ein Schild mahnt sie allerdings, nicht die Treppe zur Galerie hochzugehen und auch sonst den Bewohnern ihren Frieden zu lassen.

Ein altes jüdisches Gebetshaus in der Kazimierzer Josefstr. 42

Erinnerung..

Altes und Neues

erinnert in Kazimierz an das vergangene jüdische Leben: die Häuser, Synagogen, alte hebräische Aufschriften, jüdische Restaurants und Cafés, Museen, Denkmäler, Friedhöfe, Friedhofsmauern, vor den Restaurants dargebotene Klezmermusik von Musikern in Fleisch und Blut, eine große Bücherei in einer ehemaligen Synagoge mit Büchern der ehemaligen Bewohner Kazimierzs und vielen anderen Büchern zur Thematik des jüdischen Lebens und Sterbens auf Polnisch, Englisch und vielen anderen Sprachen, oder nach dem Gottesdienst durchs Viertel gehende Rabbiner im schön aussehenden gestreiften Gebetsumhang Tallit mit Hut und Bart. Eine Mischung aus Museum und zartem Keim neuen jüdischen Lebens, in dem auch einige arabische Cafés Platz haben. Einheimische und Touristen geben sich die Klinke in die Hand, Studenten der Judaistik gehen hier in ihr Institut.

Wandrelief im Hofdurchgang zur Bücherei in der Popper-Synagoge

Abend an der Tempel-Synagoge, des Gotteshauses der reformierten Juden in der ul. Miodowa, der Honigstraße.

Auf dem Weg von Jasios Haus nach Kazimierz liegt der Krakauer Rynek, der zentrale Platz der Stadt mit den Tuchhallen und der Marienkirche.

Wenn man von Kazimierz aus über eine der Brücken auf die andere Weichselseite geht, kommt man zu Oskar Schindlers ehemaliger Emaillewarenfabrik.

Das einstige jüdische Ghetto im Stadtteil Podgórze befindet sich nicht weit entfernt von Schindlers Fabrik, die jetzt Okkupationsmuseum ist. Schon morgens stehen viele Wartende vor dem Eingangstor der früheren Fabrik. An zwei Tagen komme ich hierher, da dieses Museum so von lebendiger Geschichte angefüllt ist, dass ich es an einem Tag nicht bewältigen kann. Allein die vielen Film- und Tonaufnahmen lassen mich innerlich kaum noch Luft holen, allen voran die von Schindlers Juden, seiner Kinder, wie er zu sagen pflegte.

Schindler war ein Kriegsgewinnler, ein Unternehmer mit Riecher für den richtigen Ort und die richtige Zeit. Was ihm jedoch fehlte, war der übliche Hass auf die Juden. Schindler sollte später sagen, dass er sich seinen jüdischen Schulkameraden und Freunden, mit denen er eine wunderbare Kindheit verbracht habe, gegenüber moralisch verpflichtet fühlte. Jedenfalls berichteten seine jüdischen wie auch seine polnischen Arbeiter allesamt, er habe sie zu jedem Zeitpunkt korrekt behandelt. Das schloss nicht aus, dass er manchmal schlagen „musste“: Wenn nämlich eine Fabrikinspektion stattfandt und irgendwelche Nazikader einen Juden oder eine Jüdin für ein „Vergehen“ bestrafen und mitnehmen wollten, wurde Schindler gerufen, der sogleich begann, „seinen“ Juden anzuschreien und ihm Schläge und Fußtritte zu verabreichen und ihm drohte, sollte er sich noch einmal so etwas zu Schulden kommen lassen, so folge eine Strafe, die… Einer der jüdischen Arbeiter, der diese Schläge erleben musste, berichtet in einer Aufnahme, Schindler habe ihm während dieser Prozedur unauffällig zugezwinkert. Schindler schickte anschließend sein „Opfer“ zurück an den Arbeitsplatz, und die Sache war erledigt.

Oskar Schindler liess gar ein Lager für seine Juden auf dem Fabrikgelände errichten, als Außenlager des in unmittelbarer Nähe gelegenen KZs Plaschow. Er begründete dies mit einer erhöhten Arbeitseffektivität, da der Weg zur Arbeit und zurück ins Hauptlager entfiel, was den Parteikollegen plausibel erschien. So entzog er seine Arbeiter den unmenschlichen ewigen Morgenappellen und vor allem der Willkür des sadistischen Lagerkommandanten von Plaschow Amon Göth. Die Essensrationen in der Emaillewarenfabrik waren unvergleichbar besser als in anderen Betrieben mit jüdischen oder polnischen Arbeitern. Oft kümmerten sich Schindler und seine Frau Emilie selbst um die Essensbeschaffung. Emilie Schindler pflegte gar neu angekommene kranke, halb erfrorene Häftlinge. Was immer wiederklingt in den Berichten der Überlebenden, ist die Atmosphäre der Sicherheit: Sobald Oskar Schindler in der Nähe war, konnten sie sich entspannen und ihre Angst für eine Zeit vergessen. Gegen Ende des Krieges schaffte er es, die Fabrik nun als Rüstungsbetrieb in seine Heimat nach Brünnlitz im Sudetenland zu evakuieren, den allerorts stattfindenden Auflösungen von Lagern und Gefängnissen durch die Nazis und damit dem Abtransport in die Vernichtung zuvorzukommen und somit die 1200 Juden, die sich auf seiner berühmten Liste befanden, tatsächlich zu retten.

Oskar Schindler, der Mann, der zunächst in der deutschen Spionageabwehr Karriere machte und deshalb auch über so gute Beziehungen im Naziapparat verfügte, wird später als einziges NSDAP-Mitglied in Yad Vashem als „Gerechter unter den Völkern“ geehrt. Die von ihm geretteten Juden, unter ihnen auch sein Freund Itzhak Stern, der zum großen Teil die Liste der zu Rettenden erstellte, werden sich um ihren Retter kümmern als dessen Nachkriegsunternehmungen immer wieder scheitern, er in Deutschland als Verräter angefeindet wird und er gesundheitliche Probleme bekommt. Achtmal wird Schindler Israel besuchen, seine glücklichsten Zeiten, wie gesagt wird. Auf seinen Wunsch hin wird Schindler 1974 auf dem katholischen Friedhof auf dem Berg Zion in Jerusalem beerdigt. Ein Grab, auf das die Schindlerjuden mit ihren Kindern und Enkeln und Besucher der ganzen Welt nach alter jüdischer Sitte viele, viele Steine legen werden.

Der abendliche Weg von Schindlers Fabrik zurück in mein Krakauer Zuhause führt mich natürlich über die Weichsel.

Ein Fragment der Ghettomauer in Krakau. Die Mauer erinnert an eine Kette nebeneinanderstehender Matzewas, jüdischer Grabsteine.

Nach den Besuchen von Schindlers Fabrik führen mich meine Stadtwanderungen auf das riesige Gelände des ehemaligen KZs Plaschow, das jetzt von Gras und Büschen bewachsen ist. Auch dieser Ort nimmt einen mit in eine vollkommen andere Welt. Das Gelände ist hüglig, in der Nähe ein von der Natur zurückeroberter Steinbruch, in dem die Häftlinge arbeiten mussten. Der Ort ist wie ein Park frei zugänglich, und tatsächlich gibt es hier viele Spaziergänger, auch mit Hunden. Das ist nicht verwunderlich, so viele Grünflächen gibt es ja nicht in einer großen Stadt. Erinnerung verflechtet sich hier mit Alltag, was nicht unbedingt verkehrt ist. In großen Abständen sind Tafeln mit Text und Fotos aufgestellt, die das damalige Geschehen dokumentieren. Wieder vergeht ein ganzer Tag bis alles gelesen, alles gesehen ist. Auch dieses KZ war riesig. Es wird schon dunkel, als ich zur letzte Stätte der Tragödie komme. Aber: zur wirklich letzten kommt man natürlich nie – es sind ihrer zu viele.

Neben den vielen Juden sind bekanntermaßen auch unendlich viele Menschen anderer Volks- bzw. Religionszugehörigkeit ums Leben gebracht und geschunden worden. Unendlich viele Polen. Leider ist es nicht allen Zeitgenossen bewusst, auch in Deutschland, dass für alle Polen, überhaupt für alle Slawen die Todesstrafe stand, wenn sie Juden halfen. Die Todesstrafe für die Helfer und ihre Familien. Für Angehörige nichtslawischer Völker gab es dieses Gesetz nicht. So wurden die niederländischen Helfer von Anne Frank und ihrer Familie nicht umgebracht. Wären sie Polen gewesen, hätten sie und ihre Familien sterben müssen. Viele Polen, Ukrainer, Russen halfen Juden in dieser Zeit zu überleben. Roman Polanski, der berühmte polnische Filmregisseur, als Kind im Krakauer Ghetto, wurde von polnischen „Eltern“ auf dem Lande gerettet. Und er war kein Einzelfall. Wir dürfen das auf keinen Fall vergessen. Der Todesdruck im östlichen Europa war ungeheuer hoch. Juden zu helfen hieß, sich und seine Familie auf eine Todesliste zu setzen. Dass es dennoch viele getan haben, kann diesen Menschen nicht hoch genug angerechnet werden. Ich verbeuge mich vor den Polen und ihrem Mut, Widerstand zu leisten, vor ihrem Todesmut, der vor nichts Halt machte! Und wir müssen wissen, dass es viel, viel mehr Menschen in Polen waren, die sich so verhielten oder nicht mitmachten bei dem, was das Regime wollte, als solche, die zu Kollaborateuren wurden oder ihrem Antisemitismus freien Lauf ließen.

Das Krakauer Gestapo-Hauptquartier lag, wie sich herausstellt, gleich bei Jasios Wohnung um die Ecke in der ulica Pomorska, der Pommerschen Straße. Jetzt ist hier ein kleines Museum, das auch die Zeit nach dem Krieg behandelt, als im Nachbargebäude die Sowjets und die Polnische Staatssicherheit hausten. An den Zellenwänden die eingeritzten Wörter und Sprüche der Inhaftierten in verschiedenen Sprachen, die Angst und die Sehnsucht nach Freiheit. Die Grausamkeit der Gestapo und ihrer rot verkleideten Nachfolger ist unbeschreiblich. Vielleicht war das zuviel für mich, jedenfalls bricht nach all dem bei mir die Gürtelrose aus.

Ob das mit der Gürtelrose tatsächlich mit den Besuchen im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, in Schindlers Fabrik, im KZ Plaschow und im Gestapo-Gefängnis zu tun hat, kann ich nicht mit absoluter Sicherheit sagen, doch vorstellbar ist das schon. Wie dem auch sei, mich in der ruhigen Villa von Jasios Eltern kurieren zu können, trifft sich wirklich gut. Nach zwei, drei Wochen werden meine Kreise wieder größer und bis zur Fortsetzung meiner Wanderung kann ich noch einige Male durch die Stadt und ihre nahe Umgebung streifen. Krakau ist natürlich viel mehr als nur das jüdische Viertel, das ist klar – die Altstadt mit der sie umgebenden grünen Spazierallee Planty, der Wawel, die sozrealistische avantgardistische Stadt und Festung des Stahlproletariats Nowa Huta, u.a… Nur, mich zieht es immer wieder nach Kazimierz…

Hinteransicht der alten Synagoge in Kazimierz

Die Alte Synagoge liegt am Ende der ulica Szeroka (gespr. „ulitza Scheroka“), der Breiten Straße. Vor allem hier kann man den Klängen oft sanft-melancholischer, aber auch lebenslustig-übermütiger jüdischer Musik lauschen, wenn die Musiker vor einem der Restaurants aufspielen.

An der ulica Szeroka liegt auch die Remuh-Synagoge, deren Friedhof von einer Mauer aus Grabsteinstücken begrenzt wird.

Neben der Remuh-Synagoge sitzt Jan Karski auf einer Bank. Aber wer kennt ihn schon in Deutschland?

Als Emissär der Polnischen Heimatarmee Armia Krajowa, der Polnischen Armee im Untergrund, wurde er zweimal ins Warschauer Ghetto eingeschleust, um genaue Informationen über die Zustände dort zu erhalten. In gleicher Mission besah er sich als ukrainischer Soldat verkleidet die Zustände im Zwischenlager Izbica, von wo aus die Juden in die Vernichtungslager in Sobibór und Bełżec abtransportiert wurden. 1942 appellierte Jan Karski an den britischen Außenminister Anthony Eden, um ihm und der britischen Öffentlichkeit die aussichtslose Lage der europäischen Juden vor Augen zu führen, im Folgejahr traf er sich im Weißen Haus mit dem US-amerikanischen Präsidenten Franklin Roosevelt, um diesem Bericht zu erstatten.

Jan Karski, der bei seinen verschiedenen Tätigkeiten im polnischen Untergrund verschiedene Pseudonyme besaß und dessen eigentlicher Name Jan Kozielewski (gespr. „Koschelewski“) war, der einen Selbstmordversuch, den er verübte, um während der Gestapofolter nicht auszusagen, überlebte und von seinen Leuten befreit wurde, diesem Jan Karski war bei seiner größten Mission, der Rettung der europäischen Juden, kein Glück beschieden. Man konnte oder wollte seinen Berichten keinen Glauben schenken oder hielt sie für übertrieben.

Dieser Jan Karski müsste bei uns in Deutschland berühmt sein, ein Held, ein tragischer Held, aber niemand scheint je seinen Namen gehört zu haben. Warum? Der Kalte Krieg ist längst vorbei, aber noch immer wenden sich unsere Augen und Ohren zumeist nur nach Westen oder weit in die Ferne. Polen ist unmittelbarer Nachbar, aber scheinbar unbekannter als Thailand oder Australien.

Nun, sollten wir Karski dereinst auf der anderen Seite des Lebensflusses treffen, dann lasst uns mutig sein, ihm vor die Augen treten und ihn zu einer Partie Schach fordern. Er wird uns das nicht abschlagen können, war doch Schach Zeit seines Lebens seine große Leidenschaft.

In Kazimierz kann man hervorragend die Seele baumeln lassen, überall findet sich ein Plätzchen dafür.

Romantiker spätabendlicher Kutschfahrten finden in der Krakauer Altstadt am Markt ihr Glück.

Noch einmal nach Kazimierz: Im 16. Jahrhundert erbaut, und wie eine Trutzburg steht sie noch immer da in der Nachbarschaft ihrer Schwestern – die Hohe Synagoge.

Wenn es gut läuft…

Wenn es gut läuft, dann ist es halb so wild, mal krank zu sein unterwegs. Es kann durchaus positive Seiten haben, wenn die Pläne sich auflösen, man an einen Ort gefesselt ist und es erst mal nicht mehr weitergeht.

So geht es mir jedenfalls in Zakopane, dem zivilisatorischen Zentrum der polnischen Tatra. Nach heiteren Tagen im Gebirge kehre ich Mitte August nach Zakopane zurück, etwas erkältet und schlapp, ich weiß auch wieso: der Schweineberg ist schuld, also die Świnica – von „świnia“, oder dt. gesprochen ’schwinja‘, dem Schwein. Der Aufstieg durch das Felsenlabyrint nämlich brachte den Körper zum Schwitzen und Glühen, die eisigkalte Windhand am Gipfel vollbrachte trotz hastig übergeworfenem Pulli ihr schnelles Werk, und schon in der nächsten Nacht waren Hals und Kopf nicht mehr im Lot. Den langen Abstieg nach Zakopane bekomme ich zwar noch gut hin, sobald ich aber in der Stadt bin und zur Ruhe komme, ist die Luft raus.

Am oberen Rand von Zakopane angekommen überlege ich, wie weiter und wohin. Erst mal muss ich eine Übernachtung finden und denke an einen Campingplatz, weil in Zakopane im Sommer sowieso immer alles voll ist und noch dazu teuer. Auf dem Weg zum angesteuerten Zeltplatz komme ich an einem romantischen, viele Jahre stehenden Holzhaus im Bergstil vorbei, am Zaun ein Schild mit Fotos der Räume und Telefonnummer. Der angegebene Preis ist verdächtig niedrig. Ich rufe an, und eine weibliche Stimme meldet sich mit einem langgezogenen „Hellooo?“ In dem Moment weiß ich natürlich nicht, dass das die Stimme von Grażyna ist, die ewig in Amerika lebte, sich auch Grace nennt, und gerade bei ihren Freunden zum Plausch vorbeischaut. Bald sitzen Mikołaj, Grażyna und ich am Tisch im mit Büchern, Kamin und großem Spiegel versehenen Wohnzimmer des von mir bewunderten Berghauses, das zwei Eingänge hat, einen für die Besitzer und einen für die Touristen. Mikołaj ist in Fahrt und taucht sofort in die Tiefen der Familiengeschichte ab, zeigt mir Fotos in Schwarzweiß, ein Buch über die Tatra, geschrieben von einem Vorfahren, Skifahrer, Bergsteiger, Künstler, Philosoph und Historiker in einem. Trotz aufmunterndem Kaffee ist es mir nicht annähernd möglich, die Generationen, Ehefrauen, Mütter, Cousins, Geschehnisse, Errungenschaften, Polen, Frankreich, Amerika auseinanderzuhalten bzw. in einen Zusammenhang zu bringen. Grażyna lächelt mir auffordernd zu und bestätigt das Erzählte mit anerkennender Gestik. Ich bin in einem besonderen Haus in ungewöhnlicher Runde – das ist alles, was ich verstehe.

Die Zimmer im Haus sind natürlich alle belegt, klar, doch Mikołaj will mich nicht gehen lassen. „Bleib noch hier, bald kommt Marysia (dt. ‚Maryscha‘) zurück, dann besprechen wir alles. Sie muss bald zurückkommen, meine Liebe, die Kirche ist gleich rum, und dann sehen wir…“

Ihr ahnt es schon, und ihr habt Recht: natürlich werde ich heute nirgends mehr hingehen. Natürlich finden Mikołaj und Marysia eine Lösung, d.h. wieso Lösung? Schließlich wäre ich einfach weitergezogen und hätte bestimmt etwas gefunden, mein Zelt aufgebaut. Aber das ist jetzt nicht mehr vorgesehen im Weltenplan, denn es gibt schließlich noch Marysias Refugium, das Atelier im spitzen Dachboden, dort oben, wo der Regen nachts laut auf die Fenster prasselt, wo polnische und französische Bücher, Nähmaschine, Hutschachteln, Stoffe und andere Dinge ein verschwiegenes Leben führen. Da oben gibt es auch ein Klappsofa, und gemütlich ist es noch dazu.

Marysia und Grażyna an einem Nachmittag im Wohnzimmer

Meine Erkältung wächst sich aus in eine triefende Nase, einen dicken Kopf und einen schweren Körper. Mikołaj besorgt mir zum Gesundwerden Himbeersirup und verordnet mir Dachbodentage, eine Kur auf Kosten des Hauses, sozusagen. Miete darf ich nämlich nicht bezahlen.

Nach ein paar Tagen auf dem Dachboden und in allerliebster Gesellschaft in Wohnzimmer, Küche und Garten geht es mir viel besser – Zeit weiterzugehen. Doch nein, Mikołaj, mein Wohltäter ist ins Spital entschwunden, sollte längst zurück sein, ich will ihm wenigstens die Hand drücken, „morgen wird er bestimmt entlassen“, so Marysia, und dann beginnt auch noch das jährlich in Zakopane stattfindende internationale Musik- und Tanzfestival der Bergvölker! Marysia gibt mir zu verstehen, dass Mikołaj sich freuen würde, mich nach seiner Rückkehr ins Haus noch zu sehen, und so gehe ich mit Grażyna zur Berglermusik.

In den Pandemiezeiten ist es so eine Sache mit Veranstaltungen. Doch Grażyna, Dr. Grace – sie war vor ihrer amerikanischen Zeit Ärztin in Zakopane – hat Beziehungen, kennt die oberste Dame der Festivaljury. Die Frage nach der Impfung ist keine größere Hürde, wie sich herausstellt, da die liebliche Einlassfrau keine andere als eine zustimmende Antwort von mir hören will: „Sind sie geimpft?“ Kurzes Zögern meinerseits: „Ja.“ Und es stimmt ja auch: ich bin geimpft, gegen Tollwut und Tetanus, die Spritzen hat mir mein Vater noch selbst gegeben, damals.

Die Goralen, also die Gebirgler (von pl. góra, dt. gesprochen ‚gura‘, der Berg) sprechen – und singen – einen polnischen Dialekt mit slowakischen und tschechischen Einflüssen.

Nach dem offiziellen Teil

Goralenkirchlein. Die Tradition, mit Holz zu bauen, hat in Tatra und Beskiden große Schätze hinterlassen, und ich kann mich auf meinen Wegen vor allem durch die Niedere Tatra davon überzeugen, dass die Tradition auch heute vollkommen lebendig ist. An allen Orten werden schöne und rustikale Holzhäuser gebaut, meistens für den Tourismus, aber auch für den eigenen Nutzen.

Tanz und Tracht, Frau und Mann, Tradition und Lebendigkeit – wo, wenn nicht in den Bergen?

Bodenstämmige Schwere mischt sich mit spielerischer Leichtigkeit.

Die Bergnatur, wie hier in den Beskiden, hat den Menschen immer viel abverlangt. Ein in ganz Polen berühmtes Lied handelt vom Schmerz des Goralen, der seine geliebten Berge verlassen muss, um in der Ferne das Geld für sein Leben und das seiner Familie zu verdienen.

Kann ein Volk eine Seele haben? Die Sprache, das Wort, ein Lied, ob wir es verstehen oder nicht – die Seele hat Flügel, wie die Liebe.

Nach den Musiktagen kann ich mich etwas in Haus und Garten nützlich machen, was mir ein gutes Gefühl gibt. Mikołaj ist wieder im Haus und erkundigt sich nach meinem Gesundheitszustand. Ich kann ihm glaubhaft versichern, wieder voll im Saft zu stehen, und so lässt er mich ziehen, nicht ohne mir vorher Proviant für eine Woche im voraus zu besorgen. So schwer mein Rucksack nun ist, ich trage ihn gerne in der Erinnerung an die Berge und meine Zakopaner Freunde.

Die große polnische Familie

Es ist Sommer, und ich bin endlich wieder in Przemyśl (dt. ‚Pschemyschl‘ gesprochen) ganz im Osten Polens, wo ich vor knapp 2 Jahren per Fahrrad, auf meinem schwarzen Rappen, von der Ukraine her eingereist war. Ich habe den Rappen mit der Eisenbahn nach Deutschland verfrachtet, wo er jetzt schon den zweiten Sommer über auf dem Dachboden der Villa Kunterbunt meiner Schwester und meines Schwagers im sächsischen Zittau schmort und wo er wohl noch einige Zeit aushalten muss, bis er dann wieder ins Grüne darf. In Deutschland habe ich mir, so gut es in diesen psychodemischen – Entschuldigung – pandemischen Zeiten ging, meinen Lebensunterhalt mit Straßenmusik ermöglicht. Und nun bin ich wieder hier in Przemyśl , allerdings ohne meinen treuen schwarzen Begleiter, sondern mit einem großen, grünen Rucksack. Die restlichen 5000 Kilometer nach Santiago de Compostela soll es zu Fuß weitergehen – das wäre ja gelacht. Schließlich stehe ich in der Blüte des Lebens, kaum Schulbank und Studienkammer entrückt, der Arbeitswelt auf den Leim gegangen und dann wieder von der Schippe gesprungen, in der Liebe versunken und zerbeult zurück ans Tageslicht gekrochen, die Familienplanung unerledigt – kurz, Beine und Schultern müssen jetzt ran und den Karren aus dem Dreck ziehen.

Dafür sollte ich jetzt eigentlich mein Logbuch umbenennen, denn mit einem Rappen habe ich auf den ersten Blick zu wenig Gemeinsames. Doch im Leben ändert sich ja einiges, und vieles bleibt bestehen, einfach so, und so soll es auch mit meinem Rappensprung sein. Im Geiste werde ich auf des guten Rappen Rücken durch die Landschaft jagen, während ich mühsahm oder beschwingt Huf vor Huf setze und jeden Meter Erde und jeden Grashalm und jeden Baum mit meinem Nüster beschnuppere. Neugierde, das ist es wohl, was ich mit einem Rappen gemein habe, und das Verlangen, durch die Weiten der großen Welt zu springen, immer auf der Suche nach einem warmen Stall, einem Ballen Stroh und einem freundlichen Wesen. Sei’s also drum, sei ich selbst der Rappe und gebe mir die Sporen!

Ein Unterschied zum Radfahren ist der, dass ich zu Fuß offensichtlich mehr fotografiere. Das kann anstrengend sein, vor allem die von Zeit zu Zeit nötige Durchschau des angesammelten Fotomaterials. Und dann die Auswahl für das Logbuch… Bis ich es hier zum Minimalisten schaffe, muss ich vielleicht erst an der Atlantikküste ankommen. In diesem Kapitel wird es also noch nicht fotografisch minimalistisch, sondern eher opulent.

In Przemyśl lässt es sich schön flanieren. Das Städtchen strahlt Gemütlichkeit aus.

Polen war Ewigkeiten von der Landkarte getilgt. Preußen, Russen und Österreicher waren von dem Land so angetan, dass sie es sich untereinander fast brüderlich zu ähnlichen Teilen zusprachen. Vor lauter Begeisterung vergaß man ganz die Bewohner des Landes, also die Polen, und sie nach ihren bescheidenen Wünschen zu fragen. Im Eifer des Gefechts passiert so etwas, und die Österreicher gaben sich dann doch ein wenig Mühe, etwas positive Stimmung in ihren neu erworbenen Ländereien zu verbreiten. Bei den Russen ging das mit der Stimmung vollkommen in die Hose, und auch die Sache mit der deutschen Ordnung war den polnischen Untertanen absolut nicht geheuer. Das von den Österreichern angelegte Korsett war ein wenig lockerer gezurrt, und spricht man heute vom historischen Galizien, ganz mit dem Habsburgerreich verknüpft, löst dies bei den Polen eher keine negativen Assoziationen aus. Allerdings: Freiwillig hätten die Polen ihr Land den Habsburgern nicht gegeben – das hätten sie höchstens in einem Alptraum getan.

Für mich kam es am Ende keinem Alptraum gleich, meine kleine Gitarre in Przemyśl auf die Post bringen zu müssen. Die zwei Probewanderungen durch die hüglige Umgebung des Städtchens ergaben ein eindeutiges Ergebnis: mit Guitalele wird es anstrengend, wahrscheinlich eine Quälerei, ohne sie wird es besser – jedenfalls, was das Wandern betrifft. Ich habe einfach keine Wahl. Ich trenne mich bei der Gelegenheit noch von ein paar anderen kleinen Dingen. Und das nicht zum letzten Mal…

Die Synagoge von Przemyśl. Ob sie irgendwann wieder mit jüdischem Leben gefüllt wird?

Ganz in der Nähe der Synagoge dieses Bild. Wenn man sich vorstellt, was für eine Bereicherung es wäre, solche Schriftzeichen im Stadtbild zu sehen, und dazu die Menschen, die sie lesen können! Ach ja…

Vom Marktplatz in Przemyśl sind es nur gut 4000 Kilometer bis Santiago, also einen Katzensprung. Für mich bleibt das aber Illusion, weil ich alsbald vom Weg abbiege und nach Südwesten wandere, über Hügel und Berge, durch Beskiden und Tatra.

„Ach, Erde, bedecke mein Blut nicht, damit mein Schrei nicht aufhöre! (Hiob 16, 18) – Dem Gedenken an die Bewohner Przemyśls und Umgebung, die an diesem Ort 1942 von den Nationalsozialisten ermordet wurden.“

Irgendwo am Wegrand mitten im Wald noch nicht weit von Przemyśl begegnet mir dieser Gedenkstein. Es ist heiß an diesem Tag, eine kleine Pause ist mir willkommen. Damals aber wurden sie aus ihrem Städtchen hierher gekarrt, Alte, Kranke, Invalide und Kinder. Sie kamen nicht ins Vernichtungslager Bełżec wie ihre Leidensgenossen aus dem Przemyśler Judenghetto, nein, man entledigte sich ihrer gleich hier an Ort und Stelle. Es waren um die Tausend, die nackt über einem Graben entlanglaufen und sich in diesen hineinschießen lassen mussten. Die Kinder kamen zum Schluss dran, und als sie die vielen aufeinanderliegenden Leichen sahen, rannten sie fort in den Wald. Und dann gab es eine Jagd…

Die Geschichte ist allgegenwärtig, entkommen kann man ihr nicht. Aber das braucht man auch nicht, denn sie ist dazu da, dass man sie sich beschaut. So war es auf meinem Weg durch Russland und auch in der Ukraine. In Georgien und der Türkei weniger, da ich die Sprachen nicht beherrsche. Sprache öffnet das Tor zu einer Kultur, zu einer Gesellschaft und deren Geschichte. Ich brauche nur meine Augen und Ohren aufzumachen, und schon bin ich mittendrin.

Als ich vor langer Zeit die ersten Male in Warschau war, noch kein polnisch sprechend, habe ich mich mit vielen Menschen auf englisch ausgetauscht, bin ganz unbekümmert ins Land gerauscht. Aber ich habe nicht die bald an jeder Straßenecke stehenden Denkmäler oder Gedenksteine gesehen, die allesamt darauf hinwiesen, wie viele Menschen gerade hier durch die Hand der deutschen Besatzer gestorben waren. Sobald meine Polnischkenntnisse wuchsen, veränderte sich das Bild vollkommen: Ich blieb immer wieder irgendwo stehen und las, was ich vor Augen hatte. Es machte mich betroffen. Und das, obwohl ich theoretisch Bescheid wusste. Aber das ist nicht dasselbe.

Da hinten auf dem Hügel verbringe ich meine erste Nacht.

Am Abend zuvor komme ich an einem kleinen Gehöft vorbei, wo Mutter und Sohn wohnen. Ich wusste schon von den beiden, weil ich im Dorf unten gefragt hatte, ob ich weiter oben noch an Wasser käme. Die liebenswürdige Mutter zeigt mir den Brunnen, ich lasse den Eimer hinab und schöpfe dann das kalte Wasser in meine Flaschen. Der riesige Sohn taucht auf, mit einem Lederhalfter an der Hüfte, aus dem der gebogene Knauf einer Pistole hervorschaut. Als er seine Pferde erwähnt, wird mir klar, wozu er die Knarre braucht: es ist wegen der Wölfe, die in dieser Wald-, Wiesen- und Hügellandschaft unterwegs sind. Als der Lange nach meiner Volkszugehörigkeit fragt, folgt ein merkwürdiger Wortwechsel. Er: -„Nicht die beste.“ Ich: -„Was – die Sprache?“ -„Nein, ich meine das Volk.“ -„Wieso?“, frage ich zurück. -„War es wirklich eine gute Idee mit der Wiedervereinigung?“ -„Wie meinen Sie das?“ -„Der Osten Deutschlands hat slawische Ursprünge!“ Ich stimme ihm zu. Wir sind, was die Ortsnamen Berlins, Dresdens und Leipzigs betrifft, einer Meinung: „brl“ für Sumpf oder Morast ergibt ‚im Sumpf gelegen‘ (Berlin), „drezga/drežda“ für Wald oder Dickicht wird zu ‚im Wald gelegen‘ (Dresden), und „lipa“ für Linde zu ‚Linden-Ort‘ (Leipzig) – die Ursprünge der Namen liegen im Altslawischen. Jedenfalls denkt der Mann, ich käme aus dem Osten Deutschlands, wahrscheinlich, weil ich polnisch spreche. Früher hätte man seine Denkweise unter Panslawismus eingeordnet, will heißen, er hängt der These eines kulturellen und politischen Zusammenschlusses aller slawischen Völker nach. Wenn ich ihn richtig verstehe, sieht er Ostdeutschland insgesamt als slawisches Siedlungsgebiet und damit bis heute als ein slawisches Land.

Zu seiner Frage nach der Wiedervereinigung kann ich nur sagen: „Also für mich war die Wiedervereinigung ein riesiges Glück. Endlich konnte ich unsere Brüder und Schwestern im Osten kennenlernen!! Die Welt hat damals ihre Türen weit aufgemacht!“ So hatten sie es uns doch immer erzählt – ‚unsere armen Brüder und Schwestern im Osten’… Dass die Brüder und Schwestern aus westlicher Sicht „arm“ waren, lasse ich aber weg. Der Lange verzieht keine Miene und fragt mich, ob ich seine Pferde sehen wolle. Ich solle was an die Beine ziehen wegen der Brennnesseln und einen Eimer Wasser nehmen. Wir gehen einen verschlungenen Trampelpfad nach unten und kommen auf eine saftige Wiese. Der Mann pfeift – und nach einer Weile kommen die ungestümen Pferde aus einem Dickicht auf uns zugaloppiert, dass es eine wahre Freude ist. Mit kurzen Worten weist er mir den Grasweg zum Hügel, ich strecke ihm meine Hand hin und nenne ihm meinen Namen, er mir den seinen – und jeder geht seines Weges unter dem Abendhimmel.

Die Gummifabrik in Sanok. Gründer war der Österreicher Oskar Schmidt im Jahr 1932. 1944 kam es in der Fabrik, inzwischen unter ukrainischer Führung, zu einer Explosion und in der Folge zu einem Brand, bei dem um die 70 Menschen starben.

Der Marktplatz von Sanok. Im Städtchen lebten bis zum Ausbruch des 2. Weltkriegs an die 5000 Juden bei ungefähr 10.000 Einwohnern. Der Marktplatz ist quadratisch und von zweigeschossigen Häusern umgeben. So werde ich es noch in einigen Provinzstädtchen sehen. Hier sind Cafés und ein paar Läden, das Rathaus und vor allem: Leute, Kinder, Jung und Alt – lebendig!

Eine Garagenlandschaft aus vergangenen Zeiten in Sanok: Fiat Polski 126, im Volksmund „Maluch“, „Der Kleine“ genannt und daneben die „FSM Syrena“ bzw. „Die Meerjungfrau“

Auf meinem Weg begegne ich nicht wenigen interessanten und kunstvollen Wandmalereien: Naftali Scheiner, der letzte Jude Sanoks, porträtiert von Arkadiusz Andrejkow auf einer Wand der ehemaligen Schenke „Murowanka“. Hier lebte Scheiner, der seine gesamte Familie im Krieg verloren hatte und einige Jahre Lagerhaft im sowjetischen Jakutien verbrachte, seine letzten Jahre im Dachgeschoss ganz allein nur mit seinem hinkenden Hund Mischka.

Vor einem Dorfladen kurz nach Geschäftsschluss

Nach einem schweißtreibenden Wandertag komme ich endlich hinunter in ein Dorf. Ich habe etwas, was ich schon lange nicht mehr hatte: Bierdurst! Zum Glück gibt es im Gegensatz zu Deutschland in jedem Dorf einen Laden, also mindestens einen. Früher war es üblich, halbe Tage in bester Gesellschaft vor dem Laden zu verbringen, etwas gegen den Durst in der Hand, und die Welt zu besprechen. Dies war traditionell den Männern vorbehalten. Irgendwann hat das anscheinend überhandgenommen, und es wurde unter Strafe verboten. Vor diesem Laden aber lebt die Tradition noch, und ich erfahre viel über die alten Zeiten und die Gegend. Dieses Dorf war das einzige polnische weit und breit, drumherum nur ukrainische Dörfer, wie mir der Mann im geknöpften Hemd berichtet.

Es gibt so viel zu erzählen! Aber theoretisch muss ich weiter, es wird Abend und die Nachtplatzsuche wartet. -„Na nicht so schnell, hier noch ein Bier!“ Ich versuche abzulehnen, doch da legt man mir das Bier auf den Rucksack. Hm, soll ich es unnütz herumschleppen? Also Verlängerung.. -„Bist du wirklich Deutscher? Du hast doch einen ukrainischen Akzent!“ Ich verwahre mich gegen die Vermutung, Ukrainer zu sein, doch ob das in der Runde ankommt? Was soll’s, lasst uns lieber noch ein Foto schießen. Als ich endlich auf der Dorfstraße bin, empfinde ich eine eigentümlich wohlige Schwere in den Beinen und wohl auch etwas im Kopf. Ach, das polnische Dorf – es lebt ja doch noch!

Der Sommer ist wechselhaft, vor allem im Wald wird es nass.

So war es früher: Lemken, Polen und Juden lebten beisammen.

Die Lemken oder Russinen lebten ursprünglich im heutigen Südostpolen in den Karpaten und den Niederen Beskiden. Ihr Lebensraum war das Dorf, und sie ernährten sich von Viehzucht und Ackerbau. Direkt nach dem 2. Weltkrieg wurden sie mittels der „Aktion Weichsel“ („akcja Wisła“) aus Polen vor allem in die Ukraine, aber auch innerhalb Polens vor allem nach Niederschlesien zwangsumgesiedelt.

Die Polen waren in Dorf und Stadt zu Hause, während die Juden überwiegend die kleineren Städte bewohnten, ihr Schtetl. Die jüdischen Händler, die polnischen Handwerker und die russinischen Bauern – etwas verkürzt dargestellt -, sie lebten zwar für sich, aber sie ergänzten sich. Jeder konnte etwas geben, und jeder war an Waren- oder Dienstleistungsaustausch mit dem anderen interessiert. So ging das jahrhundertelang… An vielen Orten, am Waldrand, an einem Sträßchen, gibt es Hinweise auf dieses vergangene Leben.

Die Niederen Beskiden: kaum Wanderer, aber verträumt schön.

Oben auf dem buckligen Berg Cergowa treffe ich dann doch einen Wanderer. Er heißt Dawid (poln. Schreibweise), und die nächsten vier Tage sind wir gemeinsam unterwegs. Den letzten dieser Tage gehen wir zusammen mit Dawids Freundin Iza (gespr. Isa), die uns leckere selbstgemachte Piroggen, Teigtaschen mit Füllung, mitbringt.

Typisches Lemkenkirchlein in den Niederen Beskiden

Soldatenfriedhof, 1. Weltkrieg: Auf dieser herrlichen Waldlichtung auf einer Berghöhe mussten sie sich erschießen und erschlagen – Soldaten der österreichisch-ungarischen und der russischen Armee.

In der Waldeshöhe auf dem Soldatenfriedhof diese Worte:
„Klagt nicht dass unser Grab der Sturm umheult
Auf dieser einsam menschenfernen Höhe,
Hier sind dem Ruf der Ewigkeit wir näher,
Und früher wirft allmorgendlich die Sonne
Ihr Purpurbahrtuch leuchtend über uns.”

Dörfer und Kirchen, Felder und Wald..

Zu Besuch bei Pani Danusia (Frau ‚Danuscha‘) und Andrzej (‚Andschej‘, dt. Andreas)

In Krynica bringe ich Dawid und Iza zum Bus. Sie müssen nach Hause und am Montag wieder arbeiten. Ich nehme einen Tag frei, die Niederen Beskiden liegen hinter mir, ich brauche eine neue Landkarte, meine Wäsche muss trocknen, und meine Knochen brauchen etwas Ruhe. Auf dem Weg zurück vom Städtchenspaziergang zur Herberge telefoniere ich in einer Gartenkolonie mit meiner Mutter. Ein Herr in der Nähe hört das und ruft etwas auf deutsch (die meisten Polen können ein paar Brocken Deutsch, wenn sie es nicht gar fließend sprechen). Später sind wir zu dritt im Garten, ich pflücke Johannisbeeren, wir trinken Kaffee. Polnische Gastfreundschaft ist vollkommen ungezwungen: einfach da sein und die Seele baumeln lassen, der Rest passiert von alleine. Andrzej echauffiert sich über die katholische Kirche, Pani Danusia macht sich um mich Sorgen, ich erzähle von meiner Reise. Zwischendurch zeigt mir Andrzej eine von ihm und auch Danusia verehrte österreichische (oder bayrische?) Volksliedsängerin am Computer, von der ich noch nichts wusste und deren Namen ich leider bald vergesse, irrlichtert philosophierend durch die Weltgeschichte, dass ich kaum folgen kann, und Danusia treibt mich zurück in die Herberge, weil es gewittern soll. Vorher macht sie mir noch ein ordentliches Vesper, damit ich nicht noch dünner werde unterwegs und sagt mir zum Abschied, ich sei ein so außerordentlich liebenswürdiges Geschöpf, so verloren in der Welt, so ratlos, so naiv… Ich sage euch, die Polen sind einfach, offen, direkt und vor allem eins: herzlich!

Geschichte am Wegrand: „Hier starb am 15.9.1944 Stanisław Wilga-Bury, Partisan der 9. Kompanie des 3. Bataillons des 1. Schützenregiments „Podhale“ – Heimatarmee. Ehre seinem Andenken“

Pani Michalina

Der Beskidenweg führt direkt am Haus von Pani Michalina vorbei. Ihre Hunde begrüßen mich laut bellend, sie gebietet ihnen, doch endlich still zu sein, die Katzen lassen sich nicht stören. Sie lächelt mir freundlich zu, und bald befinden wir uns im Weltenkosmos, der seit ihrer Kindheit hier vorübergezogen ist. Sie erinnert sich lebhaft an den Wehrmachtssoldaten, einen Schlesier, der sah, wie sie das Essen, das sie ihrem Vater aufs Feld bringen sollte, verschüttete, und der sie aufforderte, mit ihr zum Stab zu kommen. Er gab ihr ein Brot, und all die Zeit über, die die Soldaten in der Gegend waren, jeden Tag wieder eines. Noch heute wundert sie sich darüber, dass sie auf dem Weg zum Stab keine Angst vor den Soldaten hatte. Schließlich hätten sie sie erschießen können, wie sie sagt… Auch die Ukrainer kamen vorbei, in Uniform, und auch die benahmen sich anständig. Andere Soldaten, die Nahrung auftreiben sollten, waren betrunken und schliefen ihren Rausch in der Nähe des Häuschens aus.

Irgendwann, viel später, kamen die ersten Touristen. Sie hat sogar schon Post von ihnen bekommen. Mit einer jüngeren Frau aus den USA führt sie seit Jahren Korrespondenz, und diese kommt sogar regelmäßig auf Besuch. Die Frau ist so begeistert von Michalina, umarmt und küsst sie, als sei sie ihre Mutter oder Großmutter. Ich hätte gar nicht gedacht, dass auf dem Weg so viele unterschiedliche Nationalitäten unterwegs sind – aber wer sollte besser Bescheid wissen als Pani Michalina?! Und warum habe ich nicht gleich meinen schweren Rucksack – wenigstens fühlt er sich jetzt immer schwerer an – abgesetzt? Aber ich wusste ja nicht, wer hier so ruhig und heiter vor mir steht. In Michalina sind das Kind, die Frau, die Großmutter alle zugleich da und verstehen sich allerbestens. Wie sie so voller Bejahung auf die Welt schaut, mit dieser Gelassenheit und Heiterkeit.. Die Zeit vergeht, trotz Rucksack auf dem Buckel, wie im Flug!

Die Nacht nach der Begegnung mit Pani Michalina ist verregnet, und ich verbringe sie unter dem Vordach eines verschlossenen Hauses, das eigentlich eine Wanderunterkunft sein sollte. Davon ist nichts zu sehen. Wie ein Partisan fühle ich mich nicht, doch hoffe ich, dass ich unentdeckt bleibe. Am Morgen tauchen zwei Wanderer auf, die mir berichten, Frau Michalina hätte sich wegen des Regens und der schon recht späten Abendzeit um mich Sorgen gemacht..

Das Dörflein Łapsze Wyżne, dt. ausgesprochen ungefähr ‚Uapsche Wyschne‘. Auf dem grünen Hügel über dem Dorf suche ich mir ein wahrlich romantisches Plätzchen neben einem Busch. Bald fängt es an zu stürmen. Kommt ein Gewitter auf? Zweimal reißt es mir den zum Wind stehenden Kopfteil des Zeltes weg. Ich blicke zu Jesus an seinem Kreuz aus Metall, das ganz in meiner Nähe hier oben steht, und bitte ihn, die Götter zu besänftigen. Der Sturm legt sich, Blitz und Donner verstummen, und mit dem Trommeln des Regens schlafe ich irgendwann ein.

Solche Plätzchen haben auch etwas: Natur und Zivilisation geben sich die Hand. Meine letzte Nacht vor Zakopane, dem Ausgangspunkt in die Hohe Tatra.

Die Krupówki (‚Krupuwki‘-Straße) im Herzen von Zakopane

Wer in die Hohe Tatra will, kommt an Zakopane nicht vorbei. Und natürlich auch nicht an der berühmtesten Fußgängerpromenade Polens, der Krupówki-Straße, einfach „Krupówki“ genannt. Wer hat hier nicht schon sein Geld verloren, den Verstand oder sein sonst so besonnenes Gemüt? Jedenfalls sollte man ein gewisses Maß an Gelassenheit mitbringen, wenn man sich auf diese Touristenmeile begibt. Ein familiäres Gefühl stellt sich nicht unbedingt ein, auch wenn man hier ganz Polen auf einen Schlag treffen mag. Es ist einfach zu viel. Tatsächlich. Da ich aber auf der Suche nach Merino-Unterwäsche bin, die ich sonst nirgends finden kann, begebe auch ich mich auf den „deptak“, die Fußgängermeile. In den Fenstern der Cafés und Restaurants sitzen oder stehen Musikgruppen in traditioneller Kleidung, die die Musik der Hochländer spielen, immer mehrere Geigen und ein umgehängter Bass in Cellogröße dabei. Überall Menschen, stehend, gehend, sitzend, Bergler-Musik schwappt aus der Konserve, Futtern wie bei Muttern, NorthFace und Konsorten, Konsum und Kommerz. Es hat schon ein gewisses Flair, aber: Ohne Geld läuft an diesem Ort nicht viel. Als ich endlich mein Merinozeug finde, darf auch ich noch ein paar Scheinchen hier versenken.

Tatra im Abendlicht

Morskie Oko, hinten, und Czarny Staw – das Meerauge und der Schwarze Teich

Vom Morskie Oko unterhalb des höchsten Berges Polens namens Rysy hatte ich schon viel und oft gehört. Ich bin mit Dawid und Iza verabredet, und wir treffen uns noch früh am Morgen unterhalb des Sees an der Berghütte. Es sind schon einige Leute unterwegs, noch nicht wie auf der Zakopaner Krupówki, doch das kann ja noch kommen. Dawid hatte mir schon in den Beskiden Schauermärchen von den Wanderermassen erzählt, die im Sommer in der Tatra unterwegs sind. Mittlerweile bin ich doch neugierig. Ob wir übereinanderstürzen werden?

Aufstieg auf den Rysy

Es sind tatsächlich nicht wenige Leute unterwegs, manche von ihnen trotz der Morgenstunde auch schon wieder nach unten, aber irgendwie geht es. An manchen Stellen staut es sich, doch es gibt immer Ausweich- oder Umgehungsmöglichkeiten. Beim Überholen sollte man allerdings darauf achten, keinen Steinschlag auszulösen. Das kommt sowieso immer mal wieder vor, irgendwo fliegt ein handballgroßes Geschoss, und dann hallt es über den Hang: „Kamieeeeń!!!“ – „Steiiiin!!!“ Es wird gescherzt, bekannte Gesichter gegrüßt, ein gewisses familiäres Gefühl stellt sich allmählich ein. Es ist ja auch die halbe polnische Familie vor Ort, die andere Hälfte schmort am Strand der Ostseeküste. Ich fühle mich wie auf Schulausflug und schön, dass ich mit Iza und Dawid nicht allein bin in der Menge.

Was ich doch erstaunlich finde: Ganz Polen scheint schon einmal auf diesem Berg gewesen zu sein. Und nicht nur auf diesem, auch auf allen umliegenden, und in den Tälern auch. Mein Freund Wiktor kennt sie auch alle, obwohl er ja fast sein ganzes Leben in der Nähe von Warschau wohnt. Von Kindesbeinen auf, in der Schulzeit, im Studium, irgendwohin ging es immer im Land, am meisten in die Berge oder an die Küste. Daran ist eigentlich nichts Außergewöhnliches, aber eines ist eben doch besonders: diese Vertrautheit! Das wäre dann so, wie wenn mir in Deutschland Menschen von jung bis alt in Salzgitter oder Osnabrück auf Anhieb die verschiedenen Berggipfel im Nördlichen, Mittleren und Südlichen Schwarzwald aufzählen würden oder die Täler meiner Südschwarzwälder Heimat, also Wiesental, Münstertal, Kandertal… Vielleicht würde man diesem Phänomen eher im Osten unseres Landes begegnen, also was Ostseeküste, Thüringerwald oder Erzgebirge betrifft? Wie dem auch sei, ich staune immer wieder, wenn ich den unterschiedlichsten Leuten aus irgendeinem Teil Polens von meinem Weg durch die kleinen und großen Berge berichte und dann die Frage kommt: Und warst du auch da und da, das ist doch gleich nebendran oder da und…?

Gipfelfreuden: Blick auf die slowakische Zwillingsspitze des Rysy, die ein paar Meter höher ist als die polnische Spitze. Ohne Gipfelfoto geht hier natürlich gar nichts.

Am frühen Abend umrunden wir noch einmal das Meerauge – ruhig und friedlich liegt es da, als wär hier nie ein Mensch gewesen.

Teil der großen Familie: der Hirsch im Tal der Fünf Seen. Von ihm hatte ich vorher noch nichts gehört, aber auf einmal steht er da. Angst scheint er nicht zu haben, doch zu engen Kontakt vermeidet er. Er hat sich offensichtlich ganz gut an die vielen Menschen gewöhnt, die hier immer wieder vorbeiziehen.

In der Berghütte im Tal der Fünf Seen treffe ich Magda, eine Deutschlehrerin aus Stettin. Sie fragt mich, ob ich nicht ein Stück des Klettersteiges mit ihr gehen will. Es wird ein schöner, langer, mit Berggipfeln gespickter Tag.

Magda kennt sich aus in den Bergen. Sie war schon oft hier, das Tal der Fünf Seen unten ist ihr zweites Wohnzimmer: Impression vom Klettersteig, gepaart mit Magdas klangvollem Deutsch.

Wer denkt, in höchster Höhe würde es immer einsamer, der irrt. Manch Wanderin ist unterwegs. Da könnte es heißen: „Oh, Wanderer, bei solchem Anblick tritt nicht fehl! Sei achtsam, und lasse nicht die Sinne dir verwirren!

Beim Blick zurück wird mir komisch zumute: Da sind wir gewesen? „O Boże!“ (in etwa ‚O Bosche!‘) – „Mein Gott!“

Magdas und mein Weg trennen sich leider schon wieder, weil Magda in ihre geliebte Berghütte zurückkehrt, und die zweite Tageshälfte bin ich wieder allein unterwegs. Es geht ewig über den langgezogenen Kamm, links die Slowakei und rechts im Nebel Polen. Hat das etwas zu bedeuten?

Meine Lieblings-Berghütte auf der Hala Kondratowa, der Kondratowa-Alm

Die Berghütte ist gerammelt voll. Rechts und links der Eingangstür und im gesamten Raum sind Matten ausgerollt, Schlafsäcke, Rucksäcke und sonstiger Kram darauf, ein paar junge Leute haben sich schon niedergelassen. Die drei Zimmer im Obergeschoss sind auch belegt. Wo soll ich da noch hin? Die Frau am Tresen sagt mir, ich könne mal oben im Flur schauen. Genau das tue ich und entdecke ein Stockwerk höher im kleinen Vorraum zu den Zimmern eine große hölzerne Bauerntruhe. Ich besehe sie mir ausgiebig, und beschließe, auf ihr die Nacht zu verbringen. Ein Stuhl mit Auflage darangestellt, Matte und Schlafsack drübergelegt – und fertig ist die Nachtstatt! Übrigens eine der gemütlichsten bisher in Polen, nicht unbedingt zum Schlafen, aber die ganze Umgebung macht’s!

Die Schlange zur Dusche geht die ganze Treppe hoch. Ich lerne bei der Gelegenheit ein neues Wort: „zaklepać“ bzw. „saklepatsch“, also einen Platz in der Schlange „reservieren“. Bestimmt kein exotisches Wort, aber ich war ja lange komplett raus aus dem Polnischen. Ich reserviere also einen Platz in der Schlange zur Dusche, suche mir einen Platz am Tisch, bereite mein Gaskocher-Essen, Tütensuppe mit Suppennudeln, unterhalte mich mit der Jugend – und verpasse den Moment für die Duschschlange… Irgendwas läuft da schief. Später versuche ich es wieder. Eine Frau sagt, sie warte schon Ewigkeiten, ich gebe nach und lasse auch meine Tischnachbarn vor, ein junges Pärchen, die in aller Herrgottsfrühe auf den Berg wollen. Ehrlich gesagt, ist es mir mittlerweile auch völlig egal, es ist so gemütlich, die einen schlafen, die anderen futtern, die nächsten lachen, jemand sitzt auf der Treppe Schlange, die Lampe unter der Holzdecke verbreitet ein warmes Licht. Nach einiger Zeit sagt mir ein Jugendlicher Bescheid, ich könne jetzt in die Dusche..

Ich mag das, diese Ungezwungenheit, irgendwie läuft alles, nur keinen Stress. Niemand ist überhöflich, aber man gibt aufeinander acht. Wenn’s nicht gleich klappt, auch kein Problem. Wenn nicht jetzt, dann später..

Eine Bergziege zeigt ihr hübsches Kleid.

Der abendliche Abstieg zur Dolina Tomanowa, ins Tomanowa-Tal, ist wie ein Gedicht der Romantik. Alles ist ruhig, kein Wanderer begegnet mir, die Natur atmet still, und auch in mir wird es still.

Ein Góral, gespr. ‚Gural‘ (von góra – Berg), also ein Einheimischer aus der Tatragegend, wartet mit seinem Pferd auf Kundschaft, um diese ein Stück weit das Tal hinaufzubringen.

Auch ein Tatra-Hütehund ruht gerne mal aus.

Den Tatra-Hirtenkäse, der hauptsächlich aus Schafsmilch unter Beigabe geringerer Mengen an Kuh- oder Ziegenmilch hergestellt wird, kauft man am besten direkt vor Ort: Der geräucherte Oscypek schmeckt gut, auch wenn ich den cremigen und würzigen Bryndza bevorzuge. Falls ihr mal an solch eine Hütte kommt, Bacówka (‚Bazuwka‘) genannt, lasst euch auch einen großen Holzbecher Żyntyca, gespr. ‚Schyntyza‘, kredenzen, ein kefirartiges Getränk aus Schafsmilchmolke. Das löscht den Durst so gut wie Bier!

Do przodu, Polsko! Do boju, Polsko!

Eingedeutscht geschrieben: „Do pschodu, Polsko! Do boju, Polsko!“ – „Vorwärts, mein Polen! In den Kampf, mein Polen!“ Sind das nicht herrlich markige Worte? Etwas aus der Mode gekommen zwar, doch im polnischen Kontext durchaus akzeptabel – oder? Polen hat es als Land zwischen Ost und West, zwischen Russland und Deutschland nie leicht gehabt. Mehr als 100 Jahre lang war Polen gänzlich von der Landkarte Europas verschwunden, nachdem Russland, Habsburg und Preußen den polnischen Kuchen unter sich aufgeteilt hatten. Erst nach dem Ende des 1. Weltkriegs sollte „Weiß-Rot“, die Farben Polens, wiederauferstehen. Das war mit Hitler und Stalin alsbald wieder Geschichte, Polen wurde gar zum Land der Vernichtungslager degradiert. Was könnte einem Land, einem Volk schlimmeres passieren? Der Name Auschwitz (poln. Oświęcim, gesprochen ‚Oschwientschim‘) steht zwar für deutsche Verbrechen, doch wird er auch für immer mit Polen verbunden sein. Diese tragische Ungerechtigkeit hat sich den Polen angeheftet und lässt sich nicht so einfach abschütteln.

Zu kämpfen gab es für die unermüdlichen Polen genug, was die über die Jahrhunderte wiederkehrenden Aufstände gegen die in ihrem Land hausenden Fremdmächte zur Genüge beweisen. Mit der Solidarność-Bewegung (gespr. ‚Solidarnoschtsch‘) und dem Ende der sowjetischen Umarmung Polens ist jetzt wieder eine Zeit der Erholung zwischen Kampf, Aufstand und subversiver Guerillataktik eingekehrt. Vorläufig? Oder für eine längere, gar lange Zeit? Innerhalb einer westlich dominierten Europäischen Union oder doch besser außerhalb einer solchen, auf sich selbst zurückgeworfen, aber „frei“? Wer weiß das schon..

Es ist nicht verwunderlich, dass das Anfang der 2000er entstandene Kampflied „Do przodu, Polsko! Do boju, Polsko!“ – voller Hingabe gesungen vom vollblütigen Tenor-Beau Marek Torzewski und noch markanter intoniert von meinem Freund Wiktor am Küchentisch im heimischen Piastów (gespr. ‚Piastuw‘) bei Warschau – sogleich zur Hymne des polnischen Fußballs aufstieg. Gemeinsam mit der weiß-roten Anhängerschar wird sogar der Teufel besiegt. Auf deutsch würde das befremdlich klingen, auf polnisch geht der Höllenfürst locker mit durch. Leider verhilft die Kampfesode den tapferen polnischen Ballartisten nicht immer zum Sieg über den Feind, und manches Mal ist dem Teufel in Gestalt der gegnerischen Mannschaft nicht beizukommen. Doch das kennen die Polen ja zur Genüge aus ihrer bewegten Geschichte. Aber was soll’s, das Entscheidende ist, nie aufzugeben und sich immer wieder unerschrocken hineinzuwerfen ins wogende Kampfgetümmel, ob auf dem grünen Rasen oder in den unergründlichen Räumen der Weltgeschichte. Noch ist Polen nicht verloren!

Bevor ich meine „ewige“ Reise von Sibirien ins spanische Santiago de Compostela von Südostpolen aus fortsetze, so weit war ich mit dem Rad gekommen, schaue ich mich noch etwas im Land um. Meinem Freund Wiktor statte ich einen Besuch in der Nähe von Warschau ab, und dann zieht es mich erst mal in den Norden nach Danzig, für mich Legende und das nicht nur, weil ich als Student dereinst in der Danziger Straße im Berliner Prenzlauer Berg wohnte.

Nicht nur die russische Großmutter ist Instanz, auch die polnische „babcia“, gespr. ‚Babtscha‘, hat das Potenzial. Pani Urszula (‚Urschula‘) mit ihrem Enkel Rafał (‚Rafau‘).

Die Bekanntschaft mit Pani Urszula – mit Frau Urszula, wie es die Polen ausdrücken – und ihrer Familie geht auf die 1980er Jahre zurück, als in Polen Lebensmittel und Alltagswaren knapp wurden. Wie viele andere (West-)Deutsche schickten auch meine Eltern Hilfspakete ins krisengebeutelte Land, das zwischen ’81 und ’83 einen Kriegszustand unter General Jaruzelski zu durchstehen hatte. Meine Eltern reisten nicht viel später mit meinem Bruder Christof im Auto durch Polen – ein Abenteuer der besonderen Art. Die Freundschaft mit Pani Urszula hält bis heute an. Ihre rustikale, humorvolle Art und ihre ungezwungene Gastfreundschaft verbinden sich mit einer großen – typisch slawischen – Herzlichkeit. Eines ist klar: Urszulka lässt sich von nichts unterkriegen!

Die Weichsel, poln. Wisła (gespr. ‚Wisua‘ mit Betonung auf dem i), hier in Urszulas Heimat Płock (‚Puock‘), gut 100 Kilometer von Warschau entfernt.

Der Umschlagplatz in Warschau. Von hier aus wurden über 300.000 Juden aus dem Warschauer Ghetto in die Vernichtungslager verbracht.

Nicht weit vom Umschlagplatz befindet sich das Denkmal der im Osten Gefallenen und Ermordeten, also zu Ehren der Polen, die in Folge der sowjetischen Invasion 1939 in Ostpolen, in sibirischen Straflagern oder als Opfer der sowjetischen Massenmorde von Katyn ums Leben kamen.

Mein guter Freund Wiktor bei einer seiner Lieblingsbeschäftigungen: dem Suchen nach erlesenen Teilen aus Metall auf einem Schrottplatz in Piastów.

Ich kenne Wiktor seit Jahren. Und er ist aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken. Wenn wir uns an seinem Küchentisch zusammenfinden bei Kaffee oder Tee, bei Hering, sauren Gurken, geklopften Schnitzeln oder Brot mit abgehängter Wurst, wird Geschichte lebendig, und die Welt füllt sich mit Gestalten aus Literatur und Film, mit Polen, Deutschen, Russen, Juden und unzähligen anderen. Wiktors Witze reißen uns aus den verfahrendsten Situationen, wenn es keinen Ausweg aus gesellschaftlichen oder historischen Sackgassen zu geben scheint. Wiktor hat eine Engelsgeduld, sogar für mein nicht immer ideales Polnisch nimmt er sich Zeit und befreit mich aus manch hinterhältiger Fangschlinge der polnischen Grammatik. Wenn er seine 12-jährigen Drillinge Kaja, Wiktoria und Urszula bei sich hat, immer die halbe Woche, kommen sein großes Organisationstalent, seine Gerechtigkeitsliebe und vor allem die Vaterliebe zu seinen Töchtern zum Glühen.

Auf der Zugstrecke von Warschau nach Danzig liegt Malbork mit der Marienburg der Deutschordensritter. Im Laufe der Jahrhunderte wechselte sie vom Ordensstaat zur polnischen Krone und zu Preußen. Zum Ende des 2. Weltkriegs war sie Ruine.

Im Innern der Ordensburg

Danzig, poln. Gdańsk, liegt ganz im Norden an der Ostsee oder am „Baltischen Meer“, wie nicht nur die Polen sagen.

Die Altstadt schmiegt sich an die Mottlau (Motława), auf der Schiffe und Boote dahinziehen und über deren Wassern Möwen ihre spitzen Schreie ausstoßen. Die Stadt ist polnisch-deutsche Geschichte schlechthin. Unter ihrem Wahrzeichen, dem Krantor (im Hintergrund links zu erkennen), konnte ich zum vorerst letzten Mal meine Lieder zur Gitarre singen.

Hoch in den meeresbrisigen Danziger Himmel recken sich die Bürgerhäuser und hinter ihnen die gotische Marienkirche.

Auf der Westerplatte,

einer in der Ostsee gelegenen kleinen Halbinsel im Norden von Danzig, begann am 1. September 1939 das große Unglück. Von Land und See nahmen deutsche Streitkräfte auf der Westerplatte gelegene polnische Stellungen eines befestigten Munitionslagers unter Beschuss. Die polnischen Verteidiger erwehrten sich tagelang einer vielfachen deutschen Übermacht. Das war das Ende der Freien Stadt Danzig und der Beginn des Zweiten Weltkriegs.

„Nigdy więcej wojny“ (gespr. ‚Nigdy wienzej wojny‘) – „Nie wieder Krieg“. Westerplatte

Denkmal zu Ehren der Verteidiger der polnischen Post in Danzig

Zur gleichen Zeit als der Überfall auf die Westerplatte begann, griffen deutsche paramilitärische und Polizeieinheiten ein Gebäude der polnischen Post in Danzig an. Die Verteidigung der Post dauerte von den frühen Morgenstunden bis in den Abend. Von den über 50 sich in der Post befindenden Personen, fast alle polnische Postbeamte, starben einige während des Gefechts, wenige konnten fliehen, die überlebenden 38 Postler wurden als Partisanen zum Tode verurteilt und erschossen. Die verantwortlichen Richter Kurt Bode und Hans-Werner Giesecke waren nach Kriegsende und Entnazifizierung erneut tätig als Richter in hoher Position in Bremen sowie Frankfurt am Main. Und starben dort in den 70ern als angesehene Juristen…

Günter Grass und sein Oskar aus der „Blechtrommel“. Da sitzen sie, die beiden, auf einer Parkbank in Grass‘ legendenumwobenem Danziger Stadtteil Langfuhr, der auf polnisch – für alle Nichtpolen fast unaussprechbar – Wrzeszcz, ungefähr ‚Wscheschtsch‘ gesprochen, heißt. Aber welcher Tunichtgut hat Oskarchen die Trommelstöcke geklaut?

Am Eingang zur Stocznia (gespr. ‚Stotschnja‘) Gdańska, also zur Danziger Werft. Die drei Kreuze erinnern an die 41 Werftarbeiter in Gdynia, Danzig, Szczecin (‚Schtschetschin‘, dt. Stettin) und Elbląg (‚Elblonk‘, früher Elbing), die bei den auf die drastischen Preiserhöhungen von Fleisch und anderen Lebensmitteln erfolgten Streikaktionen im Dezember 1970 ums Leben kamen.

Sperrholzplatte mit den Streikforderungen der Danziger Werftarbeiter im August 1980

10 Jahre nach den tragischen Ereignissen um die streikenden polnischen Werftarbeiter schaut die Welt auf Danzig, wo sich die entstehende Solidarność-Bewegung nicht mehr von der realsozialistischen Staatsführung pazifizieren lässt. Die Danziger Werft mit ihren mutigen Männern und Frauen um Lech Wałęsa, Elektriker und charismatischer Streikführer, werden in die Geschichte eingehen, da sie das Ende des repressiven und kontrollverirrten Staatssozialismus in der östlichen Hemisphäre Europas einläuten.

Abend bei Sopot, dt. Zoppot, einem neben Danzig gelegenen Villenstädtchen.

Die in Gdynia, dt. Gdingen, liegende Dar Młodzieży (‚Dar Muodscheschy‘), die „Gabe der Jugend“, ein Anfang der 80er Jahre auf der Danziger Lenin-Werft (so hieß die Werft zu der Zeit) gebautes Segelschulschiff.

Lemberger Nächte sind lang…

Die Berge zu verlassen erfordert bei mir immer sehr viel Gleichmut. Es ist natürlich schön, mit dem Fahrrad hinunterzurollen, doch gleichzeitig entfernt man sich von der wilden Landschaft, den knuffigen Menschen, der guten Luft und nähert sich wieder dem permanenten Zivilisationsdruck. Unten ist ja alles viel ruppiger, die Menschen scheinen sich nicht mehr helfen zu wollen. Ich halte immer wieder am Straßenrand an und blicke sehnsuchtsvoll zurück in die sich entfernenden Höhen. Die Straßen werden breiter, die Kurven weniger, und der Verkehr nimmt zu. Es riecht nach stinkenden Abgasen und anderem Mief, die Augen werden trübe, der Blick stumpf. Da hilft nur abwarten, die Seele muss erst mal den Berg mit runterkommen. Ach ihr schönen Karpaten, werde ich euch noch einmal wiedersehen in diesem Leben?

Das Auge ist allerdings schneller als die Seele und schnappt in seiner Neugierde alles auf, was in sein Blickfeld gerät. Auf diese unbeirrbare Art zerrt es die Seele hinter sich her und erlaubt ihr nicht, sich in Schmerz und Melancholie zu verlieren. Das ist also ganz gut eingerichtet von Mutter Natur, und das Leben geht seinen Gang, ganz unabhängig davon, wo es sich gerade befindet.

Der Marktplatz des galizischen Drohobytsch

Im Provinzstädtchen Drohobytsch werde ich mich nicht lange aufhalten. Ein bißchen Straßen und Plätze kreuzen, das typisch Polnische an Häusern und Kirchen suchen, das Jiddische und Jüdische, die Habsburger Einflüsse. Ich höre zum ersten Mal in der Ukraine polnisch auf der Straße. Polnische Touristen, ganze Familien, spazieren die Straßen entlang. Polen ist ja nicht mehr weit weg, und es steht in die Luft geschrieben, dass hier früher einmal Polen war. Eine polnische Familie bleibt an einer in die Straße gelassenen Tafel stehen. Ich warte bis sie weitergehen und lese, dass genau hier Bruno Schulz von einem Gestapo-Offizier erschossen worden war. Er wollte zurück ins jüdische Ghetto mit einem Brot unterm Arm. Der Schriftsteller und Zeichner Bruno Schulz. Es heißt, zwei SS-Männer hätten ihre Privatjuden gehabt, und nun war einer der Juden erschossen worden, das musste gerächt werden, und so wurde auch der andere, Schulz, erschossen. Bruno Schulz, ein Jude, der kein jiddisch konnte, schrieb wie ein Franz Kafka, Marcel Proust oder Gabriel García Márquez, nur auf polnisch, und in seinen Zeichnungen seine Artgenossen und sich selbst auf sehr besondere Art skizzierte.

Die niedrigen, zweigeschossigen Häuser ziehen an mir vorüber, sie wollen immer noch das einstige Schtetl sein. Ob die Juden auch mal in die Berge gingen? Oder hatten sie keine Zeit und waren immerfort in ihre Schriften und ihren Schtetlalltag vertieft? Vielleicht hatten sie gar kein geeignetes Schuhwerk, und die Huzulenbauern in den Bergen waren ihnen fremder als fremd? Wahrscheinlich gingen sie nicht oft weg aus ihrem Schtetl, so wie Bruno Schulz Drohobytsch nie verlassen wollte, weder unter den Nazis, noch unter den Sowjets, noch unter sonst wem, denn dieses Städtchen sollte der Ort seines Schaffens sein und kein anderes.

Denkmal in Drohobytsch für Stepan Bandera, Anführer der Ukrainischen Aufstandsarmee

Es ist eine Krux mit diesem Stepan Bandera. Für die einen ist er ein fieser Nazikollaborateur, für die anderen Märtyrer und Held der ukrainischen Befreiungsbewegung. Ich hatte in Russland immer nur von den „Bandérowzy“ gehört, wenn es darum ging, die Ukrainer im Zusammenhang mit Euromajdan, Krimkrise und Krieg in der Ostukraine schlecht zu machen. Wenn jemand in Russland dieses Wort – „Bandera-Leute“ – in den Mund nimmt, ist klar, wie er oder sie über den Bruderkrieg mit der Ukraine denkt. Ich hatte allerdings den Verdacht, dass niemand in Russland nur annähernd eine Idee hat, wer dieser Bandera nun überhaupt war und für was er dereinst kämpfte.

Aber das war mehr ein Bauchgefühl, Skepsis, die mich immer befällt, wenn eine Situation vollkommen verfahren ist, und dann eine Seite für alles Übel der Welt verantwortlich gemacht wird. Als da könnten sein: Die Juden, der Osten, China, Moskau, die DDR, die Türken, die Verschwörer, der Schnee oder die Schweinefleischfresser. Irgendwas wird immer über den grünen Klee gefeiert und das Andere komplett fertiggemacht, je nach politischer Wetterlage oder Gruppenzugehörigkeit. Beim Überschreiten einer Staatsgrenze ergeben sich erstaunliche Dinge: Werte, Ansichten, Vorstellungen verändern sich so extrem, dass es in der Birne anfängt zu brausen.

Bandera und seine Knochen liegen jedenfalls in München auf dem Waldfriedhof, das mal so nebenbei zur allgemeinen Verwirrung. Er liegt da, weil er Ende der 1950er Jahre an seinem Wohn- und Zufluchtsort München von einem KGB-Angestellten mit einer Zyankali-Pistole ins Jenseits befördert worden sein soll. Diese Geschichte ist im allgemeinen anerkannt, doch gibt es auch Theorien, die den Urheber des Mordes in Zweifel ziehen und westliche Geheimdienste verantwortlich machen.

Bandera kam 1909 in Ostgalizien zur Welt, einer Region, die mit ihrer Metropole Lemberg (heute Lwiw) damals an der östlichen Peripherie der Habsburger Monarchie lag. Nach Ende des Ersten Weltkriegs kam das Land zum damals wiedergegründeten polnischen Staat. Doch dieser Staat war im multiethnischen Galizien nicht bei allen beliebt. Bandera organisierte in den 30er Jahren den Widerstand der ukrainischen Bevölkerungsgruppe gegen die polnische Obrigkeit – mit Waffengewalt. Für die Beteiligung an einem Attentat auf den polnischen Innenminister Bronisław Pieracki 1934 kam er lebenslänglich in Haft. Aus der Gefangenschaft im heute weißrussischen Brest entkam er 1939 im Zuge des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf Polen. Danach kollaborierte Banderas Organisation der Ukrainischen Nationalisten (OUN) mit Hitler, besonders nach dem Überfall auf die Sowjetunion 1941.

Banderas OUN und die dazugehörige Ukrainische Aufstandsarmee zeichneten dabei für die Ermordung zehntausender Polen, Juden und vieler sowjetischer Kommunisten in Lemberg und Umgebung verantwortlich. Bald gerieten Bandera und seine Leute aber auch mit den Nazis in Konflikt. Denn die ukrainischen Nationalisten riefen ohne deutsche Zustimmung einen eigenen Staat ins Leben. Dafür kam Bandera ins KZ Sachsenhausen, in Schutzhaft. 1944 wurde er aus dem Lager entlassen und blieb nach dem Krieg im Exil in München, wo ihn 1959 besagter KGB-Agent aufgespürt und mit Blausäure getötet haben soll.

Den meisten Polen und Russen galt und gilt Stepan Bandera als Kriegsverbrecher. Der israelische Staat bewertet seine Geschichte nicht anders. In der westlichen Ukraine, dem einstigen Galizien, stieg er nach der Loslösung von der Sowjetunion zum Nationalhelden auf. Kaum eine Stadt, die sich nicht ein Bandera-Denkmal leistet.

Wäre Stepan Bandera in den 70er oder 80er Jahren des 20. Jahrhunderts geboren worden, so würde er heute in einer – zumindest dem offiziellen Status nach – unabhängigen Ukraine leben. Vieles würde ihn stören in diesem Staat, und vielleicht würde er als euphorischer Streiter der ukrainischen Patrioten polarisieren. Bestimmt würde er in der Ostukraine kämpfen. Doch er würde nicht als Kriegsverbrecher und Mitbeteiligter am Holocaust gelten. Die postsowjetische Epoche hätte ihm diese Bühne nicht geboten.

Der Pakt, den Bandera sich gezwungen sah, mit Hitlerdeutschland zu schließen, um die sowjetische Herrschaft in der Ukraine zu beenden, war allenfalls eine Notlösung und sollte nur für eine begrenzte Zeit existieren. Bandera war früh bewusst, dass niemand an einer unabhängigen Ukraine interessiert war und dieses Ziel letztlich nur aus eigener Kraft erreicht werden konnte. Für seine Überzeugungen saß Bandera jahrelang in verschiedenen Gefängnissen, unter anderem anderthalb Jahre in Ketten geschmiedet in polnischer Isolationshaft, und zuletzt im deutschen KZ. Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg war eine einzige Flucht vor dem sowjetischen Geheimdienst durch verschiedene Städte in Westdeutschland und Österreich.

Nicht besser als Stepan Bandera erging es seinen Familienangehörigen und auch denen seiner Frau. 1941 töteten NKWDler, also Mitglieder der sowjetischen Geheimpolizei, Stepans Vater Andrij, griechisch-katholischer Geistlicher, in Kiew. Wassil und Olexa, Stepans Brüder, wurden nach ihrer Verhaftung durch die Deutschen in Auschwitz von polnischen Häftlingskapos erschlagen, die sich damit für die Ermordung ihrer Familien durch die OUN rächten. Das Schicksal des dritten Bruders Bohdan, auch ein Mitglied der OUN, blieb im Dunkeln. Marta und Oxana, die Schwestern Stepan Banderas, lernten die sowjetischen Straflager und die Verbannung kennen. Erst 1960 wurden sie aus der Verbannung entlassen, durften aber nicht in die Ukraine zurückkehren. Marta starb in Sibirien, die zehn Jahre jüngere Oxana konnte 1989 in die Ukraine heimkehren und dort noch fast zwanzig Jahre leben. Julia Oparowskaja, die Mutter von Stepans Frau Jaroslawa, wurde im Sommer 1944 von Soldaten der polnischen Volksarmee erschossen. Jaroslawas Bruder Lew Oparowski, Stepans Schwager, starb 1942 im berüchtigten Lemberger Gefängnis auf der Lonzki-Straße, eine andere Quelle berichtet, er sei von deutschen Soldaten erschossen worden.

Wie man es dreht und wendet – den Bandera, die Organisation der Ukrainischen Nationalisten (OUN), die Ukrainische Aufständischen Armee (UPA) – am Ende steht hier keine eindeutige Rechnung mit einem glatten Ergebnis. Die Verbrechen der polnischen Obrigkeit, des sowjetischen NKWD und der deutschen Nazis an den Ukrainern und vor allem an den sich in OUN und UPA Organisierten sind unbestritten. Wen überrascht es, dass sich ein seit Jahrhunderten von Fremdmächten beherrschtes Volk irgendwann auflehnt und beginnt, sich zur Wehr zu setzen? Es ist auch kein Wunder, dass dies unter nationalistischen Vorzeichen geschieht, wenn die Menschen aufgrund ihrer ethnischen bzw. Volkszugehörigkeit Unterdrückung erleiden müssen. Die Tradition, für die eigenen Rechte, sein Land und sein Volk zu kämpfen, geht in der Ukraine auf die stolzen Kosaken zurück, und seither sind Jahrhunderte vergangen. Die Indianer Nordamerikas haben sich zur Wehr gesetzt, die Mexikaner gegen die Spanier gekämpft, Nordiren gegen den englischen Herrn, Kurden für ein eigenes Land, Kaukasier gegen sowjetische und russische Bevormundung… Die Liste mag schier endlos sein. Dass nun viele Westukrainer mit den deutschen Nazis kollaborierten, so wie es Tschetschenen, Tataren, Kalmyken, Balten und andere Völker im sowjetischen Machtgebiet taten, ehrlich gesagt, auch das kann einen nicht wirklich verwundern.

Doch das war eine Tragödie und die Folgen dieser unsäglichen Zusammenarbeit verheerend. Diejenigen Juden, die vor der Ankunft der Deutschen 1941 im sowjetisch besetzten Lemberg mit der UdSSR-Administration sympathisierten oder für sie arbeiteten, waren dem Tod geweiht und mit diesen zusammen viele Tausende anderer Juden, die mit den Sowjets rein gar nichts zu tun hatten und im Lemberger Pogrom von fanatisierten Ukrainern getötet wurden. Die Juden mussten mal wieder herhalten als Sündenbock für alles Übel der Welt. Waren es nicht die Juden, die schon unter den polnischen Herren in der Gutsverwaltung saßen und vielen ukrainischen Bauern deshalb verhasst waren? Und: Sich endlich an den Polen rächen, sie vertreiben, wie es dereinst die Kosaken taten, dem polnischen „Pan“, diesem nichtstuerischen adligen Herrn zeigen, wer der wahre Herr im Haus ist. Aber wie viele unschuldige polnische Bauernfamilien, Lehrer und Akademiker (im Lemberger Professorenmord 1941), Menschen zu Stadt und Land wurden in Wolhynien und Galizien gemordet? Und natürlich: Wer als Vertreter der verachteten sowjetischen Staatsmacht aufkreuzte, von NKWD-ist bis Rote-Armee-Soldat, der war sowieso Todfeind. Der hatte sein Leben verwirkt, bevor er nur einmal einen tiefen Atemzug ukrainischer Luft in seine Lungen pumpen konnte. Das war der Kampf gegen alle wirklichen und gegen alle eingebildeten Feinde, ein Krieg, in dem alle Allianzen erlaubt waren, solange sie auf dem Weg zur nationalen Befreiung irgend hilfreich sein konnten, ein Krieg, der die schlimmsten Greuel in mildes Sonnenlicht tauchte, wenn dieses Licht nur von einem kündete: Freiheit, Freiheit, Freiheit!!!

Ich persönlich glaube nicht, dass Stepan Bandera ein Naziideologe war, ein Faschist, eher ein verzweifelter Kämpfer auf verlorenem Posten. Jemand, der für eine gerechte Sache kämpfte, sich dabei schuldig machte, vor lauter Ausweglosigkeit zu den brutalsten Methoden griff und in seinem Brand viele Unschuldige und Unbeteiligte in das Massengrab des 20. Jahrhunderts hineinriss. Doch ich verhehle nicht gewisse Sympathien, vielleicht aus Trotz, schwer zu sagen, vielleicht weil der Kampf um Freiheit und Selbständigkeit immer etwas Verzweifeltes und Heroisches an sich hat? Vielleicht sind es auch nur kleine Mosaiksteinchen, die mir auf meiner Reise durch die Ukraine vor die Füße kullern, kleine Momente, z.B. als mir die lebensfrohe Irina aus Iwano-Frankiwsk die „krijiwka“ im Wald zeigt, ein Versteck unter der Erde, wo sich UPA-Leute bis zuletzt vor den sowjetischen Häschern verbargen. Kann ich zulassen, dass jemand die Granate in die Erdbehausung wirft, um diesen Widerspenstigen den Garaus zu machen?        

Die ab 2014 sanierte Choral-Synagoge in Drohobytsch, die einstige Zentralsynagoge für das Kronland Galizien

Die letzte Nacht vor Lemberg verbringe ich im Garten einer Kirche. Es ist Ende Oktober 2019, die nasskalten Tage sind herangerückt.

Herbstlandschaft bei Lwiw

Einfahrt in die Stadt

In einer alten Stadt wie Lemberg begegnen wir natürlich vielen Kirchen, hier der seit 1990 griechisch-katholischen Sankt-Andreas-Kirche (Zerkwa swjatoho Andrija), ehemals Teil des römisch-katholischen Bernhardiner-Klosters.

„Soli Deo honor et gloria“

– „Allein Gott gebührt Ehre und Ruhm“: lateinische Aufschrift auf der Kathedrale des einstigen Dominikanerordens, unter dem polnischen Hetman (Heerführer) Joseph Potocki erbaut. In sowjetischen Zeiten war hier das Religions- und Atheismus-Museum untergebracht. Unter dem Gewölbe hing dafür das Mitte des 19. Jahrhunderts zum ersten Mal die Rotation der Erde nachweisende Pendel von Foucault als Zeichen für das kommende Ende jedweder Religion. In der heutigen Zeit dient die Kirche wieder ihrem ursprünglichen Ziel, nur der Ritus hat sich verändert, vom römisch-katholischen zu dem in der westlichen Ukraine weitverbreiteten griechisch-katholischen.

Lwiw, Du alter zäher Löwe, wie vielen Stürmen hast Du widerstanden? Wie haben sie Dich verändert und dressiert, und Dir Dein Gesicht doch nicht nehmen können!

Der Löwe findet sich seit dem 13. Jahrhundert im Stadtwappen von Lemberg. Der Kiewer Rus entsprungen und von deren Fürsten Danilo von Galizien nach seinem Sohn Lew auf den Namen Lwiw (ukr.)/Lwow (russ.) – „Löwenstadt“ – getauft, über Jahrhunderte Teil des Polnischen Königreiches, nach der Teilung Polens in das Habsburger Reich übergegangen als Hauptstadt des Königreiches von Galizien und Lodomerien, nach dem Ersten Weltkrieg wieder polnisch, musste die Stadt sich im 20. Jahrhundert von ihrer ethnischen Vielfalt verabschieden. Juden, Armenier, Deutsche und Österreicher verschwanden aus dem Stadtbild, Polen wurden durch Ukrainer und Russen verdrängt. Was blieb, ist die Architektur, die sich zwischen Mittelalter, Renaissance, Barock, Jugendstil und sowjetischer Moderne bewegt. Und mit dieser äußeren Hülle ein Hauch von all dem, was vorher war. Was wiederum die Menschen prägt, die heute in Lwiw leben und mit Recht stolz sein können auf ihre Stadt.

Denkmal für die kurzlebige Westukrainische Volksrepublik

Die „Westukrainische Volksrepublik“ existierte nur wenige Monate nach der Auflösung des Habsburger Reiches am Ende des Ersten Weltkriegs. Der Zusammenschluss mit den innerhalb des Russischen Zarenreiches kulturell und geschichtlich anders geprägten Gebieten der ebenfalls neugegründeten „Ukrainischen Volksrepublik“ in der Zentral- und Ostukraine konnte das baldige Ende dieses ersten ukrainischen Staatsgebildes nicht verhindern. Das mehrheitlich von Polen bewohnte Lwiw (poln. Lwów, gesprochen „Lwuw“) wurde schnell vom nach dem Krieg wiedererstandenen polnischen Staat eingenommen, die zentralen und östlichen Teile an die Sowjetunion angegliedert. Das heutige Staatswappen der Ukraine, der hier von den Händen gehaltene Dreizack, ukr. trysub, stammt aus dieser Zeit.

Auf den Hügel über der Altstadt, genannt „Wysoki samok“ oder „Hohes Schloss“, treibt es jeden früher oder später hinauf. Die Atmosphäre hier oben bleibt trotz touristischen Sogs familiär ukrainisch.

„Alkotur“, alkoholische Tour im nächtlichen Lwiw mit Jura, links, und Roman, im Hintergrund ein fröhlicher Barkeeper

Eines Abends bummle ich durch die Altstadt auf der Suche nach einem Café, wo ich mich in Ruhe hinsetzen kann, um ein paar Nachrichten über meinen Handapparat zu verschicken. Ich finde einen Laden, in dem man alle möglichen Dinge aus Schokolade erwerben kann, z.B. eine Kalaschnikow in Kindergröße und andere Gebrauchsgegenstände. Die nette junge Verkäuferin weist mir einen Platz neben der Kasse auf einer Truhe. Bald taucht Besuch auf: ihre Freundinnen und zwei Jungs. Alles tummelt sich in der Tiefe des Ladens um den Kassentisch. Ich kann nicht umhin, das heitere Gespräch mitzuverfolgen, weil ich mich ja mit im Kreis befinde. Einer der jungen Männer linst zu mir herüber, eher noch auf die Truhe unter mir. Es geht um irgendwas Alkoholisches und mir wird klar, dass ich den Zugang dazu blockiere. Ich gebe den Weg frei, und flugs ist eine große Flasche Martini aus der Truhentiefe geborgen. Es wird ausgeschenkt einmal, zweimal, dreimal, die Flasche hat kein Gewicht mehr, und Jura lädt zur „alkotúr“. Die Mädels sind allerbester Laune, aber keines lässt sich von Jura überzeugen, mitzukommen: „Nein, nein, Jura, nicht heute, ich brauche eine Pause!“ Lachend verschwinden sie in die matt erleuchteten Gassen. Die Männlichkeit bleibt unter sich und schnell ist eine der kleineren und größeren Kneipen der Altstadt anvisiert.

Jura und Roman verdienen sich ihr Geld als Barkeeper und kennen sich bestens in der Szenerie aus. Sie bestellen bewährte Cocktails, und unser Gespräch gewinnt schnell an Fluss und Tiefe. Wir unterhalten uns auf russisch, später auf englisch, weil es den beiden Spaß macht, mal was anderes außer ukrainisch und russisch zu sprechen. Zwischendurch wechseln wir den Standort.

Roman ist Russe, also russischer Ukrainer und kommt von der Krim. Solange er auf der Schwarzmeer-Halbinsel wohnte, konnte er gar kein ukrainisch, weil es dort nicht verbreitet war und ist. Mittlerweile spricht er gut ukrainisch, auch wenn es ihn einige Mühe kostete und er seinen russischen Akzent behalten hat, wie Jura feixend berichtet: „Wir mussten ihn schlagen, immer wieder schlagen, bis er es endlich gelernt hat!“ Roman lacht bestätigend dazu, beide freuen sich an ihrer Freundschaft.

Roman war Jugendlicher als es 2014 auf der Krim losging. Er war mit seinem Vater irgendwo auf der Halbinsel unterwegs, als ihn dieser auf Kolonnen mit russischer Militärtechnik aufmerksam machte. Es dauerte nicht lange, es gab ein Referendum, und die Krim war nicht mehr ukrainisch, sondern russisch. Romans Familie entschloss sich bald darauf, in die Ukraine überzusiedeln. Die Zeit vor dem Verlassen der Krim war für Roman nicht einfach. Seine jugendlichen Freunde nannten ihn und seine Familie Verräter. Eine unterschwellige Feindseligkeit lag in der Luft. Seither war Roman nie mehr auf der heimatlichen Krim. Man merkt ihm an, dass es ihn immer noch schmerzt. Doch er zuckt mit den Achseln, er hat jetzt zum Glück eine neue Heimat und neue Freunde gefunden.

Spät in der Nacht gehen wir auseinander – der Weg nach Hause kommt mir unendlich vor und wie eine Bergbesteigung -, um uns schon am nächsten Abend wiederzutreffen. Roman ist ziemlich bleich, aber erledigt gewissenhaft seine Arbeit in einer großen Bar. Wir sind alle extrem nüchtern, und das soll sich wenigstens bei mir an diesem Abend nicht mehr ändern. So eine euphorische Alkotour durch das alte Lwiw lässt sich nicht so einfach wiederholen. Ich weiß das, und verabschiede mich bald in die Lwiwer Nachtluft.

Nicht nur in der Altstadt gibt es schöne Ecken.

Marianna und ihr Dimotschka, die ich mit dem Rad unterwegs im Land getroffen hatte, kommen extra mit dem Bus aus der Provinz angereist, um mir ihr Lwiw zu zeigen.

Bauernhaus im Museum für Volksarchitektur und Landleben

Das Schöne in Lwiw ist, dass man eigentlich alles zu Fuß erreichen kann. Sicher, will man ans andere Ende der Stadt, geht es schneller motorisiert oder mit dem Fahrrad. Aber wenn man etwas Zeit hat, kommt man zu Fuß locker rum. Oder man nimmt die gute alte Straßenbahn, die sicher und gemütlich ans Ziel holpert. Auch das Museumsdorf mit den schönen Bauernhäusern erreicht man gut auf zwei Beinen – aber von der Stadt hört und sieht man hier draußen nichts mehr.

Ein typischer Hebebaumbrunnen wie man ihn noch antreffen kann in der Ukraine, in Weißrussland oder Russland. Das schöne Wort „schuráwl“ (russ.) bzw. „schurawél“ (ukr.) bedeutet „Kranich“ und bezeichnet diese Art von Brunnen, die einer Landschaft einen besonderen Zauber verleihen können. Die Kranich-Brunnen werden aber immer seltener.

Ukrainische Bauernstube mit Stickereien

Ein gutes Dach ist die halbe Miete.

Es gibt einige Holzkirchlein im Museumsdorf zu bewundern. Schön sind sie vor allem zur Zeit der regelmäßig stattfindenden Gottesdienste. Dann duftet es nach Kerzen und Holz, und der durch die kleinen Fenster behutsam eindringende Sonnenschein taucht den Kirchenraum mit allem, was in ihm ist, natürlich auch die Menschen, in ein warmes Licht.

Oft sitzen in den Bauernhäusern und anderen Gebäuden des Museumsdorfes ältere Menschen aus Lemberg und Umgebung, die sich ihre karge Rente etwas aufbessern. Wenn sie gesprächig sind, erzählen sie von früher und wie das so war oder von ihren Großeltern und deren Zeit. Diese Dame hier ist Polin und damit dreisprachig, spricht sie ja fließend polnisch, ukrainisch und russisch.

Das berüchtigte Gefängnis in der ehemaligen Lonzki-Straße, das seinen Namen bis heute behalten hat: „Gefängnis auf der Lonzki“

Ich komme oft genug an dem Neo-Renaissance-Gebäude vorbei, liegt es doch ganz in der Nähe der Wohnung von Maxim und Michajlo, bei denen ich die Tage Unterschlupf gefunden habe. Es ist jetzt zu einem Museumskomplex geworden, was man aber so nicht erkennt. Die kleine Tür an der Stirnseite ist unscheinbar und nur von einem kleinen Hinweis geschmückt inklusive der Öffnungszeiten. Im Eingangsbereich sitzt ein echter Polizist, jedenfalls hat er eine Uniform an, aber er könnte auch von einer anderen Organisation sein, der mich nach meinem Ausweis fragt. Er verzieht keine Miene, und deutet mir an, weiterzugehen ins Innere des Gefängnisses.

Auf der Lonzki wurden von Anfang an politische Häftlinge eingesperrt. Das ging nach dem Ende des Ersten Weltkriegs los, als die Polen die ehemalige Habsburgische Gendarmeriekaserne zu einem Gefängnis ausbauten. Der wiedererstandene polnische Staat, der Ostgalizien und Lemberg gegen den bewaffneten Widerstand ukrainischer Befreiungskämpfer schnell in seine Grenzen aufnahm, sah sich gezwungen, den neuen Status Quo mit repressiven Maßnahmen gegen einen Teil der Bevölkerung aufrechtzuerhalten. Viele Menschen, gerade auch junge, schlossen sich dem ukrainischen Widerstand gegen die polnische Obrigkeit an, verübten Sabotageakte und Terroranschläge wie z.B. 1934 auf den polnischen Innenminister Bronisław Pieracki. In der Vernehmung und in Gefangenschaft verweigerten sich ukrainische Widerständler dem polnischen Sprachgebot. Die Sympathie der ukrainischen Bevölkerung mit dem Widerstand war allgegenwärtig.

1939 war diese Epoche auf der Lonzki-Straße beendet, Hitler und Stalin schlossen ihren Pakt, Lwiw wurde sowjetisch, und das Gefängnis ging als „Tjurmá nómer odín“/“Gefängnis Nr. 1“ in die Hände des verhassten sowjetischen Geheimdienstes NKWD über. Damit wurden auch viele Polen zu politischen Häftlingen. Als schließlich die Wehrmacht 1941 in Lemberg kurz vor dem Einmarsch stand und die Einheiten der sowjetischen Armee und des NKWD überstürzt abrücken mussten, war das Schicksal von fast 1000 Gefangenen besiegelt. Eine Evakuierung war nicht mehr möglich, also wurden sie erschossen. Auf diese Art entledigte sich die sowjetische Führung politischer Gegner, von denen im weiteren Kriegsverlauf mit höchster Wahrscheinlichkeit sehr viele aktiv gegen die Sowjetunion gekämpft hätten.

Was anschließend geschah, war nicht weniger schrecklich: Die deutschen Besatzer missbrauchten die Opfer der vertriebenen sowjetischen Besatzungsmacht für ihre Sache und führten die Lemberger Bevölkerung zur Lonzki-Straße, damit diese sich die Folgen des „jüdisch-bolschewistischen Terrors“ besehen könne. Lemberger Juden mussten die Leichen der Unglücklichen bergen und wurden somit direkt als sowjetische Kollaborateure inszeniert. Das Lemberger Judenpogrom von 1941 war vorbereitet, und es geschah, was geschehen sollte.

In den folgenden drei Jahren war „die Lonzki“ Gestapogefängnis. Der Boden des Gefängnishofes wurde mit Grabsteinen des alten jüdischen Friedhofs ausgelegt. Den Rest kann man sich vorstellen. Apropos jüdische Grabsteine: Auf eben solchen jüdischen Grabsteinen stand später das Lenindenkmal vor dem Opernplatz im Lwow der Nachkriegs-Sowjetära.

Mit dem Abgang der Nazis 1944 gelangte die Lonzki-Straße wieder in die Hände des NKWD, später in die des verwandten KGB. So ging das bis zum Fall des Eisernen Vorhangs, um sich dann noch ein paar Jahre im Rahmen des ukrainischen Geheimdienstes SBU fortzusetzen, bis das Gefängnis 1996 endlich geschlossen wurde.

Ich verweile stundenlang in der ehemaligen Häftlingsanstalt – der Totalitarismus kriecht hier aus jeder Ecke, es riecht danach, Staub, abgestandene Luft, die Farben oliv und braun-rot, die Zellen klein, ein Fensterchen oben, vergittert. Das Übliche. An einer Tür hängt ein Schild: „Todeszelle“. An den Wänden sind Stickereien aufgehängt. Es sind die typischen ukrainischen Stickereien, wunderschön in ihrer Naturhaftigkeit, manchmal nur ein kleines Quadrat mit einem altslawischen Muster, eine Ikone, eine Serviette, ein Hemd oder ein Teil davon. Die Stickereien sind Bestandteil der Volkskultur, werden angefertigt zu Hochzeiten, Begräbnissen, Taufen, Geburtstagen und sonstigen feierlichen Anlässen. Oft findet man sie an Ortseingängen in Form eines um ein Holzkreuz gewundenen langen Tuches. Die traditionellen Farben sind in erster Linie rot und weiß. In sowjetischen Gefängnissen war die Stickerei streng verboten, zu stark war die symbolische Kraft, die sich in ihnen entfaltete und auf die Häftlinge übertrug. Die durch sie bewirkte Verbindung mit den Vorfahren, ja mit der Seele des Volkes bedeutete den herrschenden Dienern einer seelenlosen Ideologie höchste Gefahr. So konnten die Frauen in den Gefängnissen und Lagern des Imperiums nur im Geheimen an ihren Stücken arbeiten. Die Nadel war eine Fischgräte, der Faden aus der eigenen Häftlingskleidung herausgetrennt.

Eine Patina gelebten Lebens haftet an den meisten Häusern in Lwiw.

Lemberger Straße. Im Vordergrund ein sowjetischer „Wolga“, Typ „GAS-21“. Die drei Buchstaben „GAS“ stehen für „Gorkowskij awtomobilnyj sawod“, „Gorki-Automobilwerke“, einen Fahrzeugbauer aus dem russischen Nischni Nowgorod an der Wolga. Die Stadt war zu sowjetischen Zeiten in Gorki umbenannt.

Besuch aus Moskau: Julia und ihr ältester Sohn Mischa.

Die beiden sind erfahrene Nord-, Süd-, Ukraine- und Lwow-Fahrer, und mit ihnen darf ich die Stadt wieder mit anderen Augen betrachten und erspüren. Besonders freue ich mich, wenn Julia, die Moskowiterin, mit ihrer offenen Art die Lemberger dazu bringt, sie in ihre Arme und Herzen zu schließen. Sei es das freundliche Ehepaar aus der Straßenbahn oder seien es die melancholisch-heiteren Herren Musiker im „sowjetischen“ Café oder sei es der leicht penetrante Mann mit der großen roten Nase im Institut für Messgeräte-Technik.

Kobsar am Tor zur Sankt-Georgs-Kathedrale in Lwiw

Schon wieder eine traurige Geschichte, aber auch eine schöne, denn dass es die Kobsaspieler gibt, sogar in unserer Zeit noch, ist ja etwas Schönes und Berührendes.

Die kobsa, die ukrainische Schalenhalslaute, war das Instrument des kobsar, eines meist blinden Barden, der von Stadt zu Stadt ziehend psalmy (christliche Lieder) und dumky (eigentlich „Gedanken“) genannte epische Heldenlieder der Kosaken auf der Suche nach Freiheit und Frieden vortrug. Auch Lieder mit einer erzieherischen Moral oder humoristische Lieder waren Teil des Repertoires eines Kobsaspielers. Wenn es wärmer wurde, brach er in Begleitung eines sehenden Jungen auf, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. So blieb ihm als Blinden das Betteln erspart. Außerdem waren die Kobsaspieler in Gilden organisiert, in denen sie das Rüstzeug für ihren Beruf vermittelt bekamen – kirchliches und episches Repertoire, das Spiel der Kobsa, aber auch die Gepflogenheiten im Umgang mit Kollegen, Dorfbevölkerung und Zuhörern, die Alltagsstruktur und den jahreszeitlichen Ablauf ihrer Darbietungen. Sie trugen ihre Balladen im Freien vor, im Kreis einer Familie, an Kircheneingängen, in Schenken, auf Märkten und Hochzeiten.

Die Kobsa ist nationales Sinnbild für die melodische ukrainische Seele. Der legendäre kosak Mamaj wird auf vielen Gemälden und Skulpturen, die Laute inmitten der freien Natur spielend, dargestellt (so die gelungene Bronzeskulptur auf dem Kiewer Platz der Unabhängigkeit, dem „Majdan Nesaleschnosti“ aus dem Jahr 2001), mit einem Pferd, Symbol für Freiheit und Treue, und einer Eiche mit daran hängenden Waffen als Symbol für die Kraft von Geist und Seele.

Hinter der Kunst des Kobsar stehen das Volkslied, das weit in die Vergangenheit zurückgreift, und die heimischen Melodien – darin offenbaren sich das gesamte ukrainische Volk und das gesamte Heimatland Ukraine. Er besang die Volksseele mit all ihrer Freude und all ihrem Leid. Die Blindheit des Kobsar war die beste Voraussetzung für seine große Kunst, denn im Volk galt, dass nur ein Blinder „in die Seele schauen“ kann. Die Seelenverbundenheit des blinden Kobsaspielers wird noch greifbarer durch das Kind, das ihn auf seinen Wegen leitete.

Die 20er und vor allem die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts wurden Schicksalsjahre für die Kobsaren: Stalin „säuberte“ die riesige Sowjetunion, eliminierte persönliche Feinde, potentielle Feinde, Klassenfeinde, Glaubensfeinde, Feinde, Feinde, Feinde… Die Kobsaren mussten ihm und seinen Glaubensgenossen ein Dorn im Auge sein, repräsentierten sie doch die alte Welt, spirituelle Werte, die Religion, eine Welt jenseits des Materiellen, ein Volk mit eigener Identität und eigenem Lebenswillen. Stalin musste diesen Willen brechen.

In der Zeit des Großen Terrors waren willkürliche Erschießungen an der Tagesordnung, und die Barden waren als religiös-archaisches Element der alten Gesellschaft natürlich ein Ziel der neuen Ordnung, doch der Kobsa- und Drehleierspieler waren zu viele. Neue Bestimmungen mussten her, um die Volkssänger an ihrem Tun zu hindern: die Gesetze zu „Bettelverbot“, „Registrierung der Musikinstrumente in den Abteilungen von Miliz und NKWD (Volkskommissariat für Inneres)“, „Genehmigung des Repertoires in den Dienststellen des Volkskommissariats für Bildung“, „Regulierung individuellen und kollektiven öffentlichen Musizierens“. In Presse und Literatur begann eine Hexenjagd auf Kobsaren und lirniki (Drehleierspieler), es wurde sich lustig gemacht über das „unverbesserliche nationalistische Element“. In „Musik-Kolchosen“ (kolchos = Kollektivwirtschaft) bzw. Musikerkollektiven sollten die singenden Klassenfeinde umerzogen werden – in Kapellen, Ensembles, Quartetten und Trios unter Beaufsichtigung des Narkompros, des Volkskommissariats für Bildung. Andere mussten Lieder schreiben, in denen die sowjetische Wirklichkeit in Person von Lenin und Stalin überhöht und in den wundervollsten Farben besungen wurde.

Allen Bemühungen zum Trotz wanderten die meisten Barden zunächst weiter durch das Land, sie waren weiterhin das Volksgedächtnis und dem Volk erste Stütze, dieses Gedächtnis im Sinne eines Bandes zwischen Vergangenheit und Gegenwart und damit auch in die Zukunft reichend nicht zu verlieren, sondern es ganz im Gegenteil beständig aufzufrischen und lebendig zu halten. Ein herausragendes Beispiel dieser Zeit ist der „Hunger-Epos“, die „Duma pro holod“ von Jegor Mowtschan über den Großen Hunger, den holodomor in der Ukraine zu Beginn der 1930er Jahre.

Das ging solange gut, bis es zu einem Bruch kam, dessen Ursache facettenreich ist. Der „Mythos vom Kongress der erschossenen Kobsaspieler“ muss dabei auch in unseren Tagen Mythos bleiben. Es soll sich in der ersten Hälfte der 30er Jahre abgespielt haben, als 200, 300 oder mehr Kobsa- und Leierspieler zu einem großen Bardentreffen in die damalige Hauptstadt der Ukrainischen SSR Charkow geladen wurden. Zu einem bestimmten Zeitpunkt des Kongresses seien die Musiker verhaftet, auf Lastwägen verfrachtet, in einen Wald geführt und allesamt erschossen worden. Die Musikinstrumente habe man neben ihnen verbrannt. Das Geschehen wird in verschiedensten Quellen auf der Basis mündlicher Berichte variantenreich beschrieben, allerdings ist bisher kein einziges Dokument aufgetaucht, das bezeugen könnte, dass dieses ungeheure Verbrechen tatsächlich stattgefunden hat.

Ob es nun Dokumente gibt oder nicht, bei den Geheimdiensten in Moskau, Kiew oder sonstwo – nach 1934 soll es im Land praktisch keine umherziehenden blinden Musiker mehr gegeben haben. Wo doch zu Beginn des 20. Jahrhunderts Tausende – es wird von bis zu 11 Tausend Kobsa- und Leierspielern gesprochen, so in einer Arbeit der ukrainischen Schriftstellerin Lesja Ukrainka und ihres Mannes und Musikwissenschaftlers Kliment Kwitka – in den Kobsarengilden organisiert waren. Wieviele von ihnen während des Großen Hungers in den Jahren 1932 und 1933 gestorben waren, bleibt unbekannt. Die Kollektivierung und vor allem das Gesetz zum Verbot der Bettelei, derer man die Spielleute heuchlerisch bezichtigte, mussten schon nach einigen Jahren durchschlagende Wirkung entfalten. Den Volkssängern war ganz schlicht die Möglichkeit genommen, für ihren Gesang und ihr Spiel Geld und Lebensmittel von ihren Zuhörern zu erhalten. Die Realität hieß Gefängnis, GULAG-Straflager, Konfiszierung von Kobsa und Leier – Repression, Verarmung, Hunger und Tod. Ohne Arbeit und Brot waren sie ihrer Existenzgrundlage beraubt.

Ab den 1960er Jahren begannen Musiker, Instrumentenbauer, Musikhistoriker sich mit der Wiederbelebung der uralten Tradition zu beschäftigen. Die (Wieder-)Gründung der Kiewer Kobsarengilde Ende der 80er geht auf diese Zeit zurück. Die Gilde ist Werkstatt und Versammlungsort in einem, Treffpunkt zur Wiederbelebung der Kobsarentraditionen, zur Rekonstruktion von Instrumenten und des alten Repertoires. Die Kobsarengilde schließt dabei alle Instrumente und damit verbundenen Gesänge der einstigen Barden in ihren Schaffensalltag mit ein: neben der Kobsa sind das vor allem die Bandura – eine Lautenzither, die Torban – eine gezupfte Halslaute, und die Lira – die bereits erwähnte Drehleier. Da einige Kobsaren die Tragödie von Großem Terror und Großem Hunger überlebt hatten, konnten sie ihre Kunst und ihr Wissen an Jüngere weitergeben, die auch wieder ihre Schüler hatten. Die von Historikern, Ethnologen und Fotografen angefertigten Audioaufnahmen, Textsammlungen, Fotografien und Beschreibungen waren unerlässlich für die Wiedergeburt des Kobsarentums.

In den 2000ern entstanden die Charkower und die Lemberger Kobsarengilden. Die Gilden sind im Nationalen Verband der Kobsaspieler vereint und mit ihnen natürlich auch die Barden und die, die es noch werden wollen. Seit 2008 führt die Kiewer Gilde alljährlich am Trinitatissonntag nach Pfingsten am Kiewer Höhlenkloster das Festival „Kobsarska Trijza“, das „Dreieinigkeitsfest der Kobsarenspieler“ durch, das den Beginn der Bardensaison in der alten Zeit markiert. Die Teilnehmer kommen aus der ganzen Ukraine, sehende und nichtsehende. Blinde Musiker werden vermehrt seit 2011 zum Erlernen des Kobsaspiels und des Gesanges ermuntert. Die Kobsa und die anderen Instrumente haben Einzug in die moderne Musik gehalten, so in der ukrainischen Folkrock-Szene. Aber das klassische Repertoire bleibt die lebensspendende Grundlage für die Weitergabe des verbindenden Geistes von ukrainischer Tradition und Lebensart. Heute gibt es nicht wenige meisterliche Kobsa-, Bandura-, Torban- und Lira-Barden, Männer, aber auch einige Frauen. Manche sitzen wie in der alten Zeit an einem Kircheingang oder in der Ecke eines Marktes. Glücklich, wer einen solchen Kobsaren hören und sehen darf.

Die Brüder Michajlo (links) und Maxim

Im Internetz entdecke ich auf der Radfahrerseite warmshowers Maxim. Ich brauche ihn nur anzurufen, und schon habe ich ein Domizil für die nächsten Tage. Am Ende wohne ich die ganzen zwei Wochen meiner Lemberger Zeit bei dem Brüderpaar. Es gibt zwei Zimmer, eine schmale Küche und ein kleines Bad. Heißes Wasser für die Wanne holen wir in einer Schüssel aus der Küche. Das ist nicht Standard, aber die Wohnungsmiete für die Brüder ist relativ günstig. Mein Beitrag: Ich gehe einkaufen, im Laden oder auf dem Markt. Maxim holt Lebensmittel von den Eltern im Dorf. Er ist Vegetarier und macht, neben anderen Gerichten, einen hervorragenden Krautsalat. Zwischendurch kommt noch Besuch aus Polen. Und ich bekomme für einige Tage Besuch aus Moskau von Julia und ihrem Sohn Mischa. Mehr Menschen oder weniger in den zwei Zimmern – alles lässt sich regeln, kein Problem.

Die Brüder sind mein Lwiwer Hafen. Es ist schön, sich mit ihnen zu unterhalten, da sie so unterschiedlich sind. Maxim, der Ältere, ist Reiseexperte und bietet Wanderungen und Radausflüge in die Karpaten an. Er hat Geologie studiert und kennt sich mit Böden und allem, was darinsteckt, perfekt aus. Einiges hat er schon gesehen von der Welt. Außerdem lernt und spricht er neben seiner Muttersprache Ukrainisch: russisch, polnisch, englisch, spanisch und türkisch. Er ist ein ernster Mensch und sehr gewissenhaft. Beständig bildet er sich fort, besucht Reisemessen, übersetzt Geologieartikel und trainiert halbtaglangen Dauerlauf in den Hügeln um Lwiw, um sich für seine Arbeit als Wanderführer fitzuhalten. Wir unterhalten uns auf polnisch, da Maxim um keinen Preis russisch reden will, jedenfalls nicht, wenn es nicht unbedingt sein muss. Michajlo versteht noch nicht so gut polnisch, kann sich aber sehr gut auf russisch ausdrücken, was ja sowieso normal ist in der Ukraine. Das führt zu der unterhaltsamen Situation, dass ich im gemeinsamen Gespräch mit beiden Brüdern ständig zwischen polnisch und russisch wechsle, je nachdem, ob ich Maxim antworte oder mich an Michajlo wende. Untereinander reden die beiden natürlich ukrainisch, das ich leider nur bruchstückhaft verstehen, noch weniger sprechen, dafür aber zur Hälfte lesen kann.

Ukrainisch ist übrigens eine sehr klangvolle, melodische und warme Sprache. Sie klingt mir der Natur und der ursprünglichen Musik des Volkes nah. Ich kann sie euch nur empfehlen – schwerer als russisch oder polnisch ist sie, glaube ich, nicht. Am besten ihr verliebt euch in einen Ukrainer oder eine Ukrainerin, dann werdet ihr es leicht haben.

Michajlo ist der musische Typ. Er ist beim Militärorchester und spielt dort die Querflöte. Denkt jetzt nicht, dass das irgendwie Rumstata wäre, nein, es ist schwungvoll und melodisch. Das Orchester tritt unter anderem in der Lemberger Oper auf. Und Michajlo spielt gut! Allerdings ist er in einer Findungsphase, da ihm der Alltag in der Armeekapelle zu eintönig ist. Kein Wunder. Er fragt mich einmal, was ich dächte, ob er die zwei verbleibenden Dienstjahre noch weitermachen solle.. Ich kann ihm keine Antwort geben.

Jedenfalls vergeht die Lwiwer Zeit im Fluge, und Maxim sagt mir in seiner lakonischen, von leichter Ironie untermalten Art, ich kenne Lwiw nun besser als er. Er ist ein Naturmensch und hat für die Stadt nicht so viel übrig. Lwiw soll für ihn nur Etappe bleiben. Wenn die Zeit gekommen ist, geht er wieder aufs Dorf.

Auf dem Abschnitt von Lwiw zur polnischen Grenze finde ich den Beweis: Der Jakobsweg beginnt schon in der Ukraine! Ortsschild von Stawtschany mit der Jakobsmuschel der Via Regia, der „Königlichen Straße“, die einst als Handels- und Pilgerweg von Kiew bis Santiago de Compostela im spanischen Galizien durch das gesamte Europa führte.

Nach der letzten Nacht in der Ukraine,

die ich Mitte November im Gemeindehaus einer Kirchengemeinde in einer kleinen Stadt verbringe – der Pfarrer bringt mir am Abend Suppe, Brot, Kartoffeln und andere essbare Kostbarkeiten in die Unterkunft – stehen die letzten Kilometer bis zur ukrainisch-polnischen Grenze vor mir. Am Tor zum Kirchhof berichtet mir eine Kirchgängerin, sie sei in Deutschland geboren und habe dort eine Weile zugebracht. Auch spricht sie ein paar Brocken deutsch. Das kommt, weil ihre Mutter Zwangsarbeiterin im Deutschen Reich war.

Einfahrt in das Städtchen Mostiska in der Lwiwer Oblast („Oblast“ = Gebiet oder Bezirk)

Auf ein Wiedersehen, Du wahre ukrainische Gastfreundschaft!

In Mostiska halte ich kurz am Straßenrand, als mich ein Herr mit silbernem Haar, silbergrauem Schnauzer und überhaupt gepflegtem Äußeren anspricht. Er holt auch gleich einen Zeitungsausschnitt aus seinem geparkten Auto hervor, darin ein Bild von ihm in Fahrradmontur mit Fahrrad zu sehen ist. Das war auf der Radreise mit einem Freund nach Rom. In Mostiska sind die beiden gestartet, und später sind sie auch noch in die Zeitung gekommen. Iwan ist ein so aufgeschlossener Mann, zugewandt heiter, mit einem Schuss Melancholie in den Augen, dass ich ihm seine Bitte, mir ein Mittagessen zu kredenzen, nicht ausschlagen kann. Ich versuche es zwar, will ich doch noch zur Grenze, und muss ich doch noch über die Grenze, doch es ist kein Kraut gewachsen gegen diese lachenden weinenden Augen.

Und schon sitzen wir in einem geräumigen Speiselokal, das an eine sowjetische stolówaja, eine Kantine fürs Volk, allerdings gehobene Klasse, erinnert. Wir nehmen das gleiche Essen, Gulasch mit Kartoffeln und Soße, und Iwan erlaubt es sich, uns eine Karaffe Wodka hinzuzubestellen. Da der Inhalt des ersten Kännchens schnell verschwunden war, bestellt Iwan noch ein zweites Karäfflein. Wir unterhalten uns angeregt über die entferntest gelegenen Dinge, mein Gastgeber weiß von Unergründlichem zu berichten. Zwischendurch schenkt er wieder ein, wir prosten uns zu, heben das Glas – und da passiert es! Iwan schluckt, prustet, sein Gesicht verzieht sich und verliert jegliche Contenance. Mir geht es nicht anders, jedoch gemäßigter, da ich das Glas vielleicht einen Tick später angesetzt habe und es beim Anblick Iwans nicht vollständig leere. Gleichwohl, ich breche in Lachen aus ob Iwans essigsaurer Miene. Auch er versucht jetzt etwas Ähnliches wie ein Lächeln, was ihm nur mit Mühe gelingt. Was ist nur mit dem Wodka geschehen? Nichts ist mit ihm geschehen. Nur dass in dem Lokal die Sitte herrscht, Essig und Wodka in den gleichen Gefäßen zu servieren. Essig stand schon auf dem Tisch, die zweite Wodkabestellung war noch nicht zu uns gelangt.. Stop, nein, so kann es nicht gewesen sein. Der Inhalt der zweiten Karaffe war auch schon verschwunden, und dann stand da immer noch ein Krüglein. Aber wer beobachtet das schon so genau und zählt pingelig ab… Mein Gastgeber war einfach etwas zu schwungvoll.

Nachdem ich das Ansinnen Iwans, mich im Hotel eines seiner Freunde für die Nacht unterzubringen, mit Geduld, Entgegenkommen und rücksichtsvoller Bestimmtheit abgelehnt habe, fahre ich los zur Grenze nach Polen. Es ist Nachmittag – wer weiß, wie lange das an der Grenze dauern wird. Schließlich habe ich zwei Monate illegaler Ukraine auf dem Buckel. Drei Monate darf man bleiben, und ich war jetzt schon fünf da. Na ja.

Die ukrainische Grenzerin muss von der Antike in die Moderne gesprungen sein. Sie ist bildschön, ihre langen braunen Haare umrahmen ihr beseeltes Gesicht, und sie trägt olivfarbene Soldatenkleider. Freundlich bittet sie um meinen Pass, um ihn sich genau anzuschauen. Ich warte auf das Urteil. Schließlich fragt sie mich, ob ich wisse, wie lange ich schon im Land sei. Ich murmle etwas von einigen Monaten, doch sie präzisiert und nennt die genaue Zahl und auch die andere, wie lange ich eigentlich hätte bleiben dürfen. Sie sagt mir, wir müssten irgendwohin gehen und ich solle ihr folgen.

Mein Rad, der gute Rappe, bleibt mit dem Gepäck neben ihrem Büdchen stehen, und wir gehen nach draußen zu einem anderen Container. In diesem sitzt ein uniformierter Mann, der mir die Frage stellt, warum ich so lange im Land geblieben wäre. Ich antworte wahrheitsgemäß, dass die Ukraine ein zu schönes Land sei und auch zu groß, um schnell hindurchzufahren. Ob das ziehen wird? Der Mann lässt sich durch meine Aussage nicht aus der Reserve locken, wirkt aber nicht bedrohlich. Die Schöne ist bei uns – ich will mich nicht blamieren. Endlich sagt er, er müsse nun die Strafe (russ. schtraf) berechnen und neigt sich zu seinem Computer.

Ich weiß ja schon, dass eine Gefängnisstrafe oder Untersuchungshaft ausfällt, weil ich mich mitten in der Ukraine am Dnjepr, und zwar in der großen Stadt Dnipro bei der Migration erkundigt hatte, wie es in einem solchen Falle aussehen könnte. Es vergeht eine Weile, bis er die Summe nennt: 2.600 Hrywna, ungefähr 80 Euro. Erleichtert atme ich im gut gepolsterten Sofa auf. Ich bin mir sicher, als illegaler Ukrainer in der Europäischen Union säße ich jetzt schon geknebelt in U-Haft und wartete auf meine Deportation. Wir reden noch ein wenig über die Summe, doch am Ende bleibt es dabei, mit einem kleinen Zusatz: Ich könne mir aussuchen, ob ich sofort zahlen wolle oder erst bei meiner Rückkehr. Das bringt mich aus dem Konzept. Etwas ratlos sitze ich in dem geräumigen Sofa. Der Vorschlag mit dem Späterzahlen klingt wirklich gut, doch ist da nicht ein Haken dran? Vielleicht will ich in zwei oder drei Jahren zurück, und dann kostet es plötzlich fünfmal soviel oder noch mehr? Zinsen? Zinseszinsen? Mahngebühren? Auslagen? Eine neue Berechnung? Ein anderes Gesetz? Ein neuer Computer? Um Zeit zu gewinnen, merke ich an, die Ukraine könne bei meiner Rückkehr schon Teil des Jewrosojus (russ. für EU) sein. Das ist eine sehr wage Vermutung, auf die ich keine aussagekräftige Antwort erwarten darf. Die schöne Kämpferin wirft ein: „Jetzt haben Sie aber ein Problem!“ Sie lächelt und schaut mich vergnügt an. Ich muss denken, dass es wohl größere Probleme gibt im Leben.

Der stoische Zöllner entscheidet schließlich die Angelegenheit und teilt mir mit, ich solle zahlen, wenn ich wiederkäme. Na gut. Nur noch eine kleine Schreibarbeit auf einem Zettel – ob ich denn russisch schreiben könne? -, und er diktiert mir: „Ich werde meinen Fehler nicht wiederholen und mich in Zukunft an die Vorschriften für einen Aufenthalt in der Ukraine halten.“ Unterschrift. Wir schütteln uns die Hände wie nach der Unterzeichnung eines Staatsvertrages zu einem einseitigen Schuldenerlass. Wir sind beide zufrieden mit dem Vertrag. Jedenfalls ich bin es.

Die holde Amazone geleitet mich zu meinem Rappen zurück. Leider kann ich nicht aufsitzen und stolz aufgerichtet vor ihren Augen hinfortreiten, weil die Tür aus der Zollhalle im Weg ist. Auf Wiedersehen Ukraine, Du Wunderreiche! Ich will gerne das Eintrittsgeld entrichten, wenn wir uns irgendwann wiedersehen!

Jetzt kommt noch die polnische Seite. Mittlerweile ist es stockduster, und zwischen den beiden Grenzposten liegt ein schwarzer Himmel. Was am Eingang nach Polen auffällt, sind die vielen Fußgänger, die von einem fahlen Licht beschienen werden. Sie sind rechts von den Autos und wollen alle zu einer Tür hinein. Ich muss auch da rechts hin und rolle in die Nähe der Leute. Es ist mir unangenehm zu Mute, weil ich sofort begreife, dass wir hier zu verschiedenen Kategorien Mensch gehören. Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, wohin und wie und was. Doch die Menschen zeigen sich als Menschen. Sie wissen Bescheid. Auf meinem Rad mit den bunten Gepäckstücken und bei meinem Aussehen erkennen sie mich unschwer als Westler und EU-Zögling. Eine Frau aus dem Menschenpulk sagt mir laut und deutlich, ich solle vorgehen zur Tür und mich bemerkbar machen. Hundert Augenpaare scheinen mich anzuschauen. Ich nicke, bedanke mich und schiebe mein Rad Richtung Beton-Glas-Kasten. Dort angekommen stehe ich jetzt vor den vielen wartenden Ukrainern. Die massive Glastür ist geschlossen, eine Klinke gibt es nicht, keine Klingel, kein Schild, kein nichts. Nebendran ist Wand. Jemand ruft: „Du musst dranklopfen, mach einfach!“ Ich klopfe an die Tür. Weiter hinten im Raum erkenne ich Menschen in Uniform. Keine Reaktion. Ich schlage mit der Handfläche ans Glas, trommle mit der Faust, mit den Knöcheln ist es zu schmerzhaft. Alles schaut zu. Endlich kommt jemand und öffnet die Tür. Nach kurzer Befragung darf ich rein. Wohinein? Ins Paradies?

Holdes Karpatenland

Berge haben etwas sehr eigenes an sich. Alles verändert sich, die Zivilisation entfernt sich, wir können besser atmen, was unten in der Stadt so wichtig ist, verliert hier oben an Gewicht. Unabhängig davon, wie hoch die Berge sind. Eine gewisse Höhe reicht völlig aus.

So ist es auch in den Karpaten. Die Landschaft wird grün und erhaben. Die Dinge gewinnen an Deutlichkeit. Einzelne Menschen stehen vor ihren Häuschen. Die Häuschen sind schön. Aus Holz. Mit Verzierungen. Ich lasse den Blick gerne auf ihnen ruhen. In ihnen ist die Geschichte der Menschen hier. Sie haben ein Gesicht, die Häuschen, genau wie die Menschen, die in ihnen wohnen.

In der Ebene kann ich das nicht so gut wahrnehmen. Die Dinge laufen davon, Felder gehen in Felder über, die Menschen gehen irgendwo herum, aber wo, ist egal. Die Häuser haben keine richtige Gestalt, sind irgendwie gebaut. Oben in den Bergen haben sie eine Gestalt und wollen sich zeigen. Jeder Mensch ist hier ein besonderes Wesen.

Da unten liegt Wyschnyzja, die Wiege des Chassidismus.

Wyschnyzja ist natürlich noch nicht Karpatenland, höchstens ein kleiner Vorgeschmack. Und ganz so tief eindringen in die Karpaten werde ich auch nicht, also nicht mit meinem Rad in die Dörfer fahren, wo man besser auf einem Pferderücken hinreiten sollte, weil es keine Straßen im engeren Sinne des Wortes mehr gibt. Ich war vor Jahren schon einmal auf diesen Wegen mit dem Rad unterwegs. Wilde Pferde, Hängebrücken, Schlamm, schnelle Wasser, „unerreichbare“ Dörfer. Doch jetzt ist tiefer Herbst, der Winter naht, und außerdem ist meine offizielle ukrainische Zeit längst passé. Ich darf ja nur 90 Tage am Stück im Land sein. Dann muss ich drei Monate raus, und darf erst dann wieder für drei Monate rein. Die Zeiten, als man kurz mal raus und am nächsten Tag wieder rein konnte, sind abgeschafft. Die 90-Tage-Regelung ist die Regelung der Europäischen Union, und wurde z.B. von Russland, aber auch von der Ukraine übernommen. Nur dass man in der Ukraine kein Visum braucht. Aber länger als drei Monate bleiben geht nur mit einem Arbeitstitel. Und den habe ich nicht. Ich bleibe also einfach so im Land. Mein Gefühl sagt mir, dass es nicht so schlimm werden kann, wenn sie mich erwischen.

Also: Ich fahre durch die Karpaten, aber nicht die ewigen Wege, denn sonst sind sie richtig sauer an der Grenze bei meiner Ausreise, sondern die mittellangen. Dann schaffe ich es auch noch vor dem Schnee. Außerdem: Bei einer Großkarpatenfahrt müsste ich südlich über den Kamm Richtung Rumänien, und auf dem Weg sind Straßenkontrollen. Das ist so. Es war damals so, als ich da war, und die Einheimischen sagen mir, dass sich daran auch jetzt nichts geändert hat. Ich halte mich also fern vom südlichen Transkarpatien, von den Grenzen zu Rumänien und zur Slowakei, und bleibe im nördlichen Teil. Eine Straßenkontrolle muss ich unbedingt vermeiden. Zwecks Umgehung einer nicht nur überflüssigen, sondern gänzlich ungeliebten Deportation. Schon bei dem Gedanken daran, wird mir ganz anders.

In Wyschnyzja bin ich weit entfernt von Grenzproblematik, Ausländerrecht und sonstiger Bürokratie. Früher waren hier die Chassiden, die orthodoxen Juden mit den lustigen Schläfenlocken. Hier war das Schtetl zuhause und die Synagoge das Zentrum des Städtchens. Schade, dass es das alles nicht mehr gibt. In den gebogenen Sträßchen ist nur noch ein Hauch dieser Vergangenheit spürbar, und auch wieder nicht spürbar, denn was bedeuten schon die Häuser, wenn von den Menschen, die sie erbauten, keine Spur geblieben ist, also auch nicht die Kinder oder die Kinder der Kinder oder die Kinder der Kinder der Kinder. So kann ich mir das Schtetl nur schemenhaft vorstellen, ein paar erdachte jiddische Laute hineinflechten, den Rebbe mit seinem langen Bart um die Ecke biegen lassen. Aber nein, das funktioniert nicht, die Zeit ist erloschen, Europa hat sich verändert, brutal verändert.

Lassen wir das also. Ich sollte zurückkommen, wenn die Anhänger des Chassidismus hier an einem bestimmten Tag im Jahr auftauchen, wenn sie sich hier alle versammeln. Sie kommen aus Israel, aus den USA womöglich, wohl gar aus Deutschland. Obwohl, das kann ich nicht sagen, aber aus Israel ganz bestimmt. Eine liebenswürdige Frau, die mir ein schmackhaftes Essen in einem Lokal spendiert – sie besteht darauf! – erzählt mir, dass in den chassidischen Tagen Ausnahmezustand in Wyschnyzja herrscht. Überall in den Straßen tanzende, lachende, ausgelassene Menschen. Ich stelle mir sogar Betrunkene vor, doch das wird wohl nicht stimmen, oder? Jedenfalls sollen diese lachenden Menschen Berge von Müll hinterlassen, sogar nach Urin solle es weit und breit riechen. Also doch Trunkenheit, oder eher lebhaftes Picknick? Es muss eine unglaubliche Fete sein, eine Party von vor Glück in Trance fallender Menschen. Und das in diesem verschlafenen Nestlein? Doch ja, hier ist es möglich, ist schließlich Ukraine. Verrückt, da hat man doch dereinst die Juden vertrieben oder gleich ins Jenseits befördert, und jetzt kommen deren Nachfahren hierher und lassen die Wände wackeln. Ich wünschte uns Deutschen eine solche Einstellung – sie stünde uns gut zu Gesicht.

     

Außergewöhnlich bunt – die Häuser im ehemaligen Schtetl

Wyschnyzja wirkt wie eine Oase. Rechts im Bild ist die ehemalige Synagoge zu erkennen.

Die Nacht in Wyschnyzja verbringe ich in einem Ferienlager in einem kühlen, aber doch gemütlichen Büdlein.

Zu verdanken habe ich das dem jungen Burschen in der Bundeswehrjoppe, der mir den Tipp mit dem grünen Lager gegeben hatte. Er ist wegen des alljährlichen Wyschnyzer Sängerfestivals angereist, das in der zum Kulturpalast umfunktionierten Synagoge stattfindet. Als Vertreter ukrainischer Pfadfindertugenden hat er einen riesigen und noch viel schwereren Rucksack bei sich, in dem er seinen gesamten Kleiderschrank sowie Hausrat verstaut hat, inklusive Gewürzregal, Getreidevorräten, großen Einmachgläsern und vielerlei Dingen, die er hier womöglich oder wahrscheinlich nie gebrauchen wird. Oder vielleicht doch? Auf meine Frage, warum er dies alles mit sich herumschleppt, lacht er nur und sagt, dass es immer das gleiche wäre bei ihm, und die Hälfte des Vorrats käme unberührt, die Hälfte der Kleider ungetragen zurück. Doch ich weiß ja, wie sie hier sind: Würde er jemanden treffen, der weder das eine, noch das andere hat, würde er keine Sekunde zögern und brüderlich teilen.

Wir verbringen einen gemütlichen Abend in meiner Budenhälfte, köcheln uns was und lauschen seinem ukrainischen Lieblingssänger aus sowjetischen Zeiten, um dessen Lieder sich beim diesjährigen Festival alles drehen wird. Am nächsten Tag fahre ich weiter, und werde dies bitter bereuen. Wann werde ich noch einmal die Chance bekommen, in der ukrainischen Provinz ein Sängerfestival serviert zu bekommen, noch dazu in einer gut erhaltenen ehemaligen Synagoge mit einem, zugegeben, leicht fanatischen Anhänger eines Sängers, dessen Lieder mitunter eine starke Schmalznote verströmen? Nein, manchmal verstehe ich mich nicht..

Die zuversichtliche Hochzeitskombo in Kossiw, einem anderen ehemaligen chassidischen Städtchen nicht weit von Wyschnyzja. Ohne Wyschywanka, dem bestickten Ukrainerhemd, geht keine Festlichkeit, und schon gar nicht eine Hochzeit.

Allmählich geht es höher hinauf, in die Herbstfarben hinein.

Die Damen des Iwan-Franko-Museums in Kriworiwnja

Nach einer Nacht bei Mutter und Sohn im Bauernhaus der verstorbenen Großeltern, geht es am folgenden Tag weiter hinauf. An einem Pass angekommen, fängt es an Wasser zu schneien. Ich rette mich für eine Zeit in einen Dorfladen, in dem man, wie so üblich in der Ukraine, auch einen Kaffee bekommt. Es ist in der Regel ein löslicher Kaffee, der in Deutschland bei vielen regelrecht verhasst und als minderwertig verschrien ist. Ich freue mich aber über das heiße Getränk und über die Minuten, die ich hier im Trockenen verweilen darf.

Doch ich muss ja wieder raus ins nasskalte Vergnügen. Pulverschnee sieht anders aus. Am Nachmittag trudle ich in Kriworiwnja ein, erblicke ein schöngebautes Holzhaus mit der Aufschrift „Музей И. Франка“, also Musej I. Franka, was so viel heißt wie „Iwan-Franko-Museum“. (Ihr wisst ja, der Genitiv Singular auf -a, alles normal also.) Daneben steht ein stabiler hölzerner Pavillon, den ich mir sogleich als Rastplatz aussuche.

Bevor ich aber meine ganzen Fress-Sachen auspacke, will ich noch kurz im Museum nachfragen, ob das in Ordnung geht. Nachdem ich mich aus dem Regenponcho und den Schuhüberziehern rausgearbeitet habe, trete ich in die Veranda ein. Sehr stilvoll, Holz und Glas, Bücher, Prospekte, ein paar Bilder und etwas Schmuck, ja und natürlich die freundlich blickenden Frauen, die mir ohne Umstände mitteilen, ich solle doch hier bei ihnen vespern, und ob ich einen heißen Tee wolle, und nein, ich würde überhaupt nicht stören, ich solle nur alles auspacken und es mir gemütlich machen. Da sitze ich also schön warm, umgeben von der holden Weiblichkeit, trinke einen guten Tee und futtere ungestört drauflos. So ein Wetter macht aber auch einen Hunger! Es ist so gemütlich in der kleinen Veranda mit den Frauen, dass ich gar nicht mehr aufstehen will. Aber ich bin schließlich nicht der einzige Kunde hier – es erscheint ein Ehepaar, das an einer Exkursion durch das Museum interessiert ist. Da irgendwann sogar ich satt bin, kann die Exkursion losgehen. Anna wird uns alles erzählen über den großen Meister Iwan Franko, den vielschreibenden Iwan, der mit seinem Geist die Geschicke der Ukraine beeinflusste, so wie es auch andere progressive Köpfe, Dichter und Poeten wie Taras Schewtschenko, Lesja Ukrainka oder Olha Kobyljanska taten, und der jedes Jahr im Sommer nach Kriworiwnja in dieses Haus kam, um auf andere Gedanken zu kommen.

Bevor ich weiter muss, frage ich die Frauen, ob sie nicht eine Übernachtungsmöglichkeit wüssten, worauf Anna ganz bescheiden antwortet, ihre Tochter, die übrigens im Michail-Gruschewski-Museum (des berühmten ukrainischen Historikers) ein oder zwei Dörfer weiter arbeitet, sei gerade auf Weltreise, und das Zimmer sei sowieso frei, und darin gebe es auch einen Ofen, und überhaupt würde sie gerade nach Hause gehen, da könne ich gleich mit..

Das Haus von Anna und ihrem Mann Wassil steht oben am Hang. Gleich darüber bauen sie sich ihr Altenteil, auch ganz aus Holz. So kann ihre Tochter mit ihrer zukünftigen Familie in das alte Haus ziehen.

Wassil hat schon die Schaukelbank gezimmert, von der er an den warmen Tagen gemeinsam mit seiner Frau ins Tal blicken wird.

Am Abend sitzen wir zusammen mit Großmutter Wassilena am Küchentisch und basteln Wareniki, mit einer Kartoffel-Quark-Zwiebel-Füllung prall geschwollene Teighalbmonde, ohne die es keine Ukraine gäbe. Später kommt noch ein wenig angebratener Salo, aromatisch duftender Speck – im Scherz auch „ukrainische Schokolade“ genannt – und saure Sahne darüber. Dazu serviert Wassil ein paar Gläschen Selbstgebrannten, und zwar genau so viel, dass sich warme Heiterkeit in der Küche verteilt, aber kein Grämmchen bzw., wie wir sagen würden, kein Milliliterchen mehr. So ist ukrainische Gastfreundschaft, herzlich und einfach wie die ukrainische Seele. Die deutsche Seele schmachtet danach und merkt erst hier, was ihr so sehr fehlt im wogenden Ein und Aus der Tage. Es ist weniger der Tisch an sich, sondern das Wie, die herzliche Zugewandtheit, die stille Heiterkeit, die bescheidene Schönheit, die durch eine innere Wärme sich entfalten kann. Oma Wassilena beeindruckt mich durch ihr stilles, aber so präsentes Gemüt. Sie ist eine junggebliebene Frau, ihr Gesicht ist wunderschön, ich muss mich beherrschen, sie nicht immer wieder anzusehen.

Als ich später neben dem wärmenden Ofen im Bett von Annas und Wassils großem Töchterlein liege, frage ich mich, wie es der jungen Reisenden in der weiten Welt ergehen mag. Sicher trifft auch sie so liebe Menschen wie ihre Eltern, und sicher helfen ihr Einheimische und laden sie in ihr Haus ein, wenn sie es gerade am meisten braucht.

Orthodoxes Holzkirchlein in Worochta, in typischer Huzulenmanier ohne einen einzigen Nagel erbaut

Blick auf einen Hang des Huzulendorfes Worochta. Die Huzulen sind eine in der Ukraine legendäre Volksgemeinschaft aus den Karpaten. Anna und Wassil gehören auch zu ihnen.

Die Karpaten haben etwas Knuffig-Waldig-Ursprüngliches an sich.

In Mikulytschyn lasse ich mich für eine Woche in dieser langen Hütte nieder. Es ist goldener Herbst, und jeden Tag wandere ich irgendwohin. Nach oben auf die waldfreien Kämme und Gipfel oder den Pruth hinunter ins ewig langgezogene Dorf.

Wenn ich spät abends zurückkomme, ist der Ofen geheizt und ein Abendbrot steht daneben. Morgens spendiert mir die Kuh von gegenüber einen großen Becher frische Milch. Das alles taucht am Ende bei der Abrechnung nicht auf, und ich runde schön auf. Das nun wieder sorgt keinesfalls für Freude, denn für die kulinarischen Gaben und das Heizen des Ofens soll man kein Geld geben, auch wenn es als Trinkgeld gedacht ist. Es ist noch keine Beleidigung, doch zeugt so ein Verhalten von Nichtkenntnis der örtlichen Kultur. Mir als Ausländer darf so etwas schon mal passieren.

Am Abend auf dem Rückweg ins Dorf

Die nur von Gras bewachsenen Bergkämme sind nicht selten von Geländewagen-Spuren zerfressen.

Das liegt daran, dass es nicht überall gut begehbare Wege gibt, wie z.B. im Schwarzwald, aber auch an faulen Touristen, die sich mal gerne von sich über den zusätzlichen Verdienst freuenden Einheimischen auf einen Berg mit schöner Aussicht oder durch eine felsige Schlucht karren lassen. Viele Ukrainer oder auch Russen lieben es, auf diese brachiale Art durch die Landschaft zu krachen. Sie nennen es ikstrim (wie englisch „extreme“ gesprochen, aber mit schön gerolltem r!), ein slawischer Wesenszug, den ich durchaus positiv sehe, der aber mitunter negative Auswirkungen haben kann, wie eben hier auf die Natur. Es gibt nicht wenige Stimmen, die sich gegen das seit den 90ern aufgekommene dschiping (Jeeping) wenden und es in der freien Natur ganz verbieten wollen.

Mit einem Haufen Kinder unterwegs in den Karpaten

Das ist wieder so eine kleine, nette Überraschung. Ich hatte mich mit Ira über Warmshowers, also das Umsonstwohnen-Portal für Radfahrer, bei ihr in Iwano-Frankiwsk (die Stadt ist nach Iwan Franko benannt) verabredet. Da es in den Bergen so schön ist, schaffe ich es nicht, zum verabredeten Tag bei ihr aufzutauchen. Dafür kommt Irina mit ihrer Wandergruppe, halb Eltern, halb Kinder, bei mir in Mikulytschyn vorbei. Am Straßenrand sammelt sie mich in den gemieteten Bus ein, und es wird ein schöner Tag.

Nach einem ausgedehnten Anstieg durch einen Nadelwald kommen wir auf einen langgestreckten mit Gräsern und Beeren bewachsenen Kamm. Etwas unterhalb stehen ein paar Schäferhütten, bei denen wir Rast machen. Ira geht mit einigen Kindern Beeren und Kräuter suchen für einen Karpatentee, die Jungs hacken unter weniger oder keiner Aufsicht der Väter Holz für den schwarzgerußten Kochkessel. Die Eltern sitzen am langen Holztisch und packen Essbares aus. Die Kinder wurden bereits informiert, dass ich Deutscher bin, vor allem die, die in der Schule deutsch lernen. Und sogar ein paar Wörter deutsch, ganze Sätze gar, kommen aus ihren ernsten oder übermütig grinsenden Kindermündern. Aber außer ukrainisch und den paar Brocken deutsch können sie auch noch russisch, womit wir uns am besten verständigen können.

Jedenfalls sitzen sie plötzlich vor mir am Kochkessel und erzählen mir was: „Mein Vater sagt, Putin ist ein Teufel. Er will unser Land für sich haben.“ Ein Kind fragt mich, wie ich die Russen finde und was ich von Russland halte. Nun, ich muss etwas überlegen, und nach einer Weile sage ich: „Die unendliche Weite Russlands beeindruckt mich am meisten. Und die Herzensgüte des russischen Menschen.“ Die Kinder schauen mich aufmerksam an und schweigen einen Moment. Und dann reden wir weiter über dies und jenes.

Auf dem Rückweg bekomme ich von Ira ein Lob: Sie freue sich, wenn die Kinder etwas anderes zu hören bekämen, als die immergleichen Vorurteile und Hasspredigten. Schlimm genug, dass es einen Krieg gibt zwischen der Ukraine und Russland, aber wenn sich dann noch die Kinder hassen..

Feierliche Worte am 14. Oktober, dem „Tag des Verteidigers der Ukraine“

Der „Tag des Vaterlandverteidigers“ weckt in mir fast nostalgische Erinnerungen. Schließlich ist er eine uralte Tradition in Russland. Schon zu Zarenzeiten gab es ihn als „Tag des siegreichen Heiligen Georgs“, des Beschützers aller Krieger, seit den 1920er Jahren als „Tag der Roten Armee“, später als „Tag der Sowjetischen Armee und Marine“. Nach den ersten Erfolgen der Roten Garde über die Truppen des kaiserlichen Deutschland am 23. Februar 1918 bei Pskow und Narwa wurde dieser Tag als Geburtsstunde der Roten Armee festgelegt. Der 23. Februar ist bis heute das Datum des Tages des Vaterlandsverteidigers in Russland, Weißrussland und Kirgistan.

Ich war noch Student und spazierte eines 23. Februars der 90er Jahre durch eine fast menschenleere Straße Moskaus, als mich eine ältere Dame ansprach und mir alles Gute wünschte zu diesem Feiertag. Ich war perplex, musste aber lächeln und erklärte ihr, dass ich doch aus Deutschland käme und somit nicht berechtigt wäre zur Entgegennahme ihrer Glückwünsche. Sie war allerdings gänzlich anderer Meinung und teilte mir mit, dass dieser Feiertag der Tag aller Männer sei und ich mich ruhig beglückwünscht fühlen dürfe. Das erfreute mich außerordentlich, ich empfand das als regelrecht großmütig von der Dame, gerade einem Deutschen eine solche Ehre zu erweisen und fühlte mich sogleich ein Stückchen mehr integriert in die russische Gesellschaft. Ich durfte  mich für diesen Moment auch ein bißchen als Verteidiger fühlen, obwohl ich nie Soldat war. Doch war und ist dieser Tag ja eine Art Männertag, Mann kann feiern und wird von den Frauen lächelnd dazu aufgefordert. 

In der Ukraine wird dieser wichtige Feiertag natürlich nicht mehr wie noch zu sowjetischen Zeiten am 23. Februar begangen, sondern am 14. Oktober, dem orthodoxen Kirchenfeiertag „Mariä Schutz und Fürbitte“. Am gleichen Tag wird seit 1999 der „Tag des ukrainischen Kosakentum“ begangen, da die Gottesmutter als Beschützerin der Kosaken gilt. Der 14. Oktober ist auch Jahrestag zur Erinnerung an die Gründung der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) im Jahr 1942, der den Kampf um eine unabhängige Ukraine symbolisieren soll.

An diesem sonnigen 14. Oktober 2019 soll der „Tag des Verteidigers der Ukraine“ hoch über Mikulytschyn am Bergflüsschen auf einer Waldlichtung gefeiert werden. Das war mir schon am Vortag vom Sohn meines Hüttenbesitzers mitgeteilt worden. Ich mache mich noch recht früh am Morgen auf den Weg zur Straße, die zu dieser einige Kilometer entfernt liegenden Waldlichtung führen soll. Hinter der Brücke über den Pruth warte ich auf den eigens für diesen Tag eingerichteten Pendelbus. Mit mir wartet auch eine Frau im besten mittleren Alter, die sich später als Halja vorstellt und mich für diesen Tag unter ihre Fittiche nehmen wird. Bald stehen wir mit überwiegend feierlich gekleideten Menschen vor einer mit einem Holzzaun umgebenen Naturbühne, von der Soldaten in Uniform und Zivilisten im Ukrainerhemd hinabschauen, über ihnen ein Fels mit Heldenkreuz, der blau-gelben ukrainischen Landesfahne und der rot-schwarzen Fahne der Ukrainischen Aufstandsarmee (UPA=Ukrajinska Powstanska Armija). Zwei liegende Felsen mit der Aufschrift Slawa Ukrajini – Herojam slawa, also „Ruhm der Ukraine – Den Helden Ruhm“, umgeben die kleine Menschengruppe. Drei in schwarze Gewänder gekleidete Geistliche stehen vor einem kleinen Altar und blicken zur Szenerie hinauf. Im Publikum sind Männer in schwarz-roter Huzulentracht mit kosmisch bunter Kopfbedeckung und ältere Frauen mit farbenfrohen Kopftüchern. Jüngere und Ältere sind hier versammelt, eine bunte Mischung Geladener und Interessierter.

Der erste Teil des Verteidigertages ist langwierig. Es ist der religiös-gesellschaftliche Part mit Ansprachen und segnenden Worten. Zum Glück stehen wir da noch im Schatten. Die erstaunlich heiße Oktobersonne wird uns nämlich schon bald ordentlich aufs Hirn scheinen. Zum zweiten Teil ziehen wir auf eine Wiese am Bergbach um. Wir stehen jetzt vor einer gezimmerten Holzbühne, die Sonne prallt auf Köpfe und Hälse. Es wird noch langwieriger, da jetzt unendlich viele Urkunden an unendlich viele Soldaten überreicht werden. Jede Urkunde einzeln, versteht sich. Viele Soldaten haben geschwänzt und glänzen durch Abwesenheit, aber natürlich werden erst mal alle aufgerufen, ein Weilchen wird gewartet, vielleicht ist Soldat Krawtschuk gerade an der Gulaschkanone, besser gesagt an der Borschtschkanone beschäftigt (Borschtsch: Rote-Beete-Kartoffel-Weißkohl-Rindfleisch-Eintopf) oder Soldat Pljuschtschenko musste mal austreten. Es dauert Ewigkeiten, ohne dass ein Hauch von Unruhe im Publikum spürbar würde. Ich sage mir, dass die armen Soldaten viel zu erleiden haben, ob im unseligen ukrainisch-russischen Krieg oder bei nicht enden wollenden Manövern. Was bedeuten da diese paar stundenlangen Minuten, die sich zäh in die Wipfel der umstehenden Bäume erheben?

Die unerschrockenen Frauen des Lyrikensembles. Halja ist die zweite von links.

Der dritte Teil ist der Kunst gewidmet, doch kann auch die Kunst mich kaum aus der Hypnose erwecken. Die Musiktitel rauschen an mir vorbei, bis endlich die spröde Erotik ausstrahlenden Frauen des Lyrikensembles auf die Bretter steigen. Halja ist eng mit ihnen befreundet, und so gehöre auch ich zum inneren Verehrerkreis der Wortkünstlerinnen. Ich verstehe zwar nicht alles, es ist schließlich ukrainisch und nicht russisch, aber Halja erklärt mir zwischendrin verschiedenes, und einige Elemente, die euphorisch-kämpferischen oder elegisch-patriotischen Ausrufe werden von mir atmosphärisch verarbeitet. Frauen können einem aber auch richtig Feuer unterm Hintern machen! Am besten ist die Kleinste von allen, die eine dramatische Geschichte aus ihrer Familie in stakkatohafte Wortakkrobatik hüllt, die unerbittlichen Roten aufmarschieren lässt, vor denen sich ein Verwandter von ihr durch einen Sprung vom Felsen in den Tod rettet, um nicht unter Folter den eigenen UPA-aufständischen Sohn verraten zu müssen. Stolz trägt sie das Porträt der Männer.

Nach ihrem Auftritt zieht es die Frauen wie von unsichtbarer Hand geleitet in das offene Festzelt hinein. Halja bedeutet mir, dass ich doch mitkommen solle. Wir sitzen an einem langen Holztisch, neben uns  Soldaten und Gäste, alle scheinen sich irgendwie zu kennen. Die Stimmung ist gut, einige der feldgrün gekleideten Soldaten gehen herum und schenken einen kräftigen Eintopf aus der Feldküche aus. Jeder bekommt eine randvolle Plasteschüssel und Brot dazu. Schnell tauchen überall Plastebecherchen auf, unter den Tischen werden Flaschen mit klarer Flüssigkeit hervorgezaubert. Eine unserer Frauen greift nach unten, und im Nu sind unsere Becher gefüllt. Das Zelt füllt sich mit Bewegung und Lachen. Die Suppe schmeckt hervorragend und rundet den Schnaps ab – oder umgekehrt. Bohdana, nicht auf dem Foto, bezirzt mich im Beisein ihres jugendlichen Sohnes und in Abwesenheit ihres Mannes, und ich tue so, als würde ich nichts bemerken. Die Dichterinnen tauen vollends auf, und tauchen bald darauf ab. Sie geben mir ihre Handtaschen und Jacken, und weg sind sie. Sie kommen auch nach einer größeren Weile nicht wieder. Es hat sie fortgerissen zum Tanz vor der Bühne. Volkstanz! Ukrainisch! Huzulisch! Ich raffe den Kleider- und Taschenhaufen, schaffe ihn neben die Bühne, und „dawaj!“. Drehen ist am schönsten, doch aufgepasst mit den akkurat gedrechselten Frisuren einiger Damen. Der Schweiß fließt in Strömen, und allmählich werden wir wieder nüchtern.

Huzulentrachten und UPA-Uniform

Besonders interessant die zwei, drei älteren Herren in originaler UPA-Uniform. In Russland ist die UPA inklusive einiger anderer Organisationen und Parteien ukrainischer Nationalisten neuerdings verboten. Auch in Polen löst das Wörtchen UPA keine Begeisterungsstürme aus. Schließlich ging die ukrainische Aufständischenarmee gegen alle und alles vor, die sich einer ukrainischen Selbständigkeit verwehrten. Die Polen wurden in der Ukraine genau wie die Sowjets als Unterdrücker und Besatzer gesehen. Das ist mehr als verständlich. Die Rache an den Polen war grausam und ungeheuer. Umgekehrt wurde durch die Polen auch sehr viel ukrainisches Leid verursacht. Noch heute steht das Morden zwischen den beiden Völkern, obwohl doch mittlerweile um die drei Millionen Ukrainer in Polen leben und arbeiten.

Die Kooperation der UPA mit den Nazis wechselte mit dem Kampf gegen letztere. Erst glaubte man den Versprechen Hitlers, doch bald schon verstand man, dass die Unabhängigkeitsversprechen nur hohle Phrase waren. Den sowjetischen Teufel mit dem germanischen Beelzebub auszutreiben war eine Milchmädchenrechnung. Viele ukrainische Nationalisten halfen bei der Vernichtung der Juden, die seit Hunderten von Jahren im Dienste des polnischen Adels standen, machten sich größter Verbrechen schuldig, dann wieder griffen sie zur Waffe gegen den nationalsozialistischen Übermenschen, der sie selbst als Menschen dritter Klasse bzw. slawische Untermenschen ansah.

Das Bild nach dem Krieg: Die Polen und Juden waren vertrieben oder ermordet, die Nazis besiegt, die Sowjets blieben. Gegen eben diese Sowjets, die die Ukrainer nicht als eigenständiges Volk anerkannten, führten die UPA-Aufständischen ihren erbitterten Kampf weiter bis in die 50er Jahre, bis zum traurigen Ende. Viele von ihnen versteckten sich in den Wäldern in Erdbehausungen, ukr. krijiwka, in denen sie sich wie Maulwürfe vor dem Feind verstecken konnten. Und irgendwann war es vorbei – die sowjetische Übermacht war zu groß. Doch die stolzen Unabhängigkeitskrieger wurden nie vergessen. Viele Menschen wissen heute noch, wo sich die „krijiwki“ befinden, obwohl sie nur schwer zu finden sind.

Das schöne Tanzen und Drehen geht dem Ende entgegen, Halja bedeutet mir, dass der Bus nach unten schon bereitsteht. Es ist schwer, sich loszureißen, alles schallt und dreht sich noch, die herzzerreißend schöne ukrainische Hymne, vor Stunden von allen gemeinsam Hand aufs Herz inbrünstig gesungen, hallt nach, die fröhliche, übermütige Stimmung, die Mischung von Ernst und Komik, drumherum der stille Herbstwald. Der rumplige, kräftige Bus, in dem dereinst schon UPAisten und Kommunisten saßen, holpert dem Tal entgegen, der alte Mann in UPA-Uniform baggert selig trunken die älteren und jüngeren Damen im Bus an. Sie wehren seine Annäherungsversuche gelassen und routiniert ab. Wir schaukeln hinab ins Dorf. Bald kommt die Dämmerung.

Komme ich abends von einer Wanderung zurück, gehe ich gerne die Gleise entlang bis auf die Höhe meiner Hütte. Züge fahren hin und wieder und kündigen sich schon von weitem an.

Ab 1500 Metern Höhe zieht sich der Wald zurück. Wacholdersträucher, Steine und Felsen treten an seine Stelle. Blick in die Karpatenferne vom „Chomjak“, dem „Hamster“-Berg

Irina, Koseform Ira, die so viel und gerne lacht, vor ihrem Mietshäuschen in Iwano-Frankiwsk

Eine Tagesfahrt von Mikulytschyn auf meinem treuen Rappen, dem guten schwarzen Stahlross aus Meister Sergejs Raduniversum in der mittlerweile recht weit entfernten Uralmetropole Jekaterinburg, und ich stehe vor Iras Häuschen. Sie und ihr Neffe Mischa gewähren mir für ein paar Nächte Unterschlupf. Iras Mann ist gerade auf Arbeitsexkursion, es ist genug Platz, und Mischa überlässt mir sein Hochbett. Ira hat keine Kinder, dafür aber ihre Kindergruppen, für die sie Ausflüge in die Umgebung organisiert. Sie und ihr Mann sind Sommer- und Winterbergsteiger und kennen sich bestens in der Bergwelt aus. Ira ist schlank, sportlich gekleidet, hat einen südlichen Teint und schöne braune Locken und ein noch schöneres Lachen wie heller Glockenklang. Die Kinder müssen sie lieben.

Relief am Majdanmuseum in Iwano-Frankiwsk. Das Museum erinnert an die Ereignisse um den Jahreswechsel 2013/14, als sich der zentrale „Platz der Unabhängigkeit“, der „Majdan Nesaleschnosti“ in Kiew für drei schicksalhafte Monate zum Kampfplatz um eine proeuropäo-amerikanische bzw. eine prorussische Ukraine verwandelte. (im Kapitel „Hauptstadt!“ beschrieben) Rechts im Relief der ukrainische Nationaldichter Taras Schewtschenko.

Auf einer Leichtathletik-Veranstaltung im Zentrum von Iwano-Frankiwsk singen diese herzerfrischenden Jungs.

Ehrlich gesagt, ich verstehe kein Wort. Marianna, die ich mit ihrem Söhnchen unweit des berühmten Tustaner Felsens irgendwo zwischen Iwano-Frankiwsk und Lwiw treffe, übersetzt mir später die Zeilen ins Russische: „…einen Kelch warmen Weins, der mir Kraft und Gesundheit spendet. Ich trinke ihn leer, doch meinen Durst stillt er nicht…“ Wie wohl das Lied weitergeht und wie sich der Bogen zum Sport spannt?

Klamottenmarkt am Rathausplatz

Die Ukrainer lieben es, romantisch zu heiraten. Die Kulisse der Iwano-Frankiwsker Altstadt ist dafür ideal geeignet.

Sascha und sein Sohn Wowa waren mit dabei auf Iras Ausflug in die Berge, und jetzt will mir der deutsch lernende Wowa seine Stadt zeigen.

Iwano-Frankiwsk im historischen Galizien war Ewigkeiten polnisch und hieß Stanisławów (ungefähr Stanisuawuw gesprochen). Später wurde die Stadt Teil der Habsburger Monarchie. Nach dem ersten Weltkrieg wieder polnisch, dann sowjetisch… Wowa, in ganzer Länge Wladimir, sprüht vor Ehrgeiz, mich in die Geheimnisse Iwano-Frankiwsks einzuweihen. Er hat erstaunliche Kenntnisse. Als sein Vater Sascha schließlich das Kommando übernimmt, wird klar, dass das Wowäpfelchen nicht weit vom Stamm gefallen ist. Es macht Spaß, mit den beiden durch die Stadt, den großen Schewtschenko-Park (früher „Elisabeth-Park“ nach der österreichischen Kaiserin Sisi) mit dem Palast des polnisch-armenischen Barons Romaszkan und den dazugehörigen Teichen zu spazieren. Bei der Besteigung des Rathausturms kommen noch ein paar fremde Mädchen dazu, die nicht alleine hoch dürfen oder kein Geld haben. Wowa erklärt mit überschäumendem hellen Kindesmund und strahlenden Augen – Sascha korrigiert kritisch und beleuchtet die Szenerie mit erwachsenem Ernst.

Der Dnjestr in der Nähe von Iwano-Frankiwsk

Die Dowbusch-Felsen eignen sich hervorragend zum Heiraten. Ein Paar nach dem anderern erklimmt die Felsen in Schleier und Lackschuhen. Die fotografierende Drohne schwirrt über den Liebenden und weiter oben mir um die Ohren.

Abendlandschaft am Dowbusch-Felsen

Der in den Karpaten berühmte Mann, dem der Felsen seinen Namen verdankt, hieß Olexa Wassiljewitsch Dowbusch und kämpfte im 18. Jahrhundert gemeinsam mit seinem Bruder Iwan und ihren Oprischki-Brigaden gegen die polnischen und ungarischen Gutsbesitzer und Adligen, die damaligen Herren in den Karpaten und den Niederungen Galiziens. Der Legende nach überließen die Dowbusch-Brüder das konfiszierte Vermögen den Bauern. Olexa ist Teil einer lange währenden romantischen Erzähltradition ukrainischer Suche nach Freiheit und des damit verbundenen unausweichlichen Kampfes, an dessen Ende allzu oft ein gewaltsamer Tod steht – so wie auch bei Olexa. Ob es aber wirklich Stefan Dswintschuk war, der rasend vor Eifersucht Olexa mit einer silbernen Kugel niederschoss, weil der sich in seine schöne Maritschka verliebt hatte und diese sich dem Werben des stolzen Räuberanführers nicht versagte – wer weiß das schon? Oder waren es doch vom Adel beauftragte Häscher, die Olexa in die ewigen Jagdgründe schickten? Und wer war er nun wirklich – ein abtrünniger Karpatenhirte, der sich mit seinen Mannen in einem Labyrinth von nicht enden wollenden Raubzügen verlor oder ein edler Freiheitskämpfer im Namen der unterdrückten Bauern? Oder beides in einem? Weißt du es, Maritschka?

Petrenkos „Koliba“, seine Hirtenhütte, jedenfalls nennt er seine Waldpension so.

Petrenko ist ein einfacher und freundlicher Mann. Wir sitzen abends bei einem Glas Tee am Tisch, und Petrenko erzählt. Da habe ihn mal eine Frau aus Moskau angerufen und ihn gefragt, ob sie in seiner Koliba Urlaub machen könne. Ob es möglich sei, russisch zu sprechen und ob sie Angst haben müsse vor irgendjemandem.

Jedenfalls reiste die Frau tatsächlich in die Karpaten zu Petrenko, bezog ihr Zimmer, um es tagelang nicht zu verlassen. Der Fernseher lief heiß. Doch der Zeitpunkt kam, als sie sich überwand nach draußen zu gehen. Und siehe da, die Natur war schön und Petrenko so ein feiner Kerl. Und sie genoss die Zeit, obwohl sie sich nur auf russisch verständigen konnte. Niemand beleidigte sie deshalb. Alles war in Ordnung.

Petrenko schüttelt den Kopf: „Siehst du, das erzählen sie sich in Moskau über uns.“

Es ist Ende Oktober und unglaublich mild. Ich schlafe auf dem Klappsofa vor Petrenkos Sauna. Wie ein Hirte in seiner Koliba fühle ich mich nicht, doch immerhin wie ein Reisender, der in schönster Waldesruhe erlesenem Komfort begegnet.

Verlasse niemals die Karpaten

ohne einen Becher horilka, wie die Ukrainer ihren Wodka nennen. Ich habe das Glück, zwei Pilzesammler zu treffen, die mich zunächst für einen moskal halten, einen Moskowiter, kurz – einen strotzarroganten Eindimension-Imperium-Russen. Sie grüßen reserviert, und ich gehe zum Dorfladen, um mir ein kühles Bier auf der Bank in der Sonne zu gönnen. Die beiden Pilzwanderer treffen wenig später mit dem selben Gedanken am Laden ein. Als sie erfahren, dass ich gar kein Russe bin, sondern Deutschländer, lachen sie erleichtert auf: „Und wir dachten, wo kommen die ganzen Moskalen her? Schon im Wald war eine ganze Familie!“ Das stimmt, ich hatte die auch gehört und mich gefragt, ob die nun aus Russland oder einem östlicheren Teil der Ukraine stammten. Ich komme geburtsmäßig jedenfalls aus westlicher Richtung, was manchmal Vorteile haben kann.

Nach dem Bier holt der Professor, der Ältere von den beiden, er hatte an einer Hochschule gearbeitet, Geographie oder etwas Ähnliches, eine Flasche Klaren aus dem Rucksack. Die läuft weg wie geschmiert, reihum geht der Becher, die Welt wird heiter und warm. Marko, der Jüngere, packt sein Englisch aus, das schneidig daherkommt. Er war eine Zeit lang in Manchester und ist Englischlehrer. Wir wechseln wild zwischen englisch und russisch, Sprachjonglage, die Zungen verknoten und entknoten, verknoten und entknoten sich..

Und dann wird es Zeit: Der Bus meiner fröhlichen Pilzsammler steht wartend da, wir sehen uns noch einmal an einer Straßengabelung und winken uns zu, als sie nach rechts abbiegen. Das Land liegt vor mir, ein Fluss, aus den Bergen kommend, aber jetzt schon breit und ruhig geworden in die von Hügeln gesäumte Ebene einbiegend, quert meinen Weg. Die Karpaten liegen hinter mir.

Galizische Dorfkirche mit Glockenturm

Am Saum der Karpaten

Runter nach Czernowitz

Aus einer großen Stadt hinauszufahren, ist nicht immer einfach. Ich muss die Ausfallstraße nach Schitomir Richtung Westen finden, d.h. wieder den Dnjepr überqueren und ihm winkend einen letzten Gruß schicken, mich an Aus- und Auffahrten vorbeischleusen, ohne mit irgendeiner pfeilschnellen Blechkarosse zu kollidieren, Straßenschilder deuten, manchmal eine störrische Einbahnstraße umdeuten. Auf dem Fahrrad habe ich aber auch mehr Zeit, und die Gefahr, mich wie ein Autofahrer schnell mal um 10 Kilometer zu verfahren, ist gleich Null. Es ist schön, nach Tagen sesshaften Lebens wieder frischen Fahrtwind zu atmen, leicht aufgepeppt mit Benzin- und Rußnoten.

Eingeklemmt zwischen Blechwand und Leitplanke hinein ins pralle Leben!!!

Dieses Gefühl des freien, wilden Lebens, das vielleicht nur für einen Moment dein Menschenherz überschwemmt. Ins offene Land zu fahren. Nicht zu wissen, wo du dein müdes Haupt betten wirst. Und dann mit einem grünen Dach so reich beschenkt zu werden!

Die Ruhe

Die Suche nach einem geeigneten Zeltplatz führt nicht selten in offene Räume, die etwas Verheißungsvolles in sich bergen.

Ein gutes Herz freut sich immer über einen Gast – ob er nun länger verweilt oder nur kurz vorbeischaut. Draußen ist es kalt und feucht, Ende September kommt das vor. Die freundliche Ladenbesitzerin zeigt mir einen Tisch, an dem ich meine Lebensmittel auspacken und Mittagspause machen kann. Als ich sie nach Selbstgebranntem frage, ruft sie einen Mann an, der umgehend ein Fläschchen für ein paar Hrywna vorbeibringt. Er lässt es sich nicht nehmen, zusätzlich ein Gläschen für sofort auszugeben.

Hinter der blauen Tür

werde ich wieder eine Nacht verbringen, in meinem Schlafsack auf einer hölzernen Pritsche, bei Iwan, dem Wächter. Eigentlich suche ich nur einen Platz für mein Zelt, den Iwan mir auf dem Gelände der ehemaligen Kolchose zeigt. Er bringt mir zunächst einen Eimer, damit ich Wasser holen kann, hält es aber nicht lange aus und bittet mich in sein Wächterzimmerchen. Wir machen es uns im kargen Raum bei Kerzenlicht gemütlich und essen zusammen, was wir so haben. Doch später hält es Iwan wieder nicht aus: Er fährt mit dem Rad ins Dorf zu seiner Frau, um Proviant für meine Weiterfahrt am nächsten Tag herbeizuschaffen. Ich kann ihn nicht davon abhalten, obwohl es schon Schlafenszeit ist – vergebens. Vom Anstieg erhitzt, kommt er zurück mit einem Sack voll mit Kartoffeln, Zwiebeln, eingelegten Gurken, Waréniki (gefüllte Teigtaschen), Honig, und ich weiß nicht was. Es ist zu viel für mich und meinen Rappen, mein tapferes Rad, doch ich verstaue am nächsten Morgen so viel ich kann in den Satteltaschen. Noch im Morgengrauen radelt Iwan zum Bauern zur Feldarbeit – waren es 10 Euro Tageslohn? -, und seine Frau löst ihn bei der Wächtertätigkeit ab. Iwans Frau ist ein herzlicher Mensch, freut sich, mich noch angetroffen zu haben und winkt mir lächelnd zum Abschied.

50 Kilometer vor Chmjelnizki treffe ich bei Starokostjantiniw auf diesen edlen Ritter, der allen Veränderungen der Welt trotzend seit Jahr und Tag auf seiner genügsamen Rosinante den weiten und etwas holprigen Weg zur Arbeit fährt.

„Willkommen in Chmjelnizki!“
Wie man sieht, passt die Wyschywanka, das Ukrainerhemd, auch gut zu blauen Nietenhosen.

Ohne Ukrainerhemd, dafür in Jeans – Dima und Inna, und ganz in Fell – „Tschuda“, das „Wundermädchen“

In Chmjelnizki darf ich bei Inna und Dima (Dmitri), Freunde vom Kiewer Jura, absteigen. Sie sind Freelancer (freie Mitarbeiter) und arbeiten als Fotografen und Videofilmer. Sie wohnen im oberen Drittel eines hoch in den Himmel weisenden Wohnblocks. Wohnt man höher als im 3. Stock, z.B. im 9., ist das ein vorzügliches Ausdauertraining, da es seit Jahren keinen Fahrstuhl mehr im Haus gibt. Besser gesagt, es gibt einen Fahrstuhl, doch der funktioniert nicht. Der Hausbesitzer hat sich wegen finanzieller Ungereimtheiten heillos mit der Stadt verstritten und boykottiert nun seit Jahren den Fahrstuhlbetrieb. Für die älteren Menschen im Haus ist das natürlich hart. Inna und Dima lächeln nur amüsiert. In der Ukraine kann sowas schon mal vorkommen.

Ein Zitat aus meinem Tagebuch vom Donnerstag, den 26. September 2019: „Mitternacht vorbei. Inna und Dima sitzen vor den Bildschirmen, scrollen und klicken. Die kleine Dackelfrau Tschuda ruht auf ihrem Kissen auf dem Boden. Ich sitze auf meinem Lager neben Tschuda und freue mich des Lebens. Geht es morgen weiter, und wohin?“

„Pomiljájutsja prawíteli – straschdáje naród“ (ukr.) – „Die Herrscher irren – Das Volk leidet“

So steht es auf dem Denkmal für die Afghanistan-Krieger in Chmjelnizki. Eine übergroße Hand schiebt einen Soldaten als Schachfigur über die Erdhalbkugel. Der Volksmund nennt die Figur „pjeschka“, also „Bauer“ oder „Marionette“, „kleiner Fisch“, „kleiner Mann“. Sie symbolisiert das Schicksal der jungen Männer, die in den letzten sowjetischen Krieg gegen die Mudschaheddin Afghanistans (1979-1989) ziehen mussten. Zwischen 15 Tausend und 26 Tausend – die Zahlen gehen weit auseinander – dieser jungen Männer kamen nicht mehr lebend zurück in ihre sowjetische Heimat. Zehntausende blieben Zeit ihres Lebens Invalide.

Als ich Ende der 90er Jahre zu einem halbjährigen Studienaufenthalt in Moskau weilte, sah ich einige dieser doch immer noch jungen Männer, die in grüner Soldatenjacke und Mütze, ohne Beine, den Oberkörper auf ein fahrbares Brett gesetzt, sich durch die Menschen bewegten bzw. rollten. Auch in der U-Bahn, der tiefliegenden, über endlos lange und steile Rolltreppen zu erreichenden Moskauer Metro, waren sie anzutreffen. Mit traurigen, ergebenen Mienen fragten sie um Geld. Kaum jemand schien sie wahrzunehmen. Genau so wenig wie die herrenlosen, mageren Hunde, die ihrem Instinkt folgend mit der Metro von einer Station zur anderen fuhren.

Ich liebe sie, diese Ziehbrunnen. Solange es sie gibt und sich jemand um sie kümmert, bleibt die Welt in Ordnung.

Getreidesilos im Land der fruchtbaren Schwarzerde

Kamjanéz-Podílski, die „im Tiefland gelegene Felsenstadt“, das alte historische Zentrum der Region Podolien

Allein für die letzten neun Jahrhunderte ergibt sich ein buntes Bild wechselnder Zugehörigkeiten Kamjanez-Podilskis und seiner Bevölkerung

– Ruthenen oder Ukrainer, Polen, Russen, Juden, Litauer, Tataren, Türken, Armenier – zu verschiedenen Herrschaftsgebieten: zur Zeit der Kiewer Rus´ im 13. und 14. Jh. über 100 Jahre unter der Herrschaft der mongolisch-tatarischen Goldenen Horde; seit dem 14. Jh. Teil des Ruthenischen Fürstentums Halytsch-Wolhynien, dem westlichsten russischen Nachfolgefürstentum der Kiewer Rus´; 1362 Übernahme durch das Litauische Fürstentum; seit dem 15. Jh. Bestandteil des Polnischen Königreichs; Ende des 17. Jh. für knapp 30 Jahre dem Osmanischen Imperium zugehörig; seit Ende 18. Jh. dem Russischen Zarenreich; zwischen 1918 und 1920 für kurze Zeit Teil der Ukrainischen Volksrepublik und damit des ersten ukrainischen Nationalstaats; danach innerhalb des Staatsgebiets der Sowjetunion; zwischen 1941 und 1944 vorübergehend unter deutscher Besatzung; seit 1991 Teil der unabhängigen Ukraine.

Die alte Festung von Kamjanez-Podilski über dem Fluss Smotritsch, erbaut im 14. Jh. unter den litauischen Fürsten aus dem Geschlecht Korjatowitsch

Die Festung im Abendlicht

Über dem Dnjestr liegt die Burg Chotyn. Neben der ehemals russischen Garnisonskirche darf ich mein Zelt aufschlagen, was eigentlich verboten ist. Ich verspreche dem Wächter, dass von meinem Lager um acht Uhr am nächsten Morgen nichts mehr zu sehen sein wird. Geht klar!

Die dicken Mauern scheinen jedem Ansturm standhalten zu können. Doch die Besitzer Chotyns wechselten sich ab: nach dem Fürsten Danilo von Galizien kamen die Moldauer, Walachen und Transsilvaner, Türken, Polen, Saporoger Kosaken, Russen, Rumänen. Besonders die Schlachten des 17. Jahrhunderts zwischen Polen und Kosaken auf der einen Seite und Osmanen auf der anderen Seite wurden legendär.

Es geht auf Oktober zu – Quittenbäume säumen die Straßen in der Tscherniwezka Oblast, dem nördlichen Teil der legendenumwobenen Bukowina, mit ihren gelb leuchtenden Früchten.

Auf einer alten Postkarte hat jemand das Wesentliche notiert: „In der grünen Bukowina Juden wie in Palästina, Ruthenen (Ukrainer) und Armenier, Rumänen, Polen, Lipowaner (russischsprachige altgläubige orthodoxe Christen) – so viel Nationalitäten wie in einem Fische Gräten.“ Die Roma, damals üblicherweise als Zigeuner bezeichnet, fehlen noch in dieser Aufzählung, wie auch die Ungarn. So war es bis zum Ersten Weltkrieg, als die Bukowina als eine der östlichen Provinzen zur Habsburger Monarchie gehörte. Nach dieser ersten großen Katastrophe wurde das Land rumänisch. Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg gab es sie nicht mehr, die alte Bukowina, das „Buchenland“, und ihr buntes Völker- und Sprachengemisch mit den unterschiedlichen Religionen. Sie war jetzt getrennt, und das bis heute, in einen zunächst sowjetischen, später ukrainischen Teil mit einer fast einheitlich ukrainischen Bevölkerung im Norden und einen rumänischen Teil mit einer ebenso homogen rumänischen Bevölkerung im Süden. Die deutsche Sprache war vertrieben: Die Juden, jiddisch- und deutschsprachig, waren während des Krieges deportiert und ermordet worden, die deutschsprachigen Christen (oder Nichtjuden) ins Reich verfrachtet. Vorbei die natürlich gewachsene bunte Vielfalt, vorbei der kulturelle Reichtum. Entleerung. Das gute Land Bukowina existierte nur noch in der Dichtung und der Erinnerung derer, die dort einst lebten.

Dort unten liegt Czernowitz, die einstige Hauptstadt der heute geteilten Bukowina.

Der Theaterplatz in Czernowitz, ukr. Tscherniwzi, der Stadt, „in der Menschen und Bücher lebten“ – so sagte es Paul Celan.

Das Schicksal der Bukowina war auch das seiner Hauptstadt. Nach dem Anschluss der Bukowina vom Fürstentum Moldau an das Habsburger Reich 1775 hatte Czernowitz genug Zeit, stufenweise zu dem zu werden, was es bis zum Ende der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn nach dem Ersten Weltkrieg sein durfte: eine Stadt, in der verschiedene Kulturen mit ihren jeweiligen Sprachen, aber durch das Deutsche vereint, völlig gleichberechtigt mit- und nebeneinander existierten, sich mal mit mehr, mal mit weniger Respekt begegneten und gegenseitig ergänzten. In der rumänischen Zeit zwischen den Kriegen blieb dieses Bild zunächst erhalten, trotz der offiziellen Politik der Rumänisierung und Beschränkungen für die jüdische Bevölkerung. Aber erst ab 1937 offenbarten sich Nationalismus und Antisemitismus in ihrer ganzen Abgründigkeit. Es folgte die Übernahme der nördlichen Bukowina und damit von Czernowitz durch die bolschewistische Sowjetunion 1940, dann die Besetzung durch deutschen und rumänischen Faschismus von 1941 bis 1944. Nach der Rückkehr der Roten Armee im Frühling 1944 und dem Ende des Naziterrors kam Czernowitz wieder unter die Fittiche der Sowjets innerhalb der Ukrainischen SSR. Seit den 1990er Jahren ist Tscherniwzi einfach ukrainisch, ohne Moskauer Mitsprache.

Die östlichste Großstadt der Österreichisch-Ungarischen Monarchie profitierte von der aufgeklärten Siedlungspolitik Kaiser Josephs II., die eine Grundlage dafür war, dass sich in diesem Vielvölkerraum in den kommenden anderthalb Jahrhunderten ein fruchtbares Zusammenleben entwickeln konnte. Bei der österreichischen Volkszählung im Jahr 1900, bei der die jiddisch-sprachigen Juden zur deutschsprachigen Bevölkerung gezählt wurden, benutzten ca. 52% der Bewohner Czernowitz´ Deutsch als Muttersprache; dann erst folgten Ukrainisch (20%), Rumänisch (14%) und Polnisch (13%). Auch laut Rose Ausländer, der bekannten deutsch-jüdischen Dichterin, war Deutsch nicht nur Verständigungs- und Kultursprache, sondern eben auch Muttersprache des größten Teils der Bevölkerung von Czernowitz bis zur Übernahme der Bukowina 1944 durch die UdSSR. Jede ethnische Gruppe besaß dabei ihre eigenen sozialen, religiösen und kulturellen Einrichtungen, Gesellschaften, Straßen und Zeitungen. Der Geist von zusammenstehender Verschiedenartigkeit spiegelte sich in der Architektur wider, als sich die großen Plätze und öffentlichen Gebäude harmonisch mit den Vierteln und Institutionen der jeweiligen Bevölkerungsgruppen verbanden. Czernowitz, das auch die Beinamen „Klein-Wien“ oder „Jerusalem am Pruth“ (längster Donauzufluss) trug, war die Habsburger Modellstadt, die später zum Mythos wurde.

Das österreichische Czernowitz wurde zu einem Zentrum intensiven Handels- und Kulturaustausches zwischen den benachbarten Ländern. Den Mittelpunkt bildete die 1875 gegründete Franz-Josephs-Universität. Der berühmteste Autor aus der Bukowina des späten 19. Jahrhunderts war Karl Emil Franzos (1848–1904), der erste Herausgeber der Gesammelten Werke Georg Büchners. In der gesamten Bukowina gab es eine umfangreiche deutschsprachige Presse, darunter das Wochenblatt Bukowinaer Post, die Tageszeitungen Czernowitzer Morgenblatt, die Czernowitzer Allgemeine Zeitung, die Czernowitzer Zeitung, Czernowitzer Deutsche Tagespost, die Bukowiner Nachrichten, die Bukowinaer Rundschau und das zionistische Blatt Ostjüdische Zeitung.
Nach dem 1. Weltkrieg, als die Bukowina Teil des rumänischen Königreiches war, erlebte die deutsche Kultur der Bukowina mit Alfred Margul-Sperber (1898–1967), Rose Ausländer (1901–1988), Alfred Kittner (1906–1991), Paul Celan (1920–1970), Selma Meerbaum-Eisinger (1924 geboren und 1942 im Nazi-Arbeitslager Michajlowka an Entkräftung verstorben), u.a., ihre zweite und letzte Blüte.

„Czernowitz, das waren Sonntage, die mit Schubert begannen und mit Pistolenduellen endeten. Czernowitz, auf halbem Weg zwischen Kiew und Bukarest, Krakau und Odessa, war die heimliche Hauptstadt Europas, in der die Metzgertöchter Koloratur sangen und die Fiakerkutscher über Karl Kraus stritten. Wo die Bürgersteige mit Rosensträuchern gefegt wurden und es mehr Buchhandlungen gab als Bäckereien. Czernowitz, das war ein immerwährender intellektueller Diskurs, der jeden Morgen eine neue ästhetische Theorie erfand, die am Abend schon wieder verworfen war. Wo die Hunde die Namen olympischer Götter trugen und die Hühner Hölderlin-Verse in den Boden kratzten. Czernowitz, das war ein Vergnügungsdampfer, der mit ukrainischer Mannschaft, deutschen Offizieren und jüdischen Passagieren unter österreichischer Flagge zwischen West und Ost kreuzte.“ So wie es der Publizist Georg Heinzen beschreibt, wird der Czernowitzer Mythos zu einem ausgesprochen europäischen Idealbild.

Die Bahnhofshalle von Czernowitz
Prächtig liegt die Stadt auf ragender Höhe. Wer da einfährt, dem ist seltsam zu Mute: er ist plötzlich wieder im Westen, wo Bildung, Gesittung und weißes Tischzeug zu finden sind.“ So schilderte Karl Emil Franzos anno 1875 im Stil der Zeit das Ende einer Bahnfahrt von Wien nach Czernowitz, „dies blühende Stücklein Europa“, hineingestellt „mitten in die halb-asiatische Kulturwüste“.

Zum weißen Tischzeug auf Czernowitzer Art: Bemerkenswert waren schon damals die Kaffeehäuser, Konditoreien und Süßspeisen, in denen sich ukrainische, rumänische, jüdische/jiddische, polnische und österreichische/deutsche Einflüsse mischten. Berühmt z.B. die Czernowitzer Cremeschnitte, unter dem Namen „Napoleon“ bekannt. Zu Sowjetzeiten übrigens soll für die Buttercreme, welch Frevel, Margarine verwendet worden sein.

Am 1. September 1866 traf der erste Zug von Wien kommend am Czernowitzer Bahnhof ein. Die Einheimischen waren fasziniert und gleichzeitig besorgt, denn zu der Zeit brachte man die Eisenbahn mit Unfällen und Problemen für einheimische Erzeuger in Verbindung. Das angrenzende Galizien und die Bukowina konnten jetzt Güter aus dem Westen erhalten, mit höherer Qualität und oftmals niedrigeren Preisen. Außerdem schien der Zug jedem Einzelnen sagen zu wollen: „Jetzt bist du auch in Europa!“ Mit der Eisenbahn kam die Moderne in das österreich-ungarische Kaiserreich, kamen wirtschaftliche und kulturelle Entwicklung. Mit dem Kauf einer Fahrkarte für eine der drei Klassen konnte man sogar ganz direkt in diese Moderne hineinschauen.

Das „Schiff-Haus“, der Legende nach vom Bruder eines in den Ruhestand getretenen alten Seewolfs erbaut, um dessen Sehnsucht nach dem Meer zu stillen.

In den zwei Tagen, die ich hier verbringe, bin ich meistens alleine in der Stadt unterwegs: Fotos machen, verweilen, seinen Gedanken nachhängen, um Ecken gehen, flanieren..

Übriggebliebene rumänische Beschriftung auf einer Czernowitzer Hauswand

Auf Ukrainisch heißt die Stadt Tscherniwzi, auf Rumänisch Cernăuți, auf Polnisch Czerniowce, auf Hebräisch und Jiddisch Tschernowitz und auf Deutsch Czernowitz. Die Region Bukowina wurde bis zum Zweiten Weltkrieg auch die „Schweiz des Ostens“ genannt. Keine der Volksgruppen verfügte über eine absolute Mehrheit. Keine Volksgruppe war so klein, dass man sie ignorieren konnte. Die perfekte Grundlage für die politische, wirtschaftliche und vor allem kulturelle Blütezeit der Stadt.

Der Initiator des seit 2010 jeweils im September stattfindenden internationalen Lyrik-Festivals „Meridian Czernowitz“ ist der Schriftsteller und Dichter Igor Pomeranzew. 1948 in Saratow an der Wolga/Russische SSR geboren, studierte er englische Philologie und Pädagogik an der Universität Czernowitz. Er wurde 1976 vom KGB wegen der Verbreitung von anti-sowjetischer Literatur und dem Abhören ausländischer, „feindlicher“ Radiostationen verhaftet. 1977 wurde ihm nahegelegt zu emigrieren. 1978 erfolgte die Ausbürgerung nach Deutschland. Über London, wo er seine Radiokarriere bei der BBC begann, später bei Radio Free Europe/Radio Liberty, und München zog es ihn schließlich nach Prag. Igor Pomeranzews Phänomen Czernowitz sieht in einem Interview mit Radio Free Europe so aus: „Wissen Sie, in der Astronomie gibt es das Konzept des weißen Zwergsterns. Das ist ein sehr kleiner Planet, der allerdings mit einer enormen Energie ausgestattet ist. Czernowitz ist auf seine Art so ein kleiner Planet. Ich weiß nicht, wie es dazu kam, dass sich eine so gewaltige kreative Energie in diesem kleinen Raum bündelte. Ich stelle mir das Geheimnis Czernowitz so vor: Ich verbinde es mit dem kosmopolitischen Geist der Stadt, mit der gleichzeitigen Gegenwart vieler Sprachen in der Luft der Stadt. Ich nenne es den Wind der Sprachen, und wenn du in diesem Luftstrom groß wirst, dann hörst du anders, und du hast ein anderes Empfinden für Klänge. Überhaupt denke ich, dass Kultur in vielerlei Hinsicht ein sprachliches Phänomen ist.“

Heute sind 80 Prozent der Bewohner von Czernowitz Ukrainer. Außerdem leben dort Russen und Rumänen. Man könnte glauben, dass der multikulturelle Geist der Stadt längst schon erloschen sei. Doch manche behaupten, das würde so nicht stimmen.

Die ehemalige Hauptsynagoge von Czernowitz, der „Tempel“ – eine von vor dem Krieg 50 Synagogen in Czernowitz – in der Tempelgasse, heute Universitetska-Straße. 1941 wurde die Synagoge von deutschen und rumänischen Soldaten eingeäschert. Die stehengebliebenen Außenwände dienten 1959 zum Umbau als Filmtheater, die einstige große Kuppel wurde nicht wiedererrichtet. „Kinagoga“ nennt der Volksmund den Tempel. Wenn es nicht so traurig wäre, könnte man über die – bittere – Ironie lächeln.

Durch die seit der 1848er Revolution im Kaiserreich hervorgerufenen Veränderungen wurden die bis dahin bestehenden Beschränkungen für jüdische Bürger hinsichtlich eines freien Zuzugs in die Stadt stark abgemildert. Bis dahin durften Juden ausschließlich als Handwerker oder Bauern innerhalb der Stadtgrenzen siedeln. Dieses Gesetz wurde allerdings nicht sehr streng ausgelegt und immer wieder unterlaufen. Mit der Gründung der Doppelmonarchie Österreich-Ungarn 1867 fielen die antijüdischen Gesetze vollkommen weg. Die Regierung förderte jetzt den Zuzug vor allem deutschassimilierter Juden, um den Einfluss der deutschen Kultur nicht zuletzt über die Sprache, ob deutsch, ob jiddisch, auszuweiten. Als die Stadt 1908 ihr 500-jähriges Bestehen feierte, stellten manche erstmals fest, dass beinahe die Hälfte der Bevölkerung jüdisch war. Neben den bis dato üblichen Berufen wie Handwerker, Schankstubenbetreiber, Einzelhandeltreibende waren Juden jetzt in allen gesellschaftlichen Sphären vertreten, als Lehrer, Ärzte, Apotheker, Drucker, Vorsitzende von Handels- und Handwerksvertretungen, als Unternehmer und Bankiers, und damit auch als Kultursponsoren, als Anwälte, Universitätsprofessoren, Studenten, etc. 1908 war auch das Jahr des vom Wiener Philosophen und Journalisten Nathan Birnbaum organisierten bedeutenden ersten Weltkongresses der jiddischen Sprache in Czernowitz.

Noch zu Zeiten des Kaiserreichs oder kurz nach dessen Ende wurden hier geboren oder wirkten jiddischschreibende Autoren, virtuose Sprachmeister wie Elieser Steinbarg (der die Fabeln La Fontaines, Äsops und Krylows ins Jiddische übertrug), der Dichter Itzik Manger und der Dramaturg und Erzähler Mosche Altmann, die legendäre Sängerin Sidi Thal und der nicht weniger legendäre deutschsingende Tenor Joseph Schmidt, und die deutschsprachigen Lyriker Rose Ausländer, Moses Rosenkranz, Alfred Kittner, Immanuel Weißglas, Paul Celan, Alfred Gong, Selma Meerbaum, um nur einige zu nennen.

Die rumänische Herrschaft zwischen den Weltkriegen brachte einschneidende Veränderungen für die Juden von Czernowitz, jetzt Cernăuți, mit sich: Juden waren nicht mehr zum Staatsdienst zugelassen, Unterrichtsverbot für Juden an der Universität, jüdische Studenten wurden nur noch begrenzt zugelassen. Dennoch blieb das jüdische Leben lebendig. Es gab zahlreiche jüdische Schulen, an denen hebräisch oder jiddisch, aber auch Handwerkliches wie Tischlern oder Nähen erlernt werden konnte, Zeitungen und Zeitschriften erschienen regelmäßig auf jiddisch oder deutsch, Konzerte, Theater, Konferenzen der jüdischen Gemeinde waren Czernowitzer Alltag.

Mit der Annexion der nördlichen Bukowina durch die Sowjetunion im Sommer 1940 war das kulturelle Leben der Czernowitzer Juden, einige Jiddischschulen ausgenommen, beendet. Tausende von Juden, unter ihnen viele Kulturschaffende, Unternehmer, gesellschaftlich und politisch Tätige, wurden nach Sibirien verschleppt.

Am 22. Juni 1941 überfiel Deutschland die Sowjetunion. Gemäß einer Übereinkunft überließ das NS-Regime die Bukowina den faschistischen Rumänen. Die begannen im Oktober, die Juden Czernowitz´ in einem Ghetto einzupferchen. Bald drängten sich 40.000-50.000 Juden dort, wo vorher 4.000 Menschen lebten.
Das Ghetto war freilich nur Durchgangsstation, denn von dort aus transportierten die Rumänen die Juden weiter in Lager nach Transnistrien, einen südöstlich der Bukowina gelegenen Landstrich zwischen dem südlichen Bug und dem Dnjestr. Bleiben durfte nur, wer einen Schutzschein hatte, ein Fachmann war oder kriegswichtige Arbeiten verrichtete. Die Todesrate in den Lagern und Ghettos Transnistriens lag bei 70% für die Erwachsenen und gar 90% bei den Kindern. Traian Popovici, rumänischer Bürgermeister von Czernowitz, gelang es gemeinsam mit dem deutschen Konsul Fritz Gebhard Schellhorn, eine vorläufige Ausnahmeregelung für 20.000 Juden vom Staatsführer Ion Antonescu zu erhalten. Sie verwiesen darauf, dass andernfalls das Wirtschaftssystem der Stadt zusammenbrechen würde. Popovici stellte außerdem für über 4.000 Juden Aufenthaltsgenehmigungen (autorizaţie) aus, bis er ein Jahr später abgesetzt wurde. Als Ende 1943 der Rückzug der rumänischen Armee begann, appellierte Popovici erfolglos an General Calotescu, den Bukowiner Juden die Rückkehr aus Transnistrien zu ermöglichen. Nur wenige konnten vor dem Sturz von Antonescu am 23. August 1944 heimkehren.

Für die Lager Transnistriens finde ich bei meinen Recherchen die Bezeichnung „wilder Holocaust“. Die Menschen dort starben vor allem an Hunger, Kälte und Entkräftung. Sie waren vollkommen sich selbst überlassen, ohne Essen, ohne Kleidung. Josef Bursug, Jahrgang 1931, konnte aufgrund der Autorisationen für sich und seine Familie in der Stadt bleiben. In einem Interview mit der „Deutschen Welle“ 2014 zählt er auf: „Schauen Sie, 150.000 Juden gab es in der Stadt und Umgebung. Während des Krieges durften 15.000 Menschen bleiben. Aus Transnistrien kehrten 10.000 Menschen zurück. Es starben also ungefähr 120.000 Menschen.“ Doch wieviele es wirklich waren, weiß auch er nicht.

„Nie habe ich so sehr gelitten wie in den Tagen, als … ich gezwungen war, die vertrauten deutschen Klänge meiner Mutter aus dem Rachen meiner Henker zu hören“, erinnerte sich der Schulfreund Celans Immanuel Weißglas, der in ein Arbeitslager nach Transnistrien verbracht worden war.

Der Aachener Rimbaud-Verlag in einer kleinen Beschreibung zu Weißglas´ „Der Nobiskrug“: „Das Überlebensmotto der Bukowiner Dichter Weißglas, Kittner und Rosenkranz in den Todeslagern war die Überzeugung, «daß die in der Erde der Sprache Wurzelnden nimmer gefällt werden können.» Sie waren in Bezug auf Celans Büchnerpreisrede wie «lebende Bücher» – sie lebten und überlebten mit und für ihre Gedichte. Selten hatten sie Schreibutensilien. Doch schrieben und memorierten sie weiter unter unmenschlichsten Bedingungen. Der klassizistische Stil und der «unendliche Besitz der deutschen Sprache» halfen folglich, «den Spund jenes inneren Schreis, den wir, mundgerecht, Gedicht nennen» (Weißglas), zu formulieren. An dem konventionellen Formtypus, der ihnen das Überleben in der Unmenschlichkeit gesichert hatte, hielten sie auf den zweiten Blick nicht ungebrochen fest. Es fällt nämlich auf, daß durch ungewöhnliche Reime und Wortwahl eine Hamonie immer wieder in Frage gestellt wird.“

Ghetto und Arbeitslager durchlief auch Alfred Gong, der zu der bitter-ironischen Erkenntnis kam, dass „sechs Sprachen, unter ihnen drei tote, sowie die Kunst der Sophistik, der Dialektik und des Talmuds“ nicht helfen konnten, „auch nur einen Aphorismus in Erinnerung zu rufen, den Starrsinn der Mörder zu mildern.“

Paul Celan wurde 1920 in Czernowitz geboren und setzte 1970 in Paris seinem Leben ein Ende. Der in eine deutschsprachige jüdische Familie geborene Dichter hieß ursprünglich Paul Antschel, später rumänisiert Ancel. Daraus entstand das Anagramm Celan. Seine Eltern starben in einem Lager in Transnistrien – die Mutter wurde erschossen, der Vater erlag dem Typhus. Auch Paul Celan musste in transnistrischen Lagern Zwangsarbeit im Straßenbau leisten, kehrte 1944 vorübergehend nach Czernowitz zurück, um schließlich, nach einer Zeit in Bukarest und Wien, 1948 nach Paris überzusiedeln. Er fuhr fort, auf Deutsch zu schreiben, in „der Sprache der Henker“, und im selben Jahr erschien in Wien sein erster Gedichtband Der Sand aus den Urnen. Es folgten u.a. Mohn und Gedächtnis (1952) und Sprachgitter (1959). Sein Werk, hermetisch und offen in einem, rief eine Erneuerung in der zeitgenössischen Gedichtkunst hervor. Für viele schien/scheint der Geist Friedrich Hölderlins im Raum zu stehen.

Celans berühmtestes Gedicht ist zweifellos die Todesfuge. „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“, so ein vielzitierte Zeile aus dem Gedicht. Die Juden haben ein Grab in den Wolken, dort wo sie nach den Gaskammern hinwanderten. Aber Celan braucht keine Gaskammern, keine Erschießungskommandos erwähnen, nicht einen Namen aussprechen, keine Uniform und kein Gesicht uns zeigen, keinen Ofen aufbauen – und wir verstehen trotzdem, wir hören und sehen hüllenlos.

Igor Pomeranzew vom Meridian-Festival in Tscherniwzi sieht die Kunst der Celanschen Poesie im Ungesagten oder Unausgesprochenen: „Wenn ich seine Gedichte lese, verstehe ich, dass diese Pausen die Pausen eines entstellten, euphorischen, nervösen Geistes sind. Deshalb bringen uns diese Lücken aus der Fassung. Celan beginnt immer wieder mit dem gleichen Satz. (…) Die Syntax seiner Gedichte ist wohl die eindrücklichste in der europäischen Lyrik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Sie wissen ja, Theodor Adorno fragte «Wer kann nach Auschwitz dichten?». Ich denke, Paul Celan hat die Antwort mit seiner Lyrik gegeben und vor allem mit jenen tragischen Pausen.“

Einige der Juden, die den Holocaust überlebten, kamen nach Czernowitz zurück, emigrierten jedoch bald über Rumänien nach Israel. An deren Stelle traten Juden, die aus verschiedenen Teilen der Sowjetunion, vor allem aus Bessarabien (das Gebiet der heutigen Republik Moldau) und der Ukraine zuzogen. Insgesamt gesehen aber nahm die Zahl der Juden im Czernowitz der sowjetischen Ära und den Jahren danach immer weiter ab. Die sich über Jahrzehnte wiederholenden antisemitischen und antireligiösen Kampagnen der kommunistischen Staatspartei – Schließung von Synagogen und Gebetshäusern bzw. deren Umwandlung in Sportsäle, Kinos oder Lagerräume, Meldung der Haushalte, in denen rituelle Beschneidungen stattfanden, Backverbot für das ungesäuerte Matze-Brot, das am Pessachfest gegessen wird, Verbot von Begräbnissen nach jüdischem Ritus, Gängelung von Gläubigen – und die wirtschaftlich wie gesellschaftlich prekäre Situation der 90er Jahre verfehlten nicht ihre Wirkung: Von den Ende der 50er Jahre noch knapp 40 Tausend Czernowitzer Juden lebten um die Jahrtausendwende nur noch um die 4 Tausend in der Stadt.

Die verbliebene kleine jüdische Gemeinde in Czernowitz konnte nach dem Zerfall der Sowjetunion wieder an alte Traditionen anknüpfen. Die Gesellschaften für jüdische und jiddische Kultur erhielten ihren Platz im Kulturzentrum am Theaterplatz, dem 1908 erbauten einstigen Jüdischen Haus. Hier traf man sich in den 90ern in der jetzt unabhängigen Ukraine am Shabbat, Behördenangelegenheiten wurden besprochen, Medikamente an die in die Jahre gekommenen Gemeindemitglieder verteilt, und auch die zusätzlich zum Jiddischen in russischer Sprache wiederentstandenen „Czernowitzer bleter“, eine seit den 30er Jahren verbotene jüdische Wochenzeitschrift, wurden wieder gelesen.

Vor kurzem, und zwar im November 2020, ist ein neues jüdisches Kulturzentrum mit dem Namen „Jiddischkajt“ entstanden, das sich in erster Linie an die älteren Mitglieder der jüdischen Gemeinde in Czernowitz wendet. Diese drohen in ihren Wohnungen zu vereinsamen, wogegen das Kulturzentrum etwas unternehmen will – mit Kultur- und Bildungsveranstaltungen. Heute leben noch etwa 2 Tausend Juden in Czernowitz.

Der 1912 geborene jiddischschreibende Schriftsteller und bis ins hohe Alter das Hochdeutsche beherrschende Joseph Burg, der vor den Nazis mit der Roten Armee in die Sowjetunion geflohen war, erinnert sich in den 1990er Jahren in dem Film der Dokumentarfilmerin Jutta Szostak Grüße aus der Bukowina – Erinnerungen an eine Welt von Gestern an das Wiedersehen mit seiner Heimatstadt, als er 1960 gemeinsam mit seiner russischen Frau zu einem ersten Besuch nach Czernowitz zurückkehrte: „Die Häuser, die sind dieselben gewesen, aber die Menschen waren schon nicht mehr dieselben. (…) Bei mir sind alle umgekommen. Ich bin allein geblieben. Und mir war es sehr schwer, sich damit abzufassen, dass ich komme in eine Stadt, wo ich niemanden mehr habe. (…) Und ich bin aus dem Zug ausgestiegen, aus dem Bahnhof herausgegangen. Wohin gehen? Ich habe niemanden mehr. Ich habe nicht wohinzugehen. Ich bin so mit meiner Frau über die Straße gegangen, die Straße, die ich als Jüngling… Und jetzt geschienen wirklich, dass die Steine unter meinen Füßen weinen. So war es traurig.“

Es war übrigens der unermüdliche Joseph Burg, der die „Czernowitzer bleter“ 1990 als zweisprachige Monatszeitschrift wieder ins Leben zurückbrachte. Er hatte beharrlich darauf gewartet, wieder ein jiddisches Buch in seiner Muttersprache veröffentlichen zu können, was ihm 1981 nach vierzig Jahren erzwungener Unterbrechung endlich vergönnt war. Dass es mit dem Jiddischen noch nicht vorbei wäre, stand für den 2009 im Alter von 97 Jahren in Tscherniwzi verstorbenen Joseph Burg außer Frage. Friede seiner Asche!

Gegenüber des ehemaligen Tempels steht das Denkmal des legendären rumänischen Romantikers Mihai Eminescu: kein Diplom, keine gesellschaftliche Stellung, keine Frau, kein Vermögen, seelenkrank und früh gestorben. Aber keine Stadt im heutigen Rumänien, in Moldawien und der ukrainischen Bukowina ohne ein Denkmal des berühmten Dichtersohnes.

Schönheit in Gestalt einer jungen Frau in „wyschywanka“ auf einer Czernowitzer Hausfassade. Jede Gegend in der nördlichen, ukrainischen Bukowina, jede Region in der Ukraine hat eigene Muster und Farben, welche die Stickerei ihres „Ukrainerhemdes“ zu etwas Einmaligem machen.

Schönheit liegt also in dieser puren Essenz und Ursprünglichkeit, in der Rückbezogenheit zu den Anfängen und der Natur. Das hat etwas märchenhaft Schönes. Die Ukraine sucht nach dieser Schönheit, war sie doch lange von ihren Ursprüngen abgeschnitten. Schönheit liegt aber auch im sich Vermischenden und in der Entwicklung zu Neuem, im Austausch mit anderen kulturellen Essenzen.

Lassen wir noch einmal Igor Pomeranzew im Meridian-Interview zu Wort kommen: „Sie sprachen über diese Stadt als „sich durchkreuzende Kulturen“, doch dieses Durchkreuzen von Kulturen wurde nicht nur in der Stadt erfahrbar, sondern auch in einzelnen außergewöhnlichen Persönlichkeiten. Die erste, die mir einfällt, ist die große ukrainische Schriftstellerin Olha Kobyljanska. Eine Klassikerin der ukrainischen Literatur. Übrigens, kaum jemand in der Ukraine weiß, dass sie ihr Schreiben auf Deutsch begonnen hat. Auch ihre ersten Veröffentlichungen waren auf Deutsch. (…) Sie wechselte vom Deutschen zum Ukrainischen, doch am Ende ihres Lebens war ihr Deutsch besser als ihr Ukrainisch. Sie personifiziert dieses Überkreuzen der Kulturen.“

Dass Kobyljanskas Ukrainisch nicht an ihr Deutsch herangekommen sein soll, ist wohl eher eine Anekdote. Und ihre ersten kleinen Schreibversuche, heißt es, fanden auf Polnisch statt. Die Hinwendung zum Ukrainischen war unausweichlich, insbesondere für die wesenhafte Darstellung des Lebens im Dorf und dessen vielfältiger Probleme, aber auch für die Entfaltung der eigenen Identität als Ukrainerin. Kobyljanska war zusammen mit Lesja Ukrainka erste Verfechterin der Frauenrechte in der Ukraine. Beide Schriftstellerinnen eint die Tatsache, dass sie mit verschiedenen Kulturen und Sprachen groß wurden und die daraus gewonnene Lebensenergie nutzten, den Ukrainern das zu geben, was diese im Gegensatz zu ihren europäischen Nachbarn noch nicht kannten: eine Weltliteratur in der eigenen vertrauten ukrainischen Sprache.

Die ehemalige Franz-Josephs-Universität, gegründet 1875 zum 100-jährigen Jubiläum der Zugehörigkeit der Bukowina zu Österreich-Ungarn, heute nach dem ukrainischen Schriftsteller Juri Fedkowitsch benannt. Sie ist ein Werk des tschechischen Architekten Josef Hlavka, der mit seinen von der Wiener Architekturschule beeinflussten Bauten dazu beitrug, dass Czernowitz den Spitznamen „kleines Wien“ erhielt. Der Universitätsbau ist geprägt von byzantinischen und maurischen Stilelementen, hinzu kommen mitteleuropäische und jüdische Einflüsse.

Bis Ende des Ersten Weltkriegs wurde hier auf Deutsch gelehrt. Das Besondere an der Universität war, dass ihr Lehrstühle für rumänische und ruthenische (ukrainische) Philologie zuerkannt waren. Die ukrainische Fakultät wurde nach dem Krieg mit der Machtübernahme durch Rumänien geschlossen. Bis dahin gab es eine blühende studentische Subkultur in Czernowitz mit zahlreichen Korporationen, Verbindungen, Vereinen, Lesehallen, Corps, Burschenschaften, Kosakenschaften, etc. Sie waren deutsch, rumänisch, polnisch, ukrainisch, jüdisch. Hier studierten Mihai Eminescu, Rose Ausländer oder Paul Celan.

„Die dankbare Bukowina den auf dem Felde der Ehre gefallenen Angehörigen des Infanterieregimentes Erzherzog Eugen Nr. 41“. 1914 bildeten zur Hälfte rumänische Soldaten das „bukowinische“ Regiment. Dazu kamen Ukrainer und Polen. Auf dem Sockel stand ursprünglich eine Säule mit einem Adler. Der ZK-Sekretär der Ukrainischen SSR Chruschtschow ließ nach einem Besuch in Czernowitz das Denkmal wegen seiner „faschistischen Symbolik“ entfernen. In den 2000ern fand sich der zerteilte Sockel wieder. Das Holzkreuz kam dazu.

Die Czernowitzer Hauptstraße

Klagemauer aus Grabsteinen

Über die Russische Straße führt der Weg zum Jüdischen Friedhof. Die enge Straße ist voller Autos und Baustellen. Ich kenne sie schon von dem Tag, als ich mit meinem Rad in die Stadt hineinfuhr. Der Himmel ist herbstblau-frisch, und der Weg führt mich nach links an einer etwas weniger staubigen Straße entlang zu einem Hügel empor. Der Eingang zum Friedhof ist von einer Reihe übereinandergestellter Grabsteine gesäumt: die symbolische Klagemauer von Czernowitz.

Kein Mensch ist heute hier unterwegs, ich sehe nur einen Friedhofsangestellten und einen Mann mit längeren Haaren und Fotoapparat, offensichtlich ein Tourist oder Reisender wie ich. Das ist aber erst beim Verlassen des Friedhofs. Ich denke für mich, dass er irgendwo aus dem Westen kommt, vielleicht sogar ein Deutscher wie ich. Männer mit längeren oder gar langen Haaren sind ja eher die Ausnahme in der Ukraine bzw. östlich von Oder und Neiße. Wir gehen aber schweigend unserer Wege, jeder sich seinen Teil denkend.

Wo sollte denn an so einem Ort das Publikum herkommen? Schließlich gibt es kaum noch Juden in Czernowitz, und die nichtjüdischen Bewohner der Stadt haben wenig Anlass, sich hier umzutun. Bleiben Reisegruppen, Menschen, die sich auf die Suche nach den Gräbern ihrer Vorfahren machen. Ein schwieriges Unterfangen, ist doch dieser Friedhof mit über 50.000 Gräbern einer der größten in Mittel-/Osteuropa. Und so oft werden die Reisegruppen nicht auftauchen, ist es doch ein weiter Weg von Israel oder Deutschland.

Mausoleum ohne Namen

Die Inschriften der Grabsteine sind meistens auf Deutsch, aber auch in Hebräisch, Rumänisch oder Russisch.

Alles sprießt und gedeiht – hier ist der Süden!

Je weiter man sich in die entlegenen Regionen des Friedhofs treiben lässt, desto romantischer wird es. Das liegt daran, dass das Grün zunimmt und die Grabsteine schiefer werden. Sie stehen da wie alte Schultafeln oder Bücher, weise aber anspruchslos. Der Himmel tut an diesem Tag sein Übriges, liegt blau und hell strahlend über diesem Garten Eden. Ich will nicht reden mit mir, nicht einmal murmeln. Hier wächst der Farn, das ist ein gutes Zeichen. Stille und Vertrauen, Verzeihen und Heiterkeit, Ruhe und Ewigkeit, Weite, Horizont, Nähe, Fühlbarkeit, der Himmel so weit, so weit. Wohin fliegen die Seelen? Wohin gehen wir?

“Ich finde etwas – wie die Sprache Immaterielles, aber Irdisches, Terrestrisches, etwas Kreisförmiges, über die beiden Pole in sich selbst Zurückkehrendes und dabei – heitererweise – sogar die Tropen Durchkreuzendes – ich finde…einen Meridian”.
Paul Celan
Da stehen sie, die Grabsteine, wie lebende Menschen, die hinabschauen auf ihren Meridian – Czernowitz.

Celan lotete das Bild ungefähr folgendermaßen aus: Leben heißt den Meridian zu berühren – und das bedeutet die ständige Bewegung, in der sich menschliches Leben vollzieht. Der Scheitelpunkt des Sonnenlaufes wandert unablässig weiter, in ihm gilt es, immer wieder neu nach Sonnenstrahlen und Wärme zu haschen, auch wenn wir sie nicht fangen können.

„Eine goldene Kette fesselt mich an meine urliebe Stadt, wo die Sonne aufgeht, wo sie untergegangen für mich.“
Rose Ausländer

Die Dichterin Rose Ausländer, geb. Rosalie Scherzer, (1901-1988) wuchs in einem weltoffenen, liberal-jüdischen, auch kaisertreuen Elternhaus auf, in dem jedoch die wichtigsten Regeln der jüdischen Tradition bewahrt wurden. Nach dem Tod ihres Vaters musste sie das Philosophiestudium abbrechen. Sie wanderte 1921 zusammen mit ihrem Studienfreund Ignaz Ausländer in die USA aus. Nach dem Ende der Ehe mit Ignaz Ausländer ging sie 1931 nach Czernowitz zurück, um ihre Mutter zu pflegen. 1941 bis 1944 lebte sie im Ghetto des von Hitlerdeutschland besetzten Czernowitz, leistete Zwangsarbeit, verbarg sich in einem Kellerversteck. Nach dem Krieg ging sie erneut in die USA, kehrte aber 1964 wieder nach Europa zurück und ließ sich nach einem Aufenthalt in Wien 1965 in Düsseldorf nieder.

Ihre Heimatstadt Czernowitz charakterisiert Rose Ausländer so: „In dieser Atmosphäre war ein geistig interessierter Mensch geradezu gezwungen, sich mit philosophischen, politischen, literarischen oder Kunstproblemen auseinanderzusetzen oder sich auf einem dieser Gebiete selbst zu betätigen.“

Und in ihrem Gedicht „Czernowitz I“ findet sie das folgende Bild:

„Der Spiegelkarpfen,
in Pfeffer versulzt,
schwieg in fünf Sprachen.“

Mit Bogdana, einer Architektenkollegin vom Kiewer Jura

Die steil in den Himmel schießende römisch-katholische Kirche in Czernowitz, von einem polnischen Pfarrer geleitet, wird gerade saniert.

Kaiser Franz Joseph I. – der Mythos lebt!

Irgendwo finde ich diese vielsagenden Worte: „Czernowitz, Lemberg, Krakau und Wien verkoppelten sich in einem gemeinsamen Weg und ästhetischen Feld. Dieser Weg blieb sich treu bis zu den großen Katastrophen des Zwanzigsten Jahrhunderts, als der zusammenhängende kulturelle Raum auseinandergerissen war – und was zurückblieb, waren nurmehr versprengte Erinnerungen und unter Betten versteckte Portraitbilder von Franz Joseph.“

Heute braucht den Kaiser niemand mehr zu verstecken. Es wird zwar kaum noch jemanden in Czernowitz geben, der ein Portrait von Franz Joseph in der guten Stube hängen hat. Aber wenn er da so an einer Straßenecke gelassen majestätisch steht, ist vielleicht doch der ein oder die andere versucht, ihm über den kühlen Bauch oder die Schuhspitze zu streichen. Auf seine altväterliche Art verkörpert er eben das alte Europa – ja, nicht gerade ein junges, wildes Europa – aber immerhin eines, in dem jeder und jedes in Ruhe seinen aromatischen Kaffee in einem gutbesuchten Kaffeehaus schlürfen und zu einem unbefangenen Sprachengesurr die Zeitung seiner Wahl lesen kann. Eine romantisiert weltlich-aristokratische Haltung, die den breitbeinig-national umherstolzierenden Poltergeist der neuen Zeit allenfalls mit einer emporgezogenen Augenbraue würdigt.

Apropos national: In den Jahrzehnten nach dem Ableben der Sowjetunion wurden in Czernowitz die fünf Nationalhäuser der Kaiserzeit für die fünf historisch hier anwesenden Gemeinden wiedereröffnet. Man muss sich ja nicht lieben, aber man kann sich gemeinsam erinnern, füreinander interessieren und sich vielleicht sogar ein kleines bisschen mögen. Und zusammen den Kaiser am Schnurrbart ziehen.



Hauptstadt!

Als ich an einem freundlichen Septembermorgen das ehrwürdige Jeljezki-Kloster und das beschauliche Städtchen Tschernigow verlasse und mich nach Süden Richtung Kiew wende, herrscht bestes Reisewetter vor. Die Sonne scheint, und es ist angenehm warm. Ich fahre der „Desna“ entlang, die sich aus Russland kommend bis nach Kiew schlängelt und dort von Väterchen Dnjepr aufgenommen wird. Leider werde ich den Fluss kaum zu Gesicht bekommen, da die Straße in einiger Entfernung an ihm vorbeiführt. Ohne Flussbad nähere ich mich der großen Stadt, die hier zwar noch nicht vorstellbar ist, mich jetzt aber magnetisch anzieht. So schön es in der natürlichen Umgebung ist, so sehr sie einem Ruhe und Gelassenheit schenkt, sie kann einen nicht davon abhalten, den Verlockungen einer großen Stadt zu widerstehen, denn diese verspricht immer, einmalig unter Tausenden zu sein. Die menschliche Neugierde ist schließlich nie zu befriedigen.

Es ist jetzt der 9. September 2019, ein vielversprechender Morgen, als ich fast zwölf Fahrradstunden vor Kiew diesem bescheidenen Kirchlein begegne. Noch bin ich auf dem Dorf. Die Welt schlummert vor sich hin.

Ist es nicht immer wieder schön, bei Nacht in ein großes Moloch hineinzuschwimmen? Autoscheinwerfer und Straßenlaternen beleuchten romantisch die Straße, doch ich fahre meinem eigenen Lichtkegel hinterher. Die Spannung steigt, von Müdigkeit keine Spur, das Leben ist nur in diesem Moment.

Am Holodomor-Museum in Kiew: Das spindeldürre Mädchen mit den traurig blickenden Augen und den Ähren in der Hand erinnert an die Millionen Hungertoten in der Ukraine der Stalinzeit.

Es begann im Jahr 1932, und sollte bis zum Sommer 1933 andauern: Millionen Ukrainer verhungerten während dieser später als Holodomor (ukr. holod – Hunger, moriti – abtöten, ausrotten, aufreiben) bezeichneten schrecklichen Monate. Die Ukraine war nicht alleine betroffen, auch die anderen Sowjetrepubliken, insbesondere die Russische und die Kasakische (ab 1936 Kasachische Unionsrepublik) hatten Millionen Hungertote zu beklagen. In der Ukraine sind zwischen drei bis 10 Millionen Menschen den Hungertod gestorben. Die genaue Zahl der Toten ist nicht bekannt, da diese von der sowjetischen Führung geheimgehalten wurde. Erst nach dem Ende der Sowjetunion kamen unter Verschluss gehaltene Listen verschiedener Dorfsowjets ans Tageslicht, bei denen die Zahlen mehr als doppelt so hoch sind wie bis dahin vermutet. Das Holodomor-Museum in Kiew nennt 7 Millionen Hungertote innerhalb der Ukraine und zusätzlich 3 Millionen verhungerte Ukrainer in Süd- und Westrussland, im Wolgagebiet und in Kasachstan. Oft wurde als Todesursache fälschlicherweise „Typhus“, „Auszehrung“ oder „Altersschwäche“ angegeben.

Die Ukraine mit ihrer fruchtbaren Schwarzerde war einst Kornkammer Europas. Wie konnte es dann zu einer Katastrophe solchen Ausmaßes kommen? Historiker oder Politiker, die eine Völkermordthese ablehnen, nennen an erster Stelle die allgemein desaströse Situation der Land- und insbesondere der Viehwirtschaft in der Ukrainischen SSR, die durch Dürre ausgelöste schlechte Ernte 1932, der bereits schlechte Erntejahre vorangegangen waren, die Verweigerung von Hilfsangeboten aus dem Ausland, aber auch die Tatsache, dass den Bauern die Lebensmittel entzogen wurden. Die offiziell Schuldigen für die Fehlentwicklung in der Landwirtschaft und die Hungersnot waren damals schnell gefunden: die Führung des Volkskomissariats für Landwirtschaft sowie der einzelnen Kolchosen und Sowchosen. Die staatlichen Betriebe seien von „schädlichen“ Elementen, unter ihnen auch „nicht überprüfte“ Kommunisten, unterwandert gewesen, die durch Inkompetenz allein die Situation zu verantworten hätten. Stalin und seine Entourage konnten sich so auf geschickte Art aller Verantwortung für das massenhafte Hungersterben entziehen.

Vieles spricht jedoch für einen bewussten Genozid: So soll die 32er-Ernte in Wirklichkeit keine Mangelernte gewesen sein. Die Kollektivierungsmaßnahmen jedoch trafen in der Ukraine auf offenen Widerstand, der Anfang der 30er Jahre seinen Höhepunkt hatte. Die Zwangseingliederung in die staatlichen Kolchosbetriebe wurde mit Gewalt- und Terrormaßnahmen in Begleitung von allgegenwärtiger Propaganda durchgesetzt. Wer sich widersetzte, wurde als „Kulak“ (willkürlicher Begriff für angeblich zu wohlhabende Bauern), „bourgeoiser Nationalist“ oder „Konterrevolutionär“ aus der Gesellschaft ausgeschlossen, indem die Betroffenen ermordet oder für viele Jahre in weit entfernte Lager verschickt wurden. Der ukrainische Bauer, Träger von Tradition, Kultur und Sprache, und seine autonome Lebensmentalität als Keimzelle ukrainischer nationaler Identität standen dem Ziel einer einheitlichen allsowjetischen Gesellschaftsstruktur im Weg, und deshalb sollte diesem Bauerntum ein unwiderruflicher Schlag versetzt werden. Für das Jahr 1932 wurde ein unerfüllbarer Getreideabgabe-Plan erstellt, der die Bauern sämtlicher Getreidevorräte beraubte. Vieh und Geräte waren durch die Kollektivierung zuvor schon Teil der Betriebe geworden. Zur Strafe für die unausbleibliche Nichterfüllung des Planes wurden auch die restlichen Lebensmittel konfisziert. Gleichzeitig wurde den Dorfbewohnern der Weg in die Städte und Nachbarrepubliken abgeriegelt, also nach Russland oder Weißrussland. Über 22 Millionen Menschen waren somit in einem Hungergebiet gefangen.

Das im Volksmund sogenannte „5-Ähren-Gesetz“ , ein von Stalin iniziiertes Gesetz zum „Schutz der staatlichen Betriebe, Kolchosen und Kooperativen, sowie zur Stärkung des gesellschaftlichen (sozialistischen) Eigentums“ bestrafte ab August ´32 die hungernden Bauern, wenn sie nach der Ernte die stehengebliebenen Ähren von den Feldern ablasen, mit 10 Jahren Lagerhaft und dem Entzug aller Habe oder mit Erschießen. Im November ´32 wurden auf Druck Molotows die „Schwarzen Tafeln“ (russ. tschornyje doski) für die Ukraine und die benachbarte von vielen Ukrainern bewohnte südrussische Kuban-Region eingeführt. Auf diese Tafeln wurden die Namen von „rückständigen“ Kolchosen, Dörfern oder Regionen geschrieben, die sich in der Folge im totalen Ausnahmezustand befanden: absolute Versorgungssperre, d.h. Konfiszierung aller Lebensmittel, Verbot von Handel und Belieferung mit Waren jedweder Art, Ausreiseverbot für Bauern und Abschirmung dieser Gebiete durch Soldaten, Geheimdienstangehörige und Miliz. Spätestens ab Frühling 1933 war ein Überleben für viele Menschen hier nicht mehr möglich. Überall lagen tote, ausgemergelte menschliche Gestalten herum, auf Straßen, Plätzen, in den Feldern, in den Häusern. Die Lebenden gingen meist achtlos an den Toten vorüber. Eine lähmende Apathie hatte das Land ergriffen. Und sogar Fälle von Kannibalismus waren keine Seltenheit, wenn den Menschen in ihrer Not alle moralischen Maßstäbe abhanden gekommen waren.

Genosse Stalin erklärte die Hungersnot in der Ukraine für nicht existent und begründete damit gleichzeitig die Ablehnung von möglichen Hilfsmaßnahmen durch eine Vielzahl von Organisationen, insbesondere der ukrainischen Gemeinde im Ausland und des Internationalen Roten Kreuzes. Die vorhandenen staatlichen Getreideressourcen der UdSSR wurden nicht verwendet, um die Hungerkatastrophe zu lindern, stattdessen Millionen Tonnen Getreide exportiert, obwohl in dieser Zeit der Preis für Weizen auf dem Weltmarkt sank. Für die sowjetischen Industrialisierungspläne brachte der Verkauf von Wald- und Erdölprodukten ungleich höheren Gewinn.

Insofern ist es nicht vermessen, die sowjetische Führung einer gewollten Vernichtung eines Teils des ukrainischen Volks mittels eines vorübergehend installierten Grenzregimes zu bezichtigen. In Kauf genommen hat sie die Tragödie allemal für die Erreichung ihrer menschheitserlöserischen Ziele.

Mit den beiden Pilgern Jarik und Sascha, die ich im Männerschlafsaal des Tschernigower Jeljezki-Klosters kennengelernt hatte, besuche ich das Kiewer Höhlenkloster, ru. Kijewo-Petscherskaja-Lawra.

Das Höhlenkloster auf zwei Hügeln über dem Dnjepr lädt zum stillen Wandeln ein. Es ist eines der ältesten orthodoxen Klöster, von den zwei Einsiedlern Antoni und Feodosi (Antonius und Theodosius von Kiew) vor tausend Jahren gegründet. Der aus der Nähe von Tschernigow nördlich von Kiew stammende Antoni soll zuvor auf dem Berg Athos in Griechenland schon als Mönch gelebt haben. Antoni und Feodosi bewohnten zunächst eine von einem Vorgänger gegrabene Höhle, Gleichgesinnte kamen dazu, mit denen sie später die erste Kirche und Klosterzellen bauten.

Wie in alten Zeiten

Was dieses Kloster schon alles überstanden hat in den vergangenen Tausend Jahren! Überfälle von Nomadenstämmen, von Tataren und Mongolen, später, schon Ende des 16. Jahrhunderts, die Bedrängung durch die Unitarier, die das Kloster der griechisch-katholischen Kirche unterordnen wollten und gegen die sich die Mönche erfolgreich mit der Waffe in der Hand zur Wehr setzten. Im 18. Jahrhundert zerstörte eine Feuersbrunst die Hauptkirche, die kurz darauf wieder aufgebaut wurde – dieselbe, in der Jahrhunderte vorher der Kiewer Großfürst Igor Olgowitsch betend vor einer Ikone der Gottesmutter von einer Menge aufgebrachter Bürger ermordet worden war.

Selbst das 20. Jahrhundert schaffte es nicht, dem Kloster den Garaus zu bereiten. Unter sowjetischer Herrschaft wurde 1930 ein Teil der Mönchsbruderschaft verschleppt und erschossen, die verbliebenen wurden in Gefängnisse gesperrt oder in die Verbannung geschickt. Das Kloster existierte von nun an als staatlicher Museumskomplex mit einem Museum für Buchkunst, einem Museum für historische Kostbarkeiten und dergleichen.

Zur Zeit der deutschen Besatzung Kiews wurde im Kloster laut Bericht aus den Nürnberger Prozessen eine Polizeiwache eingerichtet, in der etwa 500 Menschen ermordet wurden. Und obwohl ab September 1941 das ursprüngliche Klosterleben durch einen entsprechenden Erlass der Besatzungsbehörden wieder aufgenommen werden konnte, wurde am 3. November die Hauptkirche, die Mariä-Himmelfahrtskirche (russ. Uspjenski Sobor) unter Leitung des Reichskommissars für die Ukraine Erich Koch gesprengt, nicht ohne vorher die wertvollen Kunstgegenstände der Kirche fortzuschaffen. Die Naziideologie duldete keine Heiligtümer, die den unterworfenen Völkern Zusammenhalt und Identität gaben.

Nachdem Kiew ab 1943 wieder sowjetisch war, blieb das Höhlenkloster weiter geöffnet. Erst in den 60er Jahren kam es während Chruschtschows antireligiöser Kampagne wieder zu einer vorübergehenden Schließung. Im Juni 1988 zur 1000-Jahr-Feier der Taufe der Kiewer Rus wurde der Ukrainischen Orthodoxen Kirche ein Teil der Höhlen von der Sowjetadministration zurückübereignet, 1990 schließlich der restliche Teil. Das Klosterleben konnte endlich weitergehen.

Blick über Höhlenkloster und Dnjepr

Jarik und Sascha versuchen, mich als ukrainischen Staatsbürger in das Pilgerheim des Höhlenklosters einzuschleusen. Das misslingt, weil ich aufgefordert werde, meinen Pass vorzulegen. Die Übernachtung hinter den heiligen Wänden wird dadurch etwas teurer, doch wir teilen alles durch drei, wie sich das in der Situation gehört, obwohl ich kein authentisch orthodoxer Pilger bin. Als ich am Morgen in unserem kleinen Zimmer erwache, läuten die Glocken, und es herrscht eine feierliche Stimmung. Meine Bettnachbarn beten im Stehen laut und fest ihren Sprechgesang, während ich auf dem Bett sitzen bleibe und mich meinem Tagebuch widme. Ich überlege, ob ich nicht etwas anderes, sagen wir Gottgefälligeres tun sollte und komme zu dem Schluss, dass es so seine Ordnung hat. Der Tag setzt sich allmählich in Bewegung.

Die vielen unterirdischen Höhlen des Klosters sind labyrinthartig mit Gängen verbunden, durch deren dämmriges Licht sich Geistliche, Pilger und Touristen drängen. An den Seiten der schmalen und niedrigen Gänge stehen Särge, in denen sich die Gebeine der Mönche befinden, die in edel gewirkte Gewänder gehüllt sind. In der Regel ist von den verstorbenen Mönchen nichts zu sehen, außer bei einem, dessen Hand unter dem bestickten Tuch hervorschaut. Die Hand ist klein, schrumplig und braun, und ich schaue sie mir etwas verwundert an. Die Körper der Mönche liegen also tatsächlich in diesen Särgen, mumifiziert und scheinbar für die Ewigkeit erhalten. Die Luft hier unten ist vollkommen unauffällig, alles ist normal. Die Pilger, unter ihnen viele Frauen, auch jüngere, beugen sich über die gläsernen Abdeckungen und beehren die Heiligen mit einem liebevollen Kuss. Ob sie das wohl bemerken oder gar genießen, die hier schon so lange liegen? Oder sind sie zu sehr an dieses Ritual gewöhnt und lassen es ungerührt über sich ergehen? Meine Fragen bleiben unbeantwortet wie so vieles im Leben.

Der Große Glockenturm, nach den Plänen des deutschen Architekten Gottfried Johann Schädel 1731-1745 errichtet

Uspjenski Sobor, die Mariä-Himmelfahrts-Kathedrale. Von den Bolschewiken geschändet, von den Nazis gesprengt, in nur zwei Jahren wiedererbaut (1998-2000) steht sie da in all ihrer Pracht, die Hauptkirche des Kiewer Höhlenklosters. Der Gesang des großen Kirchenchores ist himmlisch schön und berührend. Ich kann mich kaum losreißen, doch Sascha und Jarik sind schon wieder weiter.

Majdan Nesaleschnosti (ukr.), der Platz der Unabhängigkeit

Von dem altehrwürdigen Höhlenkloster setzen wir in die Moderne über. Sascha und Jarik sind keine Kiewspezialisten, sondern allenfalls Touristen, die halbwegs sicher den Weg durch das Zentrum der großen Stadt finden. Bald sind wir am Platz der Unabhängigkeit, der auf ukrainisch Majdan Nesaleschnosti heißt. Der Platz ist zwar sehr groß, macht auf mich allerdings keinen besonderen Eindruck. Schuld daran sind in erster Linie die Kriegsjahre, die aus dem damaligen „Kalininplatz“ einen Trümmerhaufen machten. So fehlt ihm die Schönheit eines über die Jahrhunderte gewachsenen Ensembles, oder wenigstens die eines mit Bedacht und ästhetischem Feingefühl neuerdachten Ortes. Die Gebäude wirken betonbrachial, und das noch junge Einkaufszentrum „Globus“ in Form eines langgestreckten gläsernen Treibhauses am Kopfende des Platzes, dort, wo vorher ein grüner Hügel war, macht es nicht besser. Man fühlt sich hier eher verloren und strebt schon bald weiter auf der Suche nach erfreulicheren Anblicken.

Allerdings: Der Majdan ist im Verlauf der letzten 20 Jahre weit über die Ukraine hinaus bekannt geworden, als er wiederholt zum Schauplatz und Sprachrohr derer wurde, die tiefgreifende politische und gesellschaftliche Veränderungen für das ganze Land forderten. An diesem Ort im Herzen Kiews treffen Ost und West aufeinander, und diese Konfrontation kann nicht ohne Reibungen ablaufen. Vor mittlerweile 30 Jahren begann hier die Emanzipation der Ukraine noch innerhalb des monolithischen Ostblocks (Warum gab es eigentlich nie das Wort „Westblock“? – nur so nebenbei gefragt..) mit der „Revolution auf Granit“ im Oktober 1990. Bald darauf war die Ukraine unabhängig. Zwischen November 2000 und März 2001 kam es auf dem Majdan zu Massenprotesten gegen den damaligen Präsidenten Kutschma, dem u.a. eine Mitverantwortung bei der Ermordung des Journalisten Georgi Gongadze vorgeworfen wurde. Wieder über den Jahreswechsel, November 2004 bis Januar 2005, und diesmal im ganzen Land fand die „Orange Revolution“ statt, die dem bereits zum Sieger gekürten Wiktor Janukowitsch nach Wahlfälschungsvorwürfen sein vermeintliches Präsidentenamt kostete. Neun Jahre später im November 2013 begann zur bekannten Jahreszeit der Ewromajdan (ukr.) bzw. Jewromajdan (ru.), also der „Euromajdan“, als die Regierung unter dem 2010 doch noch zum Präsidenten gewählten Janukowitsch ein anvisiertes Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union nicht unterschreibt. Spätestens jetzt wird der Kiewer Majdan legendär.

Es ist eine traurige Legende, die da geschrieben wird. Und noch dazu eine, die die Menschen nicht einigt, sondern geradezu aufeinanderhetzt. Die Menschen in der Ukraine haben so unterschiedliche historische und gesellschaftliche Hintergründe – sehen sich als Ukrainer, aber viele von ihnen gleichzeitig als ethnische Russen, verweisen auf positiv identitätsstiftende vergangene Zugehörigkeiten zu Österreich (im Südwesten) oder zu Russland (im Osten), sprechen russisch oder ukrainisch -, dass es fast erstaunlich ist, dass es das Land überhaupt noch gibt. Vor die unmittelbare Wahl gestellt zwischen östlichem und westlichem System, kann es keine einfache Antwort geben. Sie kann nicht lauten „so oder so“, denn immer wäre eine Seite gedemütigt und die andere auf eine künstliche Siegertribüne gestellt. Es wird Hass geschaffen, wo vorher zumindest Dialogbereitschaft vorhanden war. Prorussisch oder proeuropäisch bzw. proamerikanisch – ist das überhaupt eine Wahl? In anderen Ländern mag das funktionieren, nicht aber in einem Land, das über Hunderte von Jahren von westlichen und östlichen Winden gespeist wurde, das mit einem westlichen und einem östlichen Lungenflügel atmete und atmet, um mit der schönen Allegorie des polnischen Papstes Karol Wojtyła zu sprechen, die er allerdings auf die Situation ganz Europas bezog.

Der Euromajdan endet nach drei Monaten im Februar 2014, weit über hundert Menschen müssen sterben. Präsident Janukowitsch flieht nach Russland, die Verfassung von 2004 in Gestalt einer dezentralisierten Ukraine tritt wieder in Kraft. Kurze Zeit darauf verliert die Ukraine im Süden die Krim an Russland, im Osten spalten sich die selbsternannten Donjezker und Lugansker Republiken vom ukrainischen Staat ab. Der Krieg um die östlichen Gebiete ist bis heute nicht beendet und hat Tausende von Todesopfern gefordert.

Das soll aber nicht heißen, dass der Euromajdan an allem allein schuld wäre. Letztlich fing er an als eine Versammlung von Menschen, die ihre Unzufriedenheit mit dem Stand der Dinge ausdrücken wollten und um ein ewiges Weiterso zu verhindern. Die Öffnung nach Europa und gleichzeitig eine entschiedene Abgrenzung zu Russland hatten dabei oberste Priorität. Die Proteste fanden bald im ganzen Land statt, nur unter verschiedenen Vorzeichen, womit die Initiatoren in Kiew möglicherweise nicht gerechnet hatten. In vielen Städten im Osten, Süden, aber auch im Zentrum, wie in Kiew selbst, gab es große Gegendemonstrationen, deren Teilnehmer befürchteten, sich von nun an nach einem westukrainischen Diktat richten zu müssen, gar ihre russischsprachige Kultur und Mentalität bedroht sahen.

Wie es so üblich ist, kommen die Medien dazu, Politiker aus Ländern, die Ozeane entfernt liegen, Nachbarstaaten, die panisch Morgenluft wittern, etc., und alle kippen schön Öl ins Feuer, dass es nur so prasselt. Leider ist es auf die Art unmöglich, Kompromisse zu finden, die man im Laufe der Zeit an sich verändernde Konstellationen und Stimmungen anpassen könnte. Die Majdangänger in Kiew hätten es sich wohl nicht träumen lassen, wohin ihr Land in so kurzer Zeit steuern sollte.

Die Situation auf dem Platz der Unabhängigkeit während des Stadtbummels mit Jarik und Sascha hat etwas Typisches. Rund um die Triumphsäule mit der hoch über dem Platz schwebenden Skulptur des in ein helles Leinenkleid mit wunderschönen Stickereien, die traditionelle wyschywanka, gehüllten ukrainischen Mädchens, der in der slawischen Mythologie so viel besungenen Bewahrerin allen Lebens, der Tiere, Pflanzen und Menschen, sind große Tafeln aufgestellt, die die Ereignisse auf dem Majdan um die Jahreswende 2013-14 widerspiegeln. Fotos der Menschen in Kampfmontur und Helmen, von Barrikaden aus Säcken und Holzpaletten, der Sicherheitskräfte hinter langen Schutzschildern, der Unterstützer an den Feldküchen, von Fahnen blau-gelb (Ukraine) oder schwarz-rot (ukrainische Befreiungsarmee), dazu viele Erklärungen. Natürlich will ich mir das anschauen, auch die fotografischen Porträts und Namen all derer, die hier ums Leben gekommen sind. Die „Himmlische Hundertschaft“, so werden sie genannt, die Toten des Kiewer Majdan. Meine beiden Begleiter scheint das aber überhaupt nicht zu interessieren. Sie schlendern weiter, warten auf mich, während ich versuche, auf die Schnelle Informationen und Bilder aufzuschnappen. Als wir uns nach einer Viertelstunde zusammenfinden, frage ich Sascha, ob sie denn das alles schon gesehen hätten und erkläre, dass es mich interessieren würde. Er macht mir gelassen klar, dass sie das schon oft gesehen hätten und bezeichnet die Ausstellung schlicht als Propaganda. Ich bin etwas verblüfft und muss mich damit abfinden. Doch später verstehe ich, dass es eben nicht ihre Welt ist. Nicht Europa und der Westen sind ihre Ideale, sondern eine andere Welt, nicht vollkommen anders, aber anders geprägt. Sie muss nicht im Gegensatz zur westlichen Moderne stehen, beharrt aber auf ihre eigene Identität, die viel mit Russland und der russischen Kultur zu tun hat. Es ist schwer, einem Ausländer die verworrene Situation in der Ukraine verständlich zu machen, doch in solchen Momenten wird es klarer, wenn auch zeitversetzt: Es kann nicht das Eine ohne das Andere geben. Beides gehört zusammen, und keines darf dem anderen die Luft zum Atmen nehmen. Das ist eine Lektion, die überall im Leben ihre Berechtigung hat.

Ich bin Sascha und Jarik jedenfalls dankbar für ihre unkomplizierte Art, mir vor Augen zu führen, dass die „unrechte“ Seite gar nicht unbedingt Unrecht haben muss und dass es wichtig ist, dem Anderen zuzuhören. Es mag banal klingen, dass das für beide Seiten gilt, doch wie sonst sollte es gelingen, etwas Gemeinsames zustande zu bringen?

Es ist herrlich, einen Film mit klar verteilten Rollen anzuschauen, aber das kann auf die Dauer sehr langweilig werden. Und mit dem Leben hat es meistens wenig zu tun. Wir fallen nur in der Regel drauf rein.

Im alten Kiew

Die Bewahrerin des Lebens, die Erde und Himmel verbindet und im Herzen die Sonne trägt: Wandmalerei auf einer Hausfassade im Zentrum Kiews

„Pamjat´ – zaradi majbutnjoho!“ (ukr.) –  „Gedenken – der Zukunft wegen!“

Während meiner Halbtagsradfahrt durch Kiew auf dem Weg vom Hostel, in dem ich für die ersten Tage unterkomme, zu Jura, einem Freund von Julia aus Odessa, komme ich schon bald an einem Straßenschild vorbei, auf dem der Name „Babi Jar“ steht. Der Ort ist ganz in der Nähe, und ich biege nach kurzer Überlegung ab. Ich frage mich, was es mit der „Weiberschlucht“ (ukr. Babin Jar, ru. Babi Jar) auf sich hat, vermute ein kolossales Verbrechen, doch von wem an wem, das weiß ich nicht. Ich muss aber irgendwann davon gehört haben.

Als ich vor Ort bin, ist dort nicht allzuviel zu sehen. Das Datum „1941-1945“, ein Reliefbild leidender Menschen und vor allem die Aufschrift „Ost“ auf einem Denkmal am Rande eines größeren Parks lassen ein Verbrechen der deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg vermuten. Ich schiebe mein Rad am Rand eines großen Grabens entlang und weiß immer noch nicht, wo ich eigentlich bin. Schließlich nehme ich mein Telefon zur Hand, schalte das Internet ein und lese: „Babi Jar, eine Schlucht bei Kiew und Ort massenhafter Erschießungen von Juden durch SS-Sonderkommandos während des Zweiten Weltkriegs.“ Ich lese weiter…

Das dunkelste Kapitel in der Geschichte Kiews: Babi Jar

…und will meinen Augen nicht trauen: 33.771 Kiewer Juden sollen an diesem Ort innerhalb von 36 Stunden von SS-Einsatzgruppen unter Verantwortung der 6. Armee der Wehrmacht erschossen worden sein. Was heißt „sollen“? Sie wurden erschossen.

Nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Kiew am 19. September 1941 wird die jüdische Bevölkerung auf Plakaten in russischer, ukrainischer und deutscher Sprache dazu aufgefordert, sich am Morgen des 29. Septembers, also am jüdischen Versöhnungstag Jom Kippur, an einer bestimmten Straßenecke der Stadt einzufinden. Mitzuführen seien Dokumente, Geld, Wertsachen, warme Kleidung, Unterwäsche, etc., was die Juden glauben lässt, an einen anderen Ort verschickt zu werden. Bei Nichtbefolgung erfolge sofortiges Erschießen. Wehrmachtssoldaten mit Schäferhunden bewachen die Menschen, die in Gruppen zur zweieinhalb Kilometer entfernten Schlucht gehen. Dort angekommen, müssen sie alles ablegen, auch ihre Kleider. Sie werden gezwungen, sich mit dem Gesicht zur Erde auf die bereits in der Mulde liegenden Leichname zu legen und auf die für sie bestimmten Schüsse zu warten. Eine Gruppe nach der anderen. Bei den Kindern spart sich die SS oft die Munition. Sie werden auf die Leichenberge geworfen und mit Erde zugeschüttet.

Die fast 34.000 ermordeten Juden bleiben nicht die letzten Toten von Babi Jar. In den folgenden zwei Jahren bringen die SS-Angehörigen unter Beihilfe der Wehrmachtssoldaten hier insgesamt bis zu über 70.000 Menschen um: Roma und Sinti, sowjetische Kriegsgefangene, physisch und psychisch Kranke, ukrainische Partisanen und Angehörige der ukrainischen Befreiungsbewegung, Polen und weitere Juden aus der Kiewer Umgebung. Zusammen mit den anderen Exekutionsorten innerhalb des Kiewer Stadtgebietes liegt die Anzahl der Opfer unterschiedlichen Schätzungen zufolge zwischen 150.000 und 200.000. Nackte Zahlen. Menschen. Menschen. Menschen.

Um die Spuren zu verwischen, sprengen Pioniere der Wermacht oberhalb der Massengräber die steilen Wände der Schlucht, und es werden junge Bäume über den Toten gepflanzt. Vor der drohenden Rückkehr der Roten Armee im Herbst 1943 müssen mehr als 300 Gefangene des nahegelegenen Konzentrationslagers Syrez unter Aufsicht einer weiteren SS-Sondereinheit die notdürftig verscharrten Leichen wieder ausgraben und auf Scheiterhaufen einäschern. Die Gefangenen werden als Mitwisser später erschossen. Nur wenigen gelingt die Flucht.

Nach 1945 konnte Babi Jar nicht zu einem Ort der Erinnerung werden, weil dies politisch sowohl unter Stalin als auch unter Chruschtschow nicht erwünscht war. Juden wurden auch in der Sowjetunion als störendes Element der Gesellschaft gewertet. Das was von der Schlucht geblieben war, wurde allmählich mit Bauschutt und Schlacken aus den nahegelegenen Ziegeleien aufgefüllt. 1961 kam es dabei am Rand der einstigen Schlucht zu einer Dammbruch-Katastrophe, in deren Folge über hundert Menschen ums Leben kamen und die Umgebung verwüstet wurde.

Man könnte meinen, Babi Jar habe sich für das gerächt, was Menschen anderen Menschen antaten. Und dafür gerächt, was die Herren der Welt ihr selbst, der Schlucht, als Teil einer Tausende von Jahren unberührten Natur antaten.

Sind sie Feen der Moderne? Die Bewahrerinnen einer sich verändernden Welt? – Fassadenbild auf einem typischen Wohnblock der späteren sowjetischen Ära.

Unterwegs mit zwei Topmusikern: Witja (links) und Jura

Das Glück will es, dass ich in Kiew bei Jura absteigen kann. Er wohnt zwar, wie man so schön sagt, am Arsch der Welt, aber ein Zuhause ist ein Zuhause! Seinen Wohnblock zu finden ist nicht schwierig, werde ich doch von zwei Jungs, die an der Dnjeprpromenade Radsprünge üben, bis in das weit entfernte Viertel geleitet. Die Überquerung des Flusses ist dann doch etwas langwierig, weil die Brücken für kleineuropäische Verhältnisse ewiglang sind und es gar nicht so leicht ist, zwischen den im Weg stehenden Leitplanken die richtige Auffahrtsschleife zur passenden Brücke hinauf zu finden. Weil meine Begleiter aber nicht weit weg von Jura wohnen, kann ich mich entspannen, und fahre ihnen einfach hinterher. Ich komme zwar aus einer Kleinstadt, doch so ein Ritt durch die Großstadt, vor allem wenn alles neu ist, das macht richtig Laune. Sowieso: Radfahren ist das Einfachste im Leben – alles andere ist mit Komplikationen verbunden.          

Bei Jura ist es aber unkompliziert. Bedauerlich nur, dass er und seine Jungs gerade kein Konzert in Kiew haben. Ist jedenfalls zu empfehlen: „Kraken Landau“ nennen sie sich, kann man bei Youtube anschauen und anhören, eine Mischung aus Ukra-, Rocka-, Psychobilly und Surfrock, falls euch das was sagt. Mir hätte das jetzt auch nicht so viel gesagt, aber man lernt ja immer dazu. Jedenfalls sitzt Jura (Juri) am Schlagzeug, und Witja (Wiktor) kreiert Melodien an der Gitarre. Lasst es uns der Einfachheit halber Spaceobilly nennen. Oder Spacesurf. Experimentell! Ich empfehle „Kraken Landau live by Kepsky Spravy“, vor allem das letzte der drei Stücke „Riverside Story“ – psychedelisch! Oder gleich die Verknüpfung zu ihrem Kanal: https://m.youtube.com/channel/UCJIJEatUoFe4GFCzxn24jZA.

Ein zu den städtischen Wasserwerken gehörendes Gebäude? Der junge Mann trägt übrigens eine Wyschywanka.

Jura ist außer Musiker vor allem Architekt, und wenn es jemanden gibt, der sich mit der Geschichte seiner Stadt und der Geschichte der einzelnen Gebäude auskennt, dann ist es Jura. Er ist ein wandelndes Geschichtsbuch. Eine Enzyklopädie auf zwei Beinen. Mein Glück ist es, dass Jura gerade eine berufliche Auszeit genommen hat und er dadurch die Möglichkeit hat, mir verschiedenste Seiten der Stadt zu zeigen. Noch dazu hat er ein Automobil, das uns genügsam in die Winkel der Stadt trägt. Dann geht es zu Fuß weiter, und „jedes“ Haus, „jede“ Brücke, „jede“ Treppe bekommt ein Gesicht, das ich alleine nie gesehen hätte. Auch Witja, selbst ein Kind der Stadt, scheint von dem beeindruckt, was uns Jura zu berichten weiß.

Kiew ist nicht Tiflis bzw. Tbilisi, zu viel hatte es unter dem Krieg zu leiden, Tausende von Gebäuden und Fabriken waren in Trümmerhaufen  verwandelt, doch in manchen Ecken zeigt sich das alte Kiew und lädt zu langen Spaziergängen ein. 

Nach den Stadtreisen bin ich abends froh, wieder in meinem Heim auf Zeit ankommen zu dürfen. Jura und ich sitzen noch in der Küche bei „wermischél“ (Betonung auf  der letzten Silbe), Fadennudeln, und „dóktorskaja“ (Betonung auf der ersten Silbe), Lyoner Wurst, der Schnellküche für Abends-spät-in-der-Küche-Auftaucher. Wieder tauchen wir ein in das Universum der Kulturen und des Vergangenen.

Ausblick unter weitem Himmel bei einem Radausflug durch Juras Viertel und die Nachbarschaft. Im Vordergrund ein Markt.

Die fast tausend Jahre alte Georgskathedrale (Georgijewski sobor) des Vyjdubizki-Klosters, in stiller Abgelegenheit hoch über dem Dnjepr. Das Kloster hat einen Rosengarten mit einer Fülle unterschiedlich betörend duftender Rosenstöcke. In der anderen, noch älteren Sankt-Michaels-Kirche befindet sich unter der Kuppel ein Kraftfeld, von dessen heilsamer Wirkung mir Jura berichtet.

Rodina Mat´ – Mutter Heimat

Ich kenne sie schon aus dem russischen Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, die Mutter-Heimat-Statue. Dort erhebt sie sich über dem „Mamajew-Kurgan“, dem aus Vorzeiten stammenden Heldenhügel der mongolisch-tatarischen Ritter der Goldenen Horde über der Wolga. Allerdings unterscheiden sich die beiden Statuen: Die Frauenfigur in Wolgograd, Allegorie der Heimat, geht voran und schaut dabei mit erhobenem Schwert und geöffnetem Mund zurück, da sie ihre Söhne zur Schlacht mit dem Feind aufruft. In Kiew steht sie aufrecht mit erhobenen Armen da, das Schwert in der rechten, das Schild mit Hammer und Sichel, dem Symbol der Sowjetunion, in der linken Hand. Ihr Blick ist unerschrocken nach vorne gerichtet. Der 1974 während der Entstehungszeit der Statue verstorbene Bildhauer ist übrigens der gleiche, der die Wolgograder Statue „Mutter Heimat ruft“ (ru. „Rodina mat´ sowjot“) und das sowjetische Ehrenmal in Berlin-Treptow erschaffen hat: Jewgeni Wutschetitsch.

Das ukrainische Gesetz zur Entfernung kommunistischer Symbolik aus dem öffentlichen Raum will es, dass Hammer und Sichel vom Schild der Kiewer Mutter Heimat verschwinden. Aller Wahrscheinlichkeit nach soll dies in naher Zukunft geschehen. Ob die Idee so gut ist, scheint mir mehr als fraglich. Der Riss durch die ukrainische Gesellschaft ist tief genug.

Blick auf die Innenstadt Kiews

Im Herzen der Stadt: Der Sophienplatz, einer der ältesten Plätze Kiews, mit dem Glockenturm der hinter ihm liegenden Sophienkathedrale

In der tausendjährigen Sophienkathedrale befindet sich das berühmte byzantinische Mosaik der Fürbitte haltenden Muttergottes, das den Beinamen „Unzerstörbare Wand“, ru. „Neruschímaja Stená“ hat. Im Laufe von über 800 Jahren blieb einzig diese Wand von Zerstörungen verschont.

Klosteransichten

Das Poltawa-Gebiet nimmt mich sanft und grün auf. Ich fahre in einem großen Bogen die ungefähr 500 Kilometer in das nördliche Tschnernigow, das nicht weit von der russisch-weißrussisch-ukrainischen Grenze entfernt liegt. Felder, Dörfer, Wälder. Die Ziehbrunnen werden, je weiter ich mich dem Norden des Landes nähere, immer mehr, was überaus angenehm ist. Es ist Ende August, immer noch sehr warm, aber die große Sommerhitze ist vorüber.

 

 

Das Abendlicht bescheint die Mosaiken einer Bushaltestelle in Chrestiteljewo unweit des Übergangs von der Tscherkassker in die Poltawa-Oblast.

 

 

Oft sind die Felder von langen Eichenalleen getrennt. Da lasse ich mich besonders gerne nieder, im Schutz der Bäume, aber mit dem Blick in die Landschaft und nachts zum Mond und in die Sterne.

 

Nachdem ich mich an einem Platz eingerichtet habe, d.h. den Boden etwas vorbereitet, das Zelt aufgestellt, die Matte aufgepumpt, den Schlafsack ausgebreitet, Klamotten für die Nacht und Kochsachen ausgepackt habe, kommt die abendliche Dusche an die Reihe. Es muss schon etwas Besonderes vorfallen, dass sie nicht zu ihrem Recht kommt. Wenn also kein Fluss oder See in der Nähe ist, greife ich meine Trinkflaschen, bewässere mich sparsam, seife mich schnell von Kopf bis Fuß ein, und spüle das Ganze wieder ab. Anschließend rubbele ich mich schön trocken. Herrlich! Ein vortrefflicher Moment, besonders in der immer noch sehr sonnenwarmen Jahreszeit. Natürlich lasse ich genügend Wasser zum Kochen und Trinken über. Zum Duschen brauche ich zwischen anderthalb und drei Litern Wasser – ein kleiner, aber überschaubarer Luxus.

Für das Kochen benötige ich mehr Zeit, obwohl es einfach ausfällt. Ich habe nur einen kleinen Topf und einen feuerzeuggroßen Gasbrenner, mit dessen Hilfe ich mir auch den morgendlichen Kaffee zubereite. Normalerweise gibt es eine Grundlage, z.B. Buchweizen, Linsen, Reis, Kartoffeln oder Nudeln, und dazu etwas Gemüse, sagen wir Paprika, Mohrrüben, Zwiebeln, Knoblauch. Etwas Salz und ein paar Scheiben Wurst verleihen dem Eintopf aromatischen Schliff. Ich esse immer soviel, bis nichts mehr in mich hineinpasst. Die Methode ist altbewährt und wirklich einfach. Und erspart mir den Umgang mit Diätratgebern.

Beim Essen höre ich gerne Radio, und zwar Netzradio aus meinem Wandertelefon. Ihr könnt das nun gerne für dekadent halten, und das ist es vielleicht auch, hat aber gewiss mit einer Portion Heimweh zu tun. Ich sitze also unter dem ukrainischen Himmel unter ukrainischen Eichen und höre von mir ausgesuchte Sendungen des Deutschlandfunks. Kurze Überblicke über das Tagesgeschehen in Deutschland und der Welt, Reportagen, Interviews, Features, sogar Hörbücher wie die Tagebücher von Victor Klemperer „Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten“. Die Sendungen zu Ostdeutschland interessieren mich besonders, weil ich als ’68 Geborener ein Wendekind bin und mir dieser Teil Deutschlands durch die Zeit im Nachwende-Ostberlin der 90er, dann in Dresden und Zittau, später in Meißen und Weimar zu einer zweiten Heimat geworden ist. Manchmal denke ich, wie komisch, dass ich nun hier in der Ukraine mich befinde, aber deutsche Radiosendungen höre, und zwar nicht irgendein Geklimper, sondern Sachen, die mit Geschichte und Kultur zu tun haben. Aber wahrscheinlich ist es gar nicht so seltsam, wenn ein Mensch genau an der Schnittstelle zwischen Fern- und Heimweh geboren ist. Natürlich spielt es eine Rolle, dass ich alleine unterwegs bin, eine riesengroße sogar.

 

 

Der tatarische Küchenmeister Rafik

Im Städtchen Orschiza bricht die dicke Befestigungsschraube meines Bockständers. Ich besorge mir eine neue in einem Eisenwarenladen, wie es solche familiären Einrichtungen in der Vorbaumarktzeit bei uns noch überall gab, doch der Bolzen passt nicht ganz in die Halteplatte. Ich gehe zu den Schlossern im Hinterhof, die verlieren nicht viel Worte, fräsen das Loch in der Platte ein Stück weiter, schrauben den Bockständer an – fertig! Geld wollen sie keines. Ich darf ihnen etwas für die Kaffeekasse geben.

Ja, da werde ich mir mal ein Mittagessen gönnen in einer Kafeschka, wie hier die Speiselokale heißen. Mir wird ein kleiner Laden die Straße ein Stück weiter empfohlen. Da kann ich schön im blätterumrankten Pavillon sitzen. Meister Rafik nimmt die Bestellung auf und geht das Essen zubereiten: Krautwickel und Eierquiche mit dünnen Fleischlagen. Zum Nachtisch gibt es Biskuittorte. Außerdem stellt er mir einen selbstgemachten Saft hin. Tee trinken wir anschließend zusammen. Zur Marktzeit ist Rafiks Kafeschka voll, und er hat dann Hilfe an seiner Seite. Jetzt ist Nachmittag, es kommen nur wenige Kunden, und wir beide freuen uns über die kleine Abwechslung, hier zu sitzen und uns etwas erzählen zu können. Wieder darf ich nichts bezahlen – das scheint so Brauch zu sein in Orschiza.

In Orschiza, wo im September 1941 von fünfzigtausend Soldaten der sowjetischen Südwestarmee in der sogenannten „Vernichtungsschlacht am Orschiza-Abschnitt“ zweihundert von ihnen der Ausbruch aus dem Kessel gelang, alle anderen entweder getötet wurden bzw. in Gefangenschaft gerieten. Augenzeugen aus Orschiza und den umgebenden Dörfern berichteten nach Ende des Krieges, dass der gleichnamige Fluss Orschiza voller Leichen war. In Orschiza. Am gleichen Ort, wo mir die Schlosser das Rad reparierten, ohne einen Pfennig von mir zu wollen, wo Rafik mich mit einem herzlichen Lächeln zum Essen einlud.

 

 

Immer noch im Poltawa-Gebiet, in dem Provinzstädtchen Chorol begegne ich diesem liebenswürdigen jungen Mann, der, während ich am Kiosk einen Kaffee trinke, schnell losbraust, um mich mit einem Päckchen in einer Choroler Manufaktur hergestellten Konfekts zu beschenken.

 

 

Ortseingangsstele von Mirgorod, bekannt durch den gleichnamigen im Jahr 1835 erschienenen Erzählband „Mirgorod“ von Nikolai Wassiljewitsch Gogol. Gogol verbrachte hier seine Kindheit und Jugend.

 

 

Humor ist, wenn man trotzdem lacht: „Tut buw Wowtschik“ (ukr.) – „Wowtschik war hier“. Oder frei übersetzt: „Waldi war hier“. Wowtschik ist eine der vielen Koseformen für Wladimir oder auf dt. Waldemar. Denkmäler zu Ehren des im Moskauer Mausoleum isolierten Genossen Wladimir Iljitsch Lenin sind in der Ukraine schlecht gelitten. Wenn überhaupt etwas von ihnen übrigbleibt, ist es allenfalls das Postament.

 

 

Ein Stein überhalb Welikaja Obuchiwka erzählt Geschichte: Der Vorbeireisende neige sein Haupt in Erinnerung an die 294 Einwohner des Dorfes, die 1941 als Partisanen von der Wehrmacht erschossen wurden. Das Dorf wurde niedergebrannt.

Wenn ich hier so durch die Lande reise und hin und wieder an einen Ort solch schrecklicher Erinnerung gelange, dann mag es mir vorkommen, als sei ich geschickt worden, im Namen des deutschen Volkes Abbitte zu leisten und mich mit gesenktem Kopf und geöffneten Armen hinzustellen und zu den Toten, aber auch zu den Lebenden zu sprechen: „Verzeiht uns, wir wussten nicht, was wir taten!“

 

 

Der Sejm bei Baturin in der Tschernigow-Oblast im Norden der Ukraine

 

 

Auf der Straße nach Tschernigow beginnt es, zu regnen. Ich erblicke einen Kafeschka-Wagon, und fahre an die Seite. Man fragt mich, was ich geladen hätte – „Ach eine Gitarre, da sing uns doch ein Liedchen!“ Zum schmackhaften Fleisch-Kartoffel-Eintopf besorgt der Mann ein Fläschchen Schnaps, die Frauen bereiten ein Vesper für unterwegs, Speck, Brot und Gurken. Natürlich: Mein Geld wollen sie nicht – ich hätte sie doch mit Musik reich beschenkt! Ich könne aber zur Erinnerung etwas in ihrem Wagon an die Wand schreiben.

 

 

Der Glockenturm der Dreifaltigkeitskathedrale („Troizkij sobor“) in Tschernigow

Mein Weg führt mich in eine Stadt mit vielen orthodoxen Kirchen und Klöstern: Tschernigow. Mir kommt die Idee, ich könnte doch für ein oder zwei Tage in einem Kloster Unterschlupf finden. Ich frage eine freundlich blickende Frau, die auf einer Treppe neben einem großartigen Glockenturm steht und werde von dieser zum Jeljezki-Kloster geschickt. Dort angekommen, warte ich vor dem langgestreckten, weißgestrichenen Gebäude, in dem die Klostervorsteherin zuhause ist. Ich fühle mich etwas eigenartig, da mir mein Anliegen, hier ein wenig zu verweilen, jetzt fast anmaßend vorkommt. Aber nun bin ich da und renne nicht fort.

Matuschka Maria, Mütterchen Maria, das Faktotum neben der Vorsteherin, nimmt mich in Empfang. Sie ist eine Art stellvertretende Direktorin des Klosters und kümmert sich neben vielem anderen um die Anliegen der Pilger. Und als solcher trete ich ja hier auf. Sie ist eine absolute Respektsperson, das ist sofort klar. Zum Glück prüft sie meine Glaubensfestigkeit nicht und begutachtet nur meinen weinroten Pass mit dem Zunge zeigenden Adler. Aus irgendeinem Grund fühle ich mich wie ein kleiner Junge, dessen strenge Mutter in seinem frischen Schulzeugnis blättert. Matuschka Maria hat nichts zu bemängeln, ich kann aufatmen, und sie entlässt mich aus dem einfach und ursprünglich eingerichteten Haus durch Rosen hindurch wieder auf das Klostergelände, wo ich im Anblick der weiß und grün leuchtenden Mariä-Himmelfahrts-Kathedrale (Uspjenskij sobor) auf eine Schwester warte, die mir das Schlafgemach zeigen wird. Alles ist schön, harmonisch und alt. Ich darf mich geehrt fühlen, in diesen fast tausend Jahre dauernden Gemäuern verweilen zu dürfen, ein Fremdling, der ich nun mal bin.

 

Hier geht es zu Matuschka Maria. Und auch zur ehrwürdigen Vorsteherin des Jeljezki-Klosters.

 

 

Die Uspjenskij-Kathedrale – das Zentrum des Klosters

 

 

Die Kühe versorgen das Kloster, Nonnen und Arbeiter, mit Milch. Friedlich durchstreifen sie das Gelände.

 

 

Eine Schulklasse ist zum Zeichenunterricht zu Besuch. Im Hintergrund ein von allen gerne aufgesuchtes Gebäude: die „Trapjesnaja“, das Refektorium, der Ort, wo sich die Menschen eines Klosters laben dürfen. Das lateinische Wort „reficere“ heißt soviel wie „erquicken“, das griechische „trapesa“ bedeutet „Tisch“ oder „Speise“.

 

 

Vor der Erlöser-Verklärungs-Kathedrale – „Spaso-Preobraschenskij sobor“, nicht weit von meinem Kloster

 

 

Es ist doch schön, Gefährten zu haben im Klosterleben. Jarik und Sascha nehmen mich direkt in ihre kleine Pilgergemeinschaft auf. Jarik hatte früher ein wohl raues Leben, was sich an Sprechweise und Stimmgebung leicht heraushören lässt. Das macht ihn interessant, weil es zur Fantasie anregt. Umso mehr, als Jarik sich ganz dem Weg der Rechtgläubigen, also der christlichen Orthodoxie verschrieben hat. Für seinen Freund Sascha ist er wie ein Lehrer, weist ihn an beim gemeinsamen Beten, erläutert geschichtliche Zusammenhänge und bestärkt ihn in seinem Glauben. Dabei besteht er aber darauf, dass der Glaube an sich nicht erklärbar wäre, dass es keinen Sinn habe, nach wissenschaftlichen Erklärungen zu suchen, Pro und Kontra zu diskutieren oder gar zu zweifeln und Dinge in Frage zu stellen. Jarik hat sein spirituelles Zuhause gefunden, seine Stimme klingt klar und entschlossen beim tief verinnerlichten Betgesang in kirchenslawischer Sprache, der schon morgens früh durch den Schlafsaal klingt.

Sascha ist mehr als sein Freund in die Dinge des alltäglichen Lebens verwickelt. Und so fällt es mir leichter, ein Gespräch über dies und jenes mit Sascha zu führen. Das wird Jarik manchmal etwas viel, und er erinnert uns an die Unbedeutsamkeit des von Sascha und mir Besprochenen. In aller Ruhe betrachtet, hat er damit mitunter nicht Unrecht. Sascha quittiert die nicht allzu strengen Zurechtweisungen mit einem gutmütigen, leicht verschmitzten Lächeln, was auch mich zum Lächeln bringt.

 

Jarik (stehend) und Sascha sind Seemänner auf Kreuzfahrtschiffen, auf denen sie die ganze Welt umfahren. Im Moment sind sie Pilger, hier in Arbeitskluft für die Gartenarbeit, und wohnen mit mir im großen Männerschlafsaal des Klosters.

Die Fahrt zu im Familienbesitz befindlichen Haus und Garten von Matuschka Maria in die Tschernigower Provinz verläuft ganz und gar unerwartet. Wir sitzen im großen, komfortablen Dienstwagen und brausen gut gepolstert über die mir schon von meiner Radfahrt bekannte Landstraße, der Fahrer routiniert den kleinen und großen Schlaglöchern ausweichend. Matuschka sitzt entspannt auf dem Beifahrersitz und beginnt, laut zu beten, nicht wegen der rasanten Fahrweise, sondern weil sie eben jetzt betet. Das wundert natürlich niemanden außer mich. Warum auch nicht im Auto beten?

Dann kommt Jarik an die Reihe: Er soll ein Gebet, in dem die Jungfrau Maria vorkommt, soundsovielmal sprechen – waren es zwölfmal? -, und er vollführt dies mit der scheinbar gleichen Leichtigkeit wie unsere Matuschka. Sascha ist anschließend dran und schlägt sich nicht übel. Ein paar kleine Ausreißer sind dabei, aber alles in allem eine Zwei minus, na ja, eine glatte Zwei. Was war noch mal das Thema?

Mir ist in der Zwischenzeit etwas mulmig geworden. Womöglich komme ich gleich dran? Oder doch erst der Fahrer? Aber nein, der Fahrer muss fahren, die Schlaglöcher sind Prüfung genug. Ich höre meinen Namen. Matuschka fragt mich im Ton einer Hausaufgaben abfragenden Lehrerin, ob ich das Vaterunser könne. Nein, ich kann es nicht auf Russisch – und sollte eigentlich sagen auf Kirchenslawisch. Oh Gott, sie wird doch nicht wollen, dass ich es auf Deutsch spreche? Natürlich habe ich dieses so wichtige christliche Gebet schon oft gehört, es auch manches Mal mitgemurmelt, es ist mir lange bekannt, und dennoch kann ich es nicht auswendig – sollte ich vielleicht besser sagen inwendig, weil verinnerlicht? – aufsagen. Zu fern ist mir doch die Kirche als Institution, auch wenn ich in meinem Leben viele Kirchen betreten habe, aber einen rechten Zugang habe ich nie gefunden. Gewünscht habe ich mir das manchmal, doch es war mir nicht gegeben. Was nicht heißt, ich hätte keinen Respekt, ich besuchte nicht immer wieder Kirchen, um oft genug festzustellen, dass mir die einfachen, kleinen Dorfkirchen am besten gefallen, weil ich in diesen den hier beheimateten Gottesglauben der Menschen am eindringlichsten nachempfinden kann. An so einem bescheidenen und nah am Leben befindlichen Ort kann sich der Glaube einfach, kindlich und damit existentiell zeigen, offener und ehrlicher womöglich, und mit weniger Zwischenschritten, Akademisierung und Institutionalisierung. Nein, ich bin nicht gegen eine Institution Kirche, soll es sie geben, soll sie sich entwickeln und verändern, ohne sich dabei zu verlieren, denn: Gäbe es ohne sie diese prachtvollen Gebäude, die Klöster und Kathedralen und die vielen Kirchen mit den himmlischen Glockengesängen oder die anmutige Kirchturmspitze über einem zwischen Hügeln liegenden Dorf? Sie können uns an die Schönheit des Lebens erinnern, unsern Schritt verlangsamen, uns innehalten lassen..

Matuschka Maria lässt mich in Ruhe und denkt sich was – oder auch nicht. Bin ich für sie ein verirrtes Schäflein? Oder halte ich mich eher selbst für ein solches? Unnütze Fragen. Hauptsache, wir kommen miteinander klar und drängen uns nicht unsere jeweiligen Geisteshaltungen auf. Wir gelangen auch schon am Ziel an, Matuschka zeigt uns die Arbeit – den Garten wässern, kleine Gräben um die Obstbäume ziehen, Blumen gießen. In der Zwischenzeit bereitet sie im Haus das Essen zu, Pilzsuppe, Buletten und Bratkartoffeln. Nach getaner Arbeit bewirtet sie uns wie ihre eigenen Kinder. So richtig zufrieden ist sie nicht mit uns, weil wir in ihren Augen zu wenig essen. Jarik, Sascha und ich sind jedoch mehr als zufrieden!

 

 

Ein Kloster ohne Arbeiter funktioniert nicht: Einer der drei Pförtner, rechts im Bild, die ihre Rente aufbessern, der Vorarbeiter und zwei der jungen Wilden.

Mit den Klosterarbeitern geht es aufs Dorf zum Kartoffeln Holen. Auf dem Gehöft wuchten uns vor Gesundheit strotzende Bauershünen Kartoffelsäcke in die Arme, die zum auf dem Lastwagen stehenden Arbeiter hochgedrückt werden. Die volle Fuhre wird in den Klosterkeller geschafft, und zwar über Rutschen aus massiven Holzbrettern. Diese Arbeit geht einfacher von der Hand, weil die prallen Kartoffelsäcke durch den Schwung einer gut abgestimmten Körperbewegung wie von selbst von einer Rutsche zur nächsten gleiten, von einem Arbeiter zum nächsten.

Dreimal am Tag sitze ich mit den Arbeitern am langen Tisch im Refektorium. Dort gibt es alles, was das Herz begehrt, von den Schwestern eigens hergestellt, wobei die Zutaten natürlich aus dem Klostergarten, dem Kuhstall oder aus den umliegenden Dörfern stammen. Verschiedene Suppen stehen da, auch Milchsuppe, die leicht süß ist, Spiegeleier, Bratkartoffeln, Krauteintopf, frisches Brot, frischer Knoblauch, dicke Scheiben duftenden Specks, Tee, Trinkkompott, Joghurt, und, und, und… Es sind so viele verschiedene einfache, schmackhafte und sättigende Gerichte auf dem Tisch, dass die Auswahl nicht leicht fällt. Am Wochende gibt es zum Essen einen Kagor, einen kräftigen roten Likörwein, und zum Abschluss einen Kognak. Ich lasse mich zu dem Satz hinreißen, wir würden uns in Deutschland ärmlich ernähren und nicht einmal auf einer Hochzeit Vergleichbares erleben. Wenigstens Letzteres ist leicht geflunkert, doch ich werde verstanden.

Isaak – im Bild der zweite von links neben seinem jüngeren Bruder Pawlo – erzählt mir am Abend in seiner bescheidenen Unterkunft im Wirtschaftstrakt des Klosters von seiner Zeit als Panzersoldat in der Ostukraine. Eineinhalb Jahre war er dabei und ist wütend auf den ukrainischen Vorgängerpräsidenten Poroschenko, der seiner Meinung nach unlautere Geschäfte mit Russland betrieben haben soll. Der Krieg mache keinen Sinn, wenn die, für die man in den Krieg zieht, nicht vertrauenswürdig sind. Ich muss an Jarik und Sascha denken, beide ethnische Russen. Niemals würden sie in diesen Krieg ziehen, auf „ihre eigenen Leute schießen“, wie es Sascha ausdrückt. Wie unendlich verfahren doch diese Situation ist!

Isaak leiht mir Arbeitshose und -schuhe und berichtet von seinen Plänen ins Ausland zu gehen, um erst einmal etwas Geld zu verdienen. Er will sich eine Existenz aufbauen und ist bereit, wie ein Zugvogel in weit entfernte Länder aufzubrechen. Er wirkt wie einer, der keine Angst kennt und sich überall durchschlagen kann. Er hat in seinem noch nicht so langen Leben schon einiges gesehen. Viel Glück, Isaak!

Ich fühle mich wohl bei den Arbeitern, auch mit Jarik und Sascha, und würde am liebsten noch länger im Kloster bleiben. Doch bleibt der schwankende Eindruck, hier nicht so ganz hinzugehören – ich will die Gastfreundschaft der Klosterbewohnerinnen nicht überstrapazieren. Und schließlich ist es schon Anfang September, und der vor mir liegende Weg ist lang.

Matuschka Maria, deren ungezwungene und direkte Art Flügel verleihen kann, sagt mir zum Abschied Dank für meine Mitarbeit und entlässt mich mit den Worten: „Es reicht mit dem In-der-Welt-Umhertreiben! Es wird Zeit für dich, eine Familie zu gründen!“ Ich mag diese nonchalante, zugewandte Haltung, lächle, winke und fahre zum Tor hinaus.

Den Dnjepr hoch

Nachdem meine Haut genügend von der Sonne verbrannt und vom Salzwasser gebleicht worden ist, breche ich zum nächsten großen Wasser auf – dem Dnjepr. Brüderlich verbindet er Russland, Weißrussland und die Ukraine miteinander. Er wird mir für einige Wochen Wegweiser und Begleiter sein, mich mit weiten, ergreifenden Ausblicken erfreuen und mir ein Plätzchen an seinen Ufern für mein Zelt überlassen. Allerdings soll ich bald erfahren, dass es um den Dnjepr nicht gut bestellt ist.

Die riesigen Wasserkraftwerke aus sowjetischer Zeit haben den Fluss auf ukrainischem Territorium, Mittel- und Unterlauf also, in eine Kaskade von Stauseen verwandelt, ähnlich einer durch einen gewaltigen Strom verbundenen Kette von kleinen Meeren. Die dadurch bedeutend verlangsamte Fließgeschwindigkeit und die überschwemmten Gebiete sind problematisch: Versumpfung droht, das Verschwinden der Flussauen bringt das Ende großflächiger Ökosysteme mit sich. Im heißen Sommer veralgen die Ufer vor allem im Süden des Landes. Ich kann das wochenlang mitverfolgen: In der ersten Hälfte des Sommers ist das Wasser noch relativ klar, doch je weiter der Sommer voranschreitet, wird das Uferwasser immer grüner. Beim Baden bei abendlicher Dunkelheit fällt das nicht weiter auf, doch am nächsten Morgen schaudert es einen bei dem Gedanken, in solch undurchdringlich grüner Suppe gelegen zu haben. Überrascht schaue ich an mir herab und stelle fest, dass meine helle Haut sich nicht in eine grüne gewandelt hat. Ist die Algenschicht im chinesischen Sommerschlaftuch aus grüngefärbter Seide geblieben?

Ein Abend am Dnjepr bei Kachowka am schmaler werdenden Auslauf des Kachowkaer Stausees

Zwischen Kachowka und Melitopol nächtige ich an einem schnurgeraden Kanal, dessen Dnjepr-Wasser rasch dahinfließt. Das Abendbad gestaltet sich erquicklich, auch wenn der Einstieg über die schrägen Betonuferplatten etwas glitschig daherkommt. Es ist nicht der erste Kanal in dieser trockenen Gegend, der mich über Nacht willkommen heißt.

Kennt ihr das Phänomen, dass ihr irgendwo in der Abgeschiedenheit oder an einem solchen Ort wie dem Kanal hier, also noch halb in der Zivilisation und doch schon in der Natur, ganz alleine seid, euch aber nicht einsam fühlt, sondern vielleicht sogar geborgen? Mir geht das oft so. Die Natur ist eine stille Begleiterin, die einen in die Arme nehmen kann und einem manches Mal etwas Schönes und Beruhigendes zuflüstert. Wovor sollte man Angst haben an einem solchen Ort? Vor Schlangen oder Wildschweinen wird man meistens von den Einheimischen gewarnt, genau wie vor Ansammlungen von feiernden, übermütigen Halbstarken und deren reizenden Gefährtinnen. Manchmal kreuzt ein Angler deinen abendlichen Weg, doch das sind in sich gekehrte Naturen, die genauso wie du Ruhe und Entspannung suchen. Lass die Nacht kommen und sich sanft über dich beugen. Sie wird sich dem Morgen nicht in den Weg stellen. Die Sterne leuchten am Himmel und sagen dir, du bist behütet, alles ist gut.

Viele Straßen in der Ukraine sorgen für unfreiwillige Entschleunigung. Krasser wird es Pfarrer Wassili von Starosillja ausdrücken: Wenn es keine Straßen in der Ukraine gäbe, bliebe den Menschen unendliches Leid erspart.

Kamennaja Mogila“, das „Steinerne Grab“

Hier wird es auch das ukrainische Stonehenge genannt. Allerdings scheint dieser aus großen Steinplatten und lehmig-sandigen Sedimenten bestehende Hügel viel älter zu sein. Sein Inneres ist durchzogen von Höhlen und Grotten, die mit tausenden uralter Steinbilder und -inschriften versehen sind. Es heißt, die ältesten unter ihnen stammten aus einer Zeit 20 Tausend Jahre v. Chr. Das Rätsel, wie dies hier alles entstehen konnte, wird von Wissenschaftlern so gelöst: Nach Rückzug des Sarmatischen Meeres hätten sich die Ablagerungen einer isoliert zurückgebliebenen Sandbank zu einem Sandsteinmassiv verfestigt, das in der Folge durch Erosion, Wind und Niederschläge zerfallen wäre und sich zu dem bizarren Plattenhügel mit seinen vielen Höhlen umgeformt habe.

Der Name „Steinernes Grab“ weckt Assoziationen mit einem Hünengrab, um das es sich jedoch nicht handelt. Seit tausenden Jahren seien Menschen von weit her an diesen Ort gekommen, um hier rituelle und spiritelle Handlungen vorzunehmen. In den 90er-Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts soll der Dalai Lama zweimal dagewesen sein. Eine Fotografie, die das Oberhaupt des tibetischen Buddhismus mit Begleitern auf dem Felshügel zeigt, will dies bezeugen.

Ich muss zugeben, dass mit mir an dem Tag nicht viel passiert. Nicht, dass ich mir etwas verspochen hätte. Aber eine gewisse Neugier, ob nun etwas Besonderes geschehen würde, die hatte ich schon. Ob ich in dieser Hinsicht zu wenig empfindlich bin? Die in den Stein gekratzten Schriftzeichen und Bilder von Menschen und Tieren aus Urzeiten bekomme ich nicht zu sehen, da die Höhlen seit geraumer Zeit zu ihrem Schutz gesperrt sind. Im nahen Museum sind Fotos ausgestellt, doch die sind mir nicht sonderlich in Erinnerung geblieben. Dennoch: Es ist ein erstaunlicher Ort, ein riesenhafter Schildkrötenpanzer mitten im flachen Steppenland.

Völlig unbeachtetes Schild an der Straße nach Wassiljewka

Keine Seltenheit: Abbrennen von Stoppelfeldern, um den Boden mit Asche zu düngen. Diese Praxis wird vielerorts angeprangert, da sich dadurch die Atemluft in den Städten massiv verschlechtert.

Kaffee-Frühstück am Straßenlädchen bei Wassiljewka am Dnjepr

Das größte der Dnjepr-Wasserkraftwerke, die „Dnjeprowskaja GES“ in Saporosche,

errichtet von 1927 bis 1932, teilgesprengt im August 1941 während des Rückzugs der sowjetischen Armee, wiederaufgebaut noch während des Krieges und in den 50ern, erweitert in den 70er- und 80er-Jahren, modernisiert in den 2000ern. Nicht nur die Zukunft der Dnjepr-GES steht in den Sternen, auch die der anderen sieben Wasserkraftwerke. Es gibt Stimmen, die einen kompletten Rückbau fordern, um die stehenden, versumpfenden Gewässer des Dnjepr wieder zu dem zu machen, was sie einst waren: zu einem Fluss.

Das Erbe der Mennoniten in Saporosche

bringt die Menschen zum Staunen. Bei einem dreistündigen Stadtspaziergang erklärt uns ein junger Historiker, wer diese Mennoniten waren, die einst als Kolonisten in das Land am Dnjepr kamen. Deutscher und flämischer Herkunft, wurden sie in ihren Ursprungsländern wegen ihres einer gelebten reformatorischen Tradition verpflichteten Glaubens verfolgt und gemordet. Sie verweigerten die Taufe im Kindesalter und den Wehrdienst. Zunächst retteten sie sich in die freie Stadt Danzig unter polnischer Krone, um von dort vor über 200 Jahren auf Einladung der russischen Zarin Katharina der Großen weiterzuziehen nach Osten, wo sie Land erhielten, von der Steuer und vom Wehrdienst befreit waren.

In ihrer neuen Heimat, Teil des im Russischen Reich sogenannten Kleinrussland, machen sich die Mennoniten sogleich ans Werk, bauen Lehmhäuser im ihnen vertrauten Stil, machen das ihnen zugewiesene Land urbar, pflanzen Getreide an und Obstbäume, führen für ihre neuen Nachbarn unbekannte Rinder- und Schafrassen ein. Bald werden Windmühlen, Ziegel- und Backsteinfabriken, Seiden- und Baumwollmanufakturen entstehen, später die ersten Landmaschinenfabriken. Bereits zu sowjetischen Zeiten wird aus diesen Fabriken der Saporoscher Automobilhersteller SAS hervorgehen.

Vom Geist der Gebrüder Wright beflügelt, bauen die zwischen 17 und 20 Jahre alten Mennoniten Kornelius Hildebrandt, Peter Unrau und Heinrich Plenert 1907 ein 4-Zylinder-Motor-Flugzeug, die HUP II., das auf Kufen gleitend und von zwei Pferden angezogen sich tatsächlich in die Lüfte erhebt. Als einziges nicht in der Ukraine hergestelltes Detail zerbricht der deutsche Propeller und das Flugzeug stürzt aus glücklicherweise niedriger Höhe ab. Der 17-jährige Heinrich Plenert erleidet lediglich ein paar Schürfungen und eine Gehirnerschütterung.

Die deutsch-holländischen Mennoniten der Dnjepr-Region werden sich intensiv um ein funktionierendes Bildungssystem kümmern und zahlreiche, später angesehene Schulen gründen. Sie vertreten damit eine moderne Ausrichtung der mennonitischen Glaubesgemeinschaft, die z.B. im Nordamerika der Zeit eher antiliberale, technikfeindliche und bildungsrestriktive Züge hat. Auch im Medizinwesen übernehmen die Dnjeprland-Mennoniten eine hervorragende Rolle. Die Schulen und Krankenhäuser existieren bis heute und sind, wie ich selbst auf unserem Spaziergang gesehen habe, in Betrieb.

Von den Mennoniten selbst – von den Menschen – bleibt in ihrer neuen Heimat keine Spur. Schon im Russischen Reich gemeinhin einfach als „Njemzy“, als „Deutsche“ eingeordnet, ist ihrem Dasein in der Ukraine spätestens mit dem Rückzug der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg ein Ende bereitet. Als „Deutsche“ in Russland waren sie ersten Repressionen schon im Ersten Weltkrieg ausgesetzt. Schlimm wurde es während der Kollektivierung und unter Stalins Schreckensherrschaft der 30er-Jahre, als viele im Raster „Großbauer/Kulak“ oder „Spion“ landeten und in die GULag-Lager nach Sibirien und Kasachstan verschleppt oder hingerichtet wurden. Nicht genug, dass es sich bei den Mennoniten um eine Glaubensgemeinschaft handelte, mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden sie auch noch mit den Nazis in einen Topf geworfen. Als die Sowjetunion die von der Wehrmacht besetzten Gebiete zurückeroberte, konnten viele Mennoniten-Familien westwärts ins Reich fliehen und dort als „Volksdeutsche“ Aufnahme finden. Die mennonitischen Gemeinden am Dnjepr wurden aufgelöst, die verbliebenen Menschen nach Sibirien und Kasachstan deportiert. Das Ende.

Wie viele Jahre sind seither vergangen? Auf dem Weg von Melitopol nach Saporosche weisen mich einige Einheimische darauf hin, dass hier früher deutsche Siedler lebten, zählen die Dörfer auf, weisen mich auf ein Museum hin. In Saporosche dann der lange Spaziergang, an dem auch meine Gastgeber Wlad und Olga teilnehmen, vorbei an ehemaligen Häusern, Schulen, Krankenhäusern der Mennoniten. Es kommen um die hundert Menschen. Vor dem ehemaligen Mädchengymnasium will ein Pförtner uns vertreiben und droht mit der Polizei, doch wir sind zu viele. Schließlich gibt er auf. Er hat Angst, seine Arbeit zu verlieren, wie er laut ruft. Roman Akbasch, ein in Saporosche bekannter Journalist und jetzt unser Stadtführer, versichert ihm, persönlich mit seinem Namen für ihn einzustehen, was den Mann schließlich beruhigt.  Die Menschen klatschen dem Pförtner aufmunternd Beifall. Drei Stunden schon hören wir Roman unter der Sonne zu, und keiner geht. Die Vergangenheit wird manchmal erst spät wieder wach. Viele hier in Saporosche wollen wissen, was es mit den exotischen Gebäuden auf sich hat, wer diese „Deutschen, die mit Hitler zusammenarbeiteten“, wie es so oft in der sowjetischen Propaganda hieß, wirklich waren. Die Geschichte lebt. Gerade dann, wenn sie erst neu entdeckt wird.

Vor der „Schule Nr. 81“ in Saporosche, der früheren „Mädchenschule“

Der Dnjepr unterhalb der Saporoscher Staumauer. Oberhalb des Kraftwerks sind die berühmten Dnjeprschwellen, die „Porogi“, unter Wasser.

Wer hat hier Lack reingekippt? Der Fluss in Dnipro, dem ehemaligen Dnjepropetrowsk. Es ist Pflanzengrün, kein Lack – was aber ist besser?

Nachdem ich eine kleine Regenperiode mit durchweichtem Zeltboden überstanden habe, werde ich
in Kamenskoje
(bis 2016 Dnjeprodserschinsk nach dem berüchtigten Chef der sowjetischen Geheimpolizei „Tscheka“, später „GPU“, Felix Dserschinski) am Mittellauf des Dnjepr über Couchsurfing mit einer Übernachtung bei Waljeri und Oxana belohnt.

Die Wohnung in der Plattensiedlung ist klein, atmet sowjetisches Flair und ist gleichzeitig gemütlich eingerichtet: großer Wandteppich über dem zu kurz geratenen, altersschwachen Klappsofa, Minimalbad und Minimalalles. Aber es reicht, um ein glückliches Leben zusammen zu führen. Mit Waljera (Koseform) plaudere ich ausgiebig am Abend und Morgen, wir sitzen auf dem Balkon und feilen an den Befestigungshülsen meiner Radtaschen herum. Oxana zeigt ihre farbenfrohen, lebenszugewandten Bilder. Das Essen ist einfach und gut, natürlich darf „Salo“, der kraftspendende weiße Speck nicht fehlen. Wie neugeboren mache ich mich wieder auf die Piste. „Spasibo dorogije!“ – „Dankeschön Ihr Lieben!“

Idylle am Dnjepr in Mischurin-Rog zwischen Dnipro und Krementschuk:
Abendessen fällt aus – Stechmückenalarm! Abendbad und Morgenbad fallen aus – Grünes-Wasser-Alarm! Platz-Aufräumen und Vorort-Plasteverbrennung fallen nicht aus – Müllalarm!

Sehr viele sind es nicht mehr… Es kann einen wehmütig machen.

Der Tjasmin in der Oblast Tscherkassy heißt mich am Abend willkommen. Sein Wasser ist klar und weich, das Bett aus feinstem Sand, und der Mond leuchtet ihm in einen sanften Traum. Er träumt von einer Herde brauner Pferde, die mit ihren Hufen seinen sandigen Boden aufwirbeln und von Bäuerinnnen, die ein kräftiges Grün in seine Gräser und Büsche weben. Als die Sonne ihre warmen Morgenstrahlen schickt, sind Pferde und Bäuerinnen schon lange weiter. Nur Tjasmin erinnert sich an den Traum und lächelt.

Olga (im Vordergrund) und Mascha über ihrer Stadt Tschigirin

Die beiden Frauen haben mir am Abend zuvor den kleinen Strand am Tjasmin gezeigt und mich für den kommenden Morgen zu einem Frühstück in Maschas Wohnung geladen. Am Morgen selbst kommt aber erst mal Maschas Bekannter Walentin (Betonung auf dem i) mit dem Rad ans Zelt gefahren und bringt mir ein Stück Speck und eine original Schweizer Toblerone vorbei. Letztere sündhaft teuer für ukrainische Verhältnisse. Bin ich schon im Paradies?

Chmelnizki-Denkmal in Tschigirin

Frühstück- und kaffeegestärkt nehmen mich die ehemaligen Lehrerinnen Mascha (Sport) und Olga (Französisch) mit auf den „Berg“. Oben über der Stadt steht das Denkmal zu Ehren des Kosakenführers Bohdan Chmelnizki, der Mitte des 17. Jahrhunderts einen Aufstand gegen den polnisch-litauischen Oberherrn begann und den verhassten Adel aus dem „Land am Rande der Steppe“ vertrieb. Es war nicht der erste Aufstand, und diesmal war er erfolgreich. Dabei sollen über 100.000 polnische Adlige und Verwaltungsleute, katholische Priester und Juden getötet worden sein.

Die Juden, die als Verwalter, Pächter, Schankwirte und Steuereinzieher in Diensten der polnischen Magnaten standen, galten den orthodoxen ukrainischen Bauern als Repräsentanten der polnisch-litauischen Leibeigenschafts-Ordnung. Dies waren die ersten großen Judenmassaker in der Geschichte Osteuropas, die in der jüdischen Überlieferung eine Etappe auf dem Weg in der Leidensgeschichte bis hin zum Holocaust darstellen.

In der Folge des großen Volksaufstands gründete sich das Kosaken-Hetmanat, der ukrainische Kosakenstaat. Der Hetman hatte als oberster Anführer des Kosakenheeres zwar unbeschränkte Vollmachten, konnte aber andererseits vom Kolo, dem „Ring“, also der Versammlung aller Kosaken abgewählt werden. Erste Elemente einer demokratischen Verfassung blitzten hier auf.

Aus Angst vor einem Zurückschlagen des damals so mächtigen Königreichs Polen-Litauen sah Chmelnizki keinen anderen Ausweg, als sich dem Moskowiter Zaren Alexej I. als Schutzherrn über das Hetmanat zu unterstellen. Dieser Akt der Vereinigung von Ukrainern und Russen spielt auch heute noch eine herausragende Rolle in der Geschichtsdebatte zwischen der Ukraine und Russland. Seine Bewertung könnte unterschiedlicher nicht sein: für die Ukrainer ein Bündnis auf Zeit, das spätestens in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts unter Katharina der Großen mit der Abschaffung der kosakischen Privilegien und des Hetman-Amtes endete – für die Russen eine Wiedervereinigung der Ukraine mit Russland innerhalb des Moskauer Herrschaftsgebietes zum ersten Mal nach dem Zerfall der Kiewer Rus im 13. Jahrhundert.

Die Anfang der 2000er-Jahre nach historischen Dokumenten rekonstruierte Residenz Bohdan Chmelnizkis in Tschigirin, der damaligen Haupstadt des Hetmanats. Hier starb der legendäre Kosakenführer im Jahr 1657.

Nach Besuch des Denkmals und der Residenz vom alten Kempen Bohdan Chmelnicki besteht Mascha darauf, ihren Borschtsch zu probieren. Wir gehen also wieder in die mir schon vom Frühstück bekannte Wohnung. Ohne Borschtsch ist das Leben in der Ukraine unvorstellbar. Auch für mich wird es von Tag zu Tag unvorstellbarer, ohne den kräftigen Rote-Beete-Weißkohl-Kartoffel-Rindfleisch-Eintopf zu sein. Der Borschtsch wird zu einem Lebenselixier werden und mir genug Kraft geben, geschmeidig sämtlichen Schlaglöchern der Straßen des Landes auszuweichen. Es gibt natürlich auch Männer, die sich auf die Kunst der Borschtsch-Zubereitung verstehen, doch nehmen die ukrainischen Frauen auf diesem Gebiet eindeutig die Vorrangstellung ein. Irgendjemand kennt immer irgendjemanden, die einen ganz besonders vorzüglichen Borschtsch herstellen kann. Mascha gehört natürlich auch zu diesen letzteren.

Nach dem Borschtsch gibt es einen gut abgelagerten Kräuterschnaps, der es in sich hat. Bei einem Glas bleibt es nicht, und ich werde mit meiner kleinen Gitarre auf das Sofa platziert. So geht der Tag dahin, ich frage mich, wie ich eigentlich die Weiterfahrt organisieren soll, da klingelt es, und Walik steht mit Torte und Sekt in der Tür. Es steht flammend in die Luft geschrieben: „Konrad, vergiss die Weiterfahrt!“ Walik, also Walentin, ist ein Charmeur, ein Mensch, der gute Laune im Nu verbreitet, einfach unwiderstehlich. Nach einem Windhauch an innerer Gegenwehr ergebe ich mich in mein Schicksal – alles wird gut! Ich bin jetzt in der Ukraine, jetzt in diesem Moment, und hier sind diese Menschen, die ich gestern um diese Zeit noch nicht einmal kannte. Es ist ein fließender Tag, wie er leichter nicht sein könnte: Die Tür war mir geöffnet worden, „komm rein, denk an nichts, und bleib ein bißchen bei uns!“ Manchmal frage ich mich noch, womit ich das verdient habe. Ach Gottchen, was für eine ulkige Frage..

Walik erfreut uns mit der „Sopilka“, Begleiterin der Hirten in der alten Zeit.

„Tschornii browi, karii otschi“ – „Schwarze Brauen, braune Augen“: Die ukrainische Seele singt.

Es ist längst finstere Nacht, als wir zu viert aufbrechen, um die Katze von Maschas Sohn und dessen Frau, die gerade im Urlaub sind, zu füttern. Wir kommen gut die Treppen zu der Wohnung hoch und auch wieder hinunter, um uns dann zu verabschieden. Mascha nimmt mich mit in ihr Heim, wo ich auf ihrem komfortablen Gästesofa im Wohnzimmer nächtigen darf. Wir sind jetzt Familie.

Mit Sonne im Herzen fahre ich weiter zur Freiwilligenarbeit nach Starosillja. Unterwegs begegne ich dieser Kirche.

Der Abend bricht herein, als ich mich von der Gebietshauptstadt Tscherkassy Richtung Starosillja bewege. Es geht über die Dörfer, rechts und links, wenn ich nicht weiter weiß, frage ich die Einheimischen. Allmählich wird es immer dunkler, und Schenja ruft an, wo ich bleibe. Irgendwann ist es Nacht, ich fahre mit Licht und Handynavigation. Auf Schenjas Fragen kann ich nur ungenau antworten, aber ich bin fast da, jedenfalls denke ich das. Starosillja ist zwar nur ein Dorf, aber es ist unendlich lang und streckt sich kilometerweit in alle Richtungen. Kurz bevor es zum Teich hinuntergeht, von dem ich da aber noch nichts weiß, kommt mir ein einsamer Lichtkegel, ein Motorrad entgegen – Schenja. Mit der rechten Hand hänge ich jetzt an Schenjas Schulter, es geht zügig vorwärts. Die Schlaglöcher sind ein Problem, dem wir jeder auf seine Art versuchen auszuweichen, was meistens gelingt. Schenja flucht, wenn er in ein Loch hineinfährt, weil ich zu spät loslasse. Der Sand wird immer tiefer, das Motorrad kommt mit mir im Schlepptau immer schwerer vorwärts. Bald ist es vorbei, und ich muss schieben. Den letzten Hügel im Wald schaffe ich nur mit Ach und Krach. Und da kommen wieder die Erinnerungen an den gottverdammten Krieg, hier war ja überall Krieg, die Kesselschlacht von Tscherkassy, Erinnerungen.. Aber diesmal kämpfen wir zusammen und nicht gegeneinander, Schenja wartet alle 50 Meter bis ich nach gefühlten Ewigkeiten wieder auftauche.

Alleine hätte ich Schenjas, Nataschas und Omas Haus in der Nacht nie gefunden. Es liegt außerhalb vom Ort mitten im Wald wie auf einer Insel. Hier angekommen reden alle vom eigentlichen Ort als das „Festland“. Mit dem Fahrrad rüber aufs Festland funktioniert selbst ohne Gepäck nicht. Mit Schenjas Motorrad oder Nataschas Lada schon.

Der Weg von meiner „Chata“, meinem Häuschen, zum Haus von Schenja, Natascha und Lisa Fjodorowna. Barfuß gehen – der Sand ist so fein wie am Strand.

Wer in die Ukraine zur Freiwilligenarbeit will, ist hier gut aufgehoben. Am meisten Möglichkeiten gibt es auf dem Land, und ich hätte sie am liebsten alle ausgeschöpft. Man tippe wwoof, helpX oder workaway in seine Elektrobüchse und fange an zu suchen. Die Qual der Wahl, die man aus Supermärkten, Buchhandlungen, Internetzangeboten, u.s.w. kennt, treffe ich auch hier an. Das Einfachste ist wohl, sich keinen Kopf zu machen und sich aufs Geradewohl bei einer Familie zu melden. Wie es dann wird und wie die Leutchen so sind, weiß sowieso niemand. Zum Glück antwortet mir Schenja schnell, und ich brauche nicht lange suchen.

Was schade ist, dass ich nur knapp zwei Wochen auf der „Lesnaja Poljana“, der „Waldlichtung“ bleiben werde. Ich darf ja nur drei Monate im Land bleiben, maximale Aufenthaltsdauer, und muss weiterkommen. Aber selbst eine so kurze Zeit kann einen mit Land und Menschen in eine kleine vertraute Verbindung bringen.

Mein Waldhäuschen zwei-, dreihundert Meter überhalb des Hauses von Schenjas Familie, umgeben von Kiefern, Ahorn, Akazien und Wein

Jelisawjeta bzw. Lisa Fjodorowna, einfacher „Babuschka“ also „Oma“, mit ihrer Enkeltochter Natascha

Die Hofeinfahrt mit Auto „Kopejka“, dem berühmten sowjetischen Ladamodell von der Wolga, das der Volksmund zwischen Lemberg und Magadan, Murmansk und Taschkent, Tschukotka und Wladiwostok „Kopeke“ nennt.

Das Haus meiner Gastfamilie, in Eigenregie erbaut

Ich könnte natürlich behaupten, dass das Leben auf der Waldlichtung paradiesisch ist. Wenn man am Paradies auch die tägliche Arbeit schätzt, die einfachen Lebensumstände und die Abgeschiedenheit. Wenn man sich auf das Wesentliche konzentrieren kann und nicht nach Abwechslung oder gar Zerstreuung sucht. Lisa Fjodorowna ist Hochmeisterin in der Bewältigung all dieser Tugenden. Von früh bis spät ist sie auf den Beinen, kümmert sich um alles, was da kreucht und fleucht, um die Ziegen, Gänse, Hühner, Katzen und den Hund, von denen immer jemand um sie herum ist, ums Gemüse, Obst und die Beeren, klaubt die Kartoffeln aus der Ackerkrume, pult stundenlang Maiskörner von den Kolben für die Tierchen, sitzt mit der Nachbarin auf dem Holzbänkchen unterm Baumdach vorm Haus, bereitet die Mahlzeiten zu, versorgt uns allmorgendlich mit frischer Ziegenmilch, Joghurt und Hühnereiern, ruht sich nach dem Essen auf der Pritsche im Vorraum, den Kopf auf das Riesenkissen gebettet, mit der Zeitschrift des fröhlichen Landmanns aus, klagt nicht und hat immer ein freundliches Wesen.

Sogar bei einer Baumfällaktion auf dem verlassenen Gründstück um die Ecke ist Babuschka mit dabei und hilft bei der Befreiung der eingeklemmten Kettensäge. Lisa Fjodorowna und ich ziehen am Seil, während Schenja bei der Säge am Baum bleibt. Wir vereinbaren vorher, in welche Richtung wir wegrennen, wenn der Baum kommt. Der macht sich auch wie verabredet auf den Weg Richtung Boden, Schenja fängt die Säge auf, ich springe hinter die schützende Kate, nur Babuschka stürzt in die falsche, ungeschützte Richtung, strauchelt, geht in die Horizontale, ich hechte zu ihr hin, hoch mit ihr und zusammen hinters Haus, rums klatscht die Akazie hin.

In den nächsten Tagen müssen wir immer wieder lachen über diese Aktion: Als Babuschka den Baum mit ihrer Hände Kraft umriss und der sich fast dafür gerächt hätte…

Natascha muss tagsüber zur Arbeit aufs Festland in den Selsowjet, in den Dorfrat, wo sie in der medizinischen Abteilung arbeitet. So kommt etwas Geld ins Haus. Ihr Sohn ist schon groß und wohnt außerhalb. Babuschka wartet immer sehnlichst auf das Zurückkommen ihrer Enkelin, die Neuigkeiten aus der Welt und ein Glückseligkeit verbreitendes Lächeln mit nach Hause bringt. Manchmal am Morgen macht uns Natascha Haluschki, gesüßte gegarte Teigklötzchen, die wir mit Smjetana, Milchrahm, verdrücken. Sie packt in ihrer Freizeit genauso mit an wie ihre Großmutter und macht dabei allen gute Laune mit ihrem offenherzigen Lachen. Wer wohl der Glückspilz sein wird, der Natascha heiraten darf, vorausgesetzt sie lässt sich noch einmal auf so etwas ein?

Für Schenja ist die Trennung von seiner Frau und dem gemeinsamen Töchterchen schwer. Aber er hat seine Arbeit, die ihn voll in Anspruch nimmt. Dafür, dass er in der Stadt aufgewachsen ist, hat er enorme Kenntnisse von der Landwirtschaft, den Pflanzen und Bäumen. Er kennt sich aus mit Landmaschinen, repariert Werkzeug, hackt unermüdlich Holz, liebt es, die Dinge zu erklären, weiß immer eine Lösung. Die meiste Zeit verbringe ich natürlich mit Schenja, da er mich mit Arbeit versorgt und wir viel zusammen erledigen. Die Rodearbeit auf dem zugewachsenen Grundstück, das Schenja in Zukunft bewirtschaften will, beschäftigt uns vollauf.

Aber es gibt ja noch mehr zu tun in den paar Tagen, die ich da bin: den wuchernden Ahorn- und Akazienbewuchs rund um die Freiwilligenkate mit dem Beil zurückdrängen; barfuß durch die langen, sandigen Kartoffelreihen ziehen und säckeweise Knollen ausgraben; die Erdbeerpflanzen mit Wagenladungen an Sägespänen und Sägemehl überschütten; Holz sägen und hacken und Holz aufschichten; die eine der beiden Ziegen schlachten… Es mag übers Jahr eine Vielfalt verschiedenster Arbeiten anfallen, dass einem allein bei der Vorstellung das Blut im Kopf zu rauschen beginnt.

Es ist ein mehr oder weniger autarkes Leben, das so in Deutschland kaum möglich wäre. Der Aufwand hält sich in Grenzen, das Land ist übersichtlich, die finanziellen Möglichkeiten sind eingeschränkt, aber Schritt für Schritt geht das Leben seinen Gang. Natascha bildet die Brücke zur Zivilisation, und es gelingt der kleinen Familie, die Kosten für die knapp kalkulierten Errungenschaften der Moderne – Strom, Auto, Motorrad, Traktor, etc. – zu stemmen. Natürlich habe ich in der Kürze der Zeit nicht genügend Einblick, um mir ein tiefergehenderes Bild der Dinge zu machen. Aber eins ist klar: Die Arbeit geht nicht aus, und solange es die gibt, werden die drei auf ihrer friedlichen Waldlichtung eine Lebensgrundlage haben.

Schenja bei einer seiner Lieblingsarbeiten: dem stundenlangen Hantieren mit der Motorsäge

Fast wie im Dschungel: Der gemeine Ahorn und die Akazie sprießen wie Unkraut. Der Ahorn reizt die Atemwege, die Akazie sticht und kratzt, und es ist drückend heiß – die Mühen des Entasters und Entlaubers.

Da das Leben bekannlich nicht nur aus Arbeit besteht, sorgt die Familie für ein angemessenes Kulturprogramm. Unter Mithilfe von Freunden und Freiwilligen. Vor allem Nataschas Verehrer Ljonja, der auch gerne mal nach Deutschland fährt, um einen gebrauchten Kleinbus zu besorgen, ist hier die treibende Kraft.

Ljonja und seine Mutter singen:
„Dein Liebster mag Dich nicht mehr, er liebt jetzt eine andere.“
„Ach, ich glaube den Zigeunern nicht. Er liebt mich doch! Ich jage die Zigeunerin aus dem Garten!“
Doch die Zigeunerin ging nicht aus dem Garten. Sie blieb am Rande stehen und sah, wie das Mädchen unter Birken weinte. Der Junge hieß Roman. Aber das Mädchen sollte nicht mehr mit ihm gehen.

Ein auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion verbreiteter Aberglaube besagt, man solle nicht pfeifen in geschlossenen Räumen, denn das brächte das Geld der Anwesenden zum Verschwinden. Babuschka untersagt mir jedenfalls, in der Stube zu pfeifen, doch im Moment ist sie gerade mal rausgegangen…

Wiktor Zojs „Kukuschka“, der „Kuckuck“.
Zoj und seine Gruppe „Kino“ aus Leningrad (heute Sankt Petersburg) waren Götter der jungen Generation der ausgehenden Breschnjew-Zeit. Zojs aufbegehrende, magnetische Lieder werden auch heute noch gerade von jungen Menschen in den Straßen der Ukraine, Russlands und der anderen ehemals sowjetischen Länder gesungen.

Noch einmal Ljonja und seine Mutter:
„Da steht das Haus, in dem ich geboren wurde. Wo meine Mutter auf mich wartet, und die Äpfelbäume unter dem Fenster blühen.
Ach du meine liebste Mutter, weine doch nicht! Schau dort im Himmel, wie die Kraniche den Frühling auf ihren Flügeln tragen.“

Just am Ende der Starosilljer Zeit findet der in der ganzen Ukraine – abtrünnige Gebiete ausgenommen – festlich begangene Den Nezaleschnosti, der „Tag der Unabhängigkeit“ statt. Schenja will nicht mitkommen, also machen Natascha, Babuschka Lisawjeta und ich uns zu dritt in der roten Kopejetschka auf den Weg hinüber in die Festlandzivilisation. Die Frauen sind dem Anlass entsprechend schön angezogen, auch ich habe die beste Auswahl unter meinen Reisekleidern angelegt. Im Kulturhaus von Starosillja, kurz „Klub“ genannt, trifft sich halb Starosillja, Natascha kennt alle Welt, und auch Babuschka freut sich, nach der langen Zeit in der Abgeschiedenheit alte Bekannte wiederzusehen. Es wird laut werden, Playbackmusik, aber auch richtige Instrumente werden zum Einsatz kommen, Gesang aller Couleur zwischen Tradition und Moderne ist geboten. Das Klub-Ambiente ist mir so vertraut aus meinen Deutschlehrerzeiten in Sibirien und Kirgisien, nur ist hier alles in die ukrainischen Farben gelb und blau gegossen, und die Einheit des Volkes wird beschworen, auch die Verbundenheit der beiden Sprachen, des Ukrainischen mit dem Russischen. In einem kleinen Stück sehen wir eine Mutter mit ihren Töchterchen, die sie fragen, weshalb sie verschiedensprachig geboren sind. Die Mutter drückt beide an sich, erklärt ihnen, dass sie gut seien, so wie sie geboren wurden, und dass sie unbedingt zusammengehörten.

Sie dürfen nicht fehlen an diesem Tag: die Mütterchen, die „Babuschki“ und ihr polyphoner Gesang.

Do pobatschenja Starosillja – Auf Wiedersehen Starosillja!

Weil mir Vater Wassili so viel Interessantes über die Situation der Ukraine und den Krieg mit Russland zu berichten hat bei einem Glas Selbstgebrannten im Garten des alten Starosilljer Pfarrhauses, wird es, endlich unterwegs, bald dunkel. Die abendlichen Kartoffelfeuer erinnern an lange Vergangenes.

Brücke und Damm über den Dnjepr bei Tscherkassy. Für ein paar hundert Meter muss ich mit meinem Fahrrad in einen langen Dieselzug steigen, weil mich die Soldaten auf der strategisch wichtigen Brücke nicht Rad fahrend hinüberlassen. Erst in Kiew werde ich den Dnjepr wiedersehen.

Im Galopp zur Südseeinsel

Einige Male musste mein Rappe in den Stall und dort Ewigkeiten meiner Rückkehr harren. Angefangen hatte das schon bei seinem namenlosen Vorgänger, dem blausilbrigen Körbchenrad des bekannten russischen Dorfradherstellers „Stels“, der einen kompletten sibirischen Winter in einer rostigen Garage in Tobolsk zubringen musste. Soweit ich mich erinnere, brauchte der einem griechischen Popen ähnelnde Goscha ein Brecheisen, um die zugefrorene Garage überhaupt erst zugänglich zu machen. Die erste Winterstation des Rappen war eine geräumige Kammer der Auferstehungskathedrale in Samara am Mittellauf der Wolga. Dort lernte er die christliche Tugend der Demut und die Dinge zu nehmen, wie sie sind. Als nächstes kam der Hinterhof des Hostels „Soul Kitchen“ im wundersamen Tbilisi und anschließend der Materialraum in Mananas kleiner Pension in Grigoleti an der georgischen Schwarzmeerküste. Die lange Ruhezeit in Odessa verbrachte er komfortabel in Julias Wohnzimmer in der Jitzchak-Rabin-Straße und musste erst nach dem Einzug von Julias Freund Ilan auf den Balkon weichen.

Einwand: Ein Fahrrad ist kein Pferd. Pflege braucht es aber schon, vor allem nach den langen Standzeiten. Ich bin jedenfalls erfreut, als ich bei meinen ersten Odessaer Stadtausflügen feststellen kann, dass alles wie geschmiert läuft. Bei der Schaltung wird es zwar etwas knifflig bleiben – aber was ist schon perfekt im Leben?

Monumental und immer für eine Verschnaufpause gut sind die aus Eisen und Beton geschaffenen sowjetischen Begrüßungsstelen am Übergang zwischen zwei Landesgebieten, hier zwischen Odessaer und Mikolajewer Oblast.

Limani

Abend an der Bugmündung bei Limani

Limani ist der erste Ort, wo ich nach dem Stadtgetümmel in Odessa zur Ruhe komme. Am nächsten Morgen begrüßen mich zwei humorvolle Männer, deren einer einen bunten Ball mit ins Wasser nimmt, um nicht unterzugehen, wenn ihn wieder ein Infarkt überraschen sollte. Ich liebe diesen, sagen wir ostslawischen Galgenhumor, den ich so gut von Russland kenne.

Eine typische „Gruntowka“

Erst ein paar Tage unterwegs und schon treffe ich auf den Wochenend-Radfahrer Sascha.

Sascha, ethnischer Russe, aber eben auch Ukrainer, weil er in der Ukraine geboren ist, erzählt mir später bei einem Treffen in Saporosche vom Zerwürfnis mit seiner ethnisch ukrainischen Frau, das durch die politischen Wirren im Land zusätzlich angeheizt wurde. Gleiches geschah mit seinem besten Freund Ruslan, ethnischer Ukrainer, als sie ein Jahr lang nicht mehr miteinander sprachen. Mittlerweile sind sie wieder Freunde, verstehen sich ganz normal, passen aber dabei gut auf, bestimmte schwierige Themen nicht zu berühren. In Saporosche laden sie mich zu einem feudalen Biermahl mit ukrainischen Wurstspezialitäten ein, es ist sehr heiter und freundschaftlich, und ich spüre, wie wichtig ihnen diese Freundschaft ist.

Das weite Dnjepr-Ästuar fühlt sich an wie das Meer, das der Dnjepr mit seinen hohen Ufern hier schon sein will.

Ein Panzer am Kreisel. Wohin geht die Reise? Ob er da noch lange zur Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg stehen wird?

Wir reiten auf Cherson, und der Anblick könnte selbst hartgesottene Tschekisten (Angehörige der politischen Polizei der Roten in den Jahren der Oktoberrevolution) aus der Fassung bringen.

Südlichste Südukraine. Tagsüber wird es so heiß, dass ich beschließe, die Nacht durchzufahren bis ans Meer nach Skadowsk. Besonders viel zu sehen gibt es in der Steppenlandschaft sowieso nicht. Außerdem habe ich keine Lust, bei der Hitze einen Platz für mein Zelt zu suchen. Ich fahre rhythmisch durch das flache, dunkel schimmernde Land, gebe einem einsam wandernden Landstreicher, der mir vorschlägt, er könne das Lenkrad übernehmen und ich mich derweil auf dem Gepäckträger ausruhen, einen Korb und tuckere zielstrebig der Seeluft entgegen. Es werden 150 Kilometer, absolute Obergrenze für mich. Mitten in der Nacht erreiche ich Skadowsk, baue mein Zelt auf einem Grünstreifen vor dem Strand auf, bade, lege mich wohlig nieder, um ein paar Stunden später von blechernen Lautsprechern geweckt zu werden, die irgendwelche Jugendlichen an ihr morgendliches Lagerfrühsportprogramm erinnern. Verstehe, ich bin mitten im ukrainischen Sommerrummel gelandet…

Insel Dscharylgatsch

Dscharylgatsch ist die größte aller ukrainischen Inseln im Schwarzen Meer, ungefähr 20 Kilometer lang und knapp 5 Kilometer breit. Dazu kommt noch die 20 Kilometer lange schmale Nehrung. Der Name erinnert an die Zeit, als der gesamte ukrainische Süden entlang der Schwarzmeerküste mit der Halbinsel Krim Teil des Osmanischen Imperiums war und bedeutet „verbrannter Wald“. Tatsächlich gibt es auf den „Ukrainischen Malediven“ mit ihren weißen Stränden nur wenige Zonen mit Baumbewuchs. Und meistens sind es eher große Büsche. Dafür streifen Mufflons, Rehe, Hirsche, Wildschweine und anderes Getier über die Insel. Schlangen verstecken sich im störrischen Inselgras, Quallen plantschen im durchsichtigen Wasser, Delphine ziehen gemächlich in Ufernähe vorbei, Möwen amüsieren sich kreischend über die Inselmenschen.

Auf der Insel Dscharylgatsch heißt es ukrainisch Sommerurlaub machen: losziehen, sich ein mögliches Schattenfleckchen unter einem Busch suchen, Zelt installieren, Umgebung kennenlernen, Nachbarn kennenlernen. Ich bleibe in der Nähe von altem und neuem Leuchtturm, weil dort gleich die einzige Quelle der Insel sprudelt, die pausenlos von Inselabenteurern belagert ist. Meine Nachbarn erweisen sich als umgänglich, jeder trägt etwas zur besonderen Inselstimmung bei. Da gibt es ein Pärchen im fortgeschrittenen Alter, Ljena und Anatoli, Dauergäste in einem baldachinartigen improvisierten Riesenzelt, die die Umgebung mit selbstgemachtem roten süßen Wein und in der Frühe gefangenen frischen Krabben versorgen. Es spricht sich schnell herum, wo sie zu finden sind, die Preise sind human, und auch der allgegenwärtige große rote Kater bekommt mehrmals am Tag seine Krabbenportion. Auf der Insel gibt es keinen Laden, also hat das Pensionärspaar häufig Besuch.

Einen etwas größeren Flecken besetzen die Atoschniki mit ihrer schwarzroten Fahne. Ich halte letztere für ein Symbol anarchischer Lebenshaltung, werde aber bei dem Versuch, am Rande ihres Territoriums ein paar Steine zur Befestigung meines Einstangenzeltes zu entwenden, eines Besseren belehrt: Die Leute sind Anhänger oder Angehörige der ATO, der „Antiterroristischen Operation“, die sich gegen die Separatisten und die Einmischung Russlands im Osten der Ukraine richtet. Die Fahne ist ursprünglich die der 1942 gegründeten Ukrainischen Aufstandsarmee und versinnbildlicht Heimaterde und das für sie vergossene Blut. Häufig kann man an historischen Gedenktagen die schwarzrote neben der gelbblauen Fahne des Landes sehen. Die Atoschniki verbringen hier wie alle anderen ihren Sommerurlaub, haben für sich und die Nachbarschaft ein improvisiertes Klohäuschen samt Minigrube im Hintergrund aufgestellt und geben mir von den gesammelten Steinen ein paar ab. Zu dem Zeitpunkt verstehe ich noch nichts von ukrainischer Fahnensymbolik und weiß nicht so recht, wie ich die Gruppe einordnen soll.

Sonne, Sand und Inselgras

Selbst an diesem kleinen Eiland sollten Krieg und Tod nicht vorübergehen.

Hinter mir hat eine Gruppe junger Leute aus Charkow ihr Domizil aufgeschlagen, direkt neben mir sitzt Andrej vor seinem Zeltchen. Andrej leidet permanent unter Einsamkeit und ist rotierend bei allen Nachbarn zu Besuch. Niemand käme auf die Idee, ihn wegzuschicken. Die Inselwanderung mit ihm und den Jugendlichen wird zu einer kleinen Herausforderung, da die Jugendgruppe emotional zerrissen ist, Andrej von allem scheinbar nichts mitbekommt und ich die Harmonie nicht herstellen kann. Wir kommen als Teilgruppe unversehrt zurück, nicht ohne uns zwischendurch bei einem am einsamsten Strandabschnitt ausgesetzten Trupp Feierwütiger an eiskaltem Bier gelabt zu haben.

Da sind sie wieder vereint: (von links) Anna, Jarik, Anton, Andrej, Sergej und Schanna.

Am letzten Abend treffe ich die Charkower Jugend zufällig auf der landeinwärts gelegenen Inselseite, wo sie ihren Inselabschied mit ein paar Plastebechern Bier feiert. Alle sind ruhig und etwas traurig, dass dieser Sommerurlaub nun zu Ende geht. Sie erzählen von den Alkoholproblemen ihrer Eltern, vom Leben in Charkow allgemein, das wohl kein Zuckerschlecken ist und dass sie ihre Stadt mögen. Ich solle doch auf Besuch kommen. Ich ahne schon, dass das nicht klappen wird, weil ich einfach nicht überallhin fahren kann. Aber es ist rührend: Ich könnte ihr Vater sein, und sie wollen mir ihre Stadt zeigen.

Heißer Sommer im Osten

Es ist endlich Sommer! Die Reise kann losgehen! Nur noch ein paar Kleinigkeiten erledigen in Odessa, wo ich Mitte Juni letzten Jahres bei Julia, ihrer Tochter Lana, Ilan – ihrem israelischen Bojfrend / modernes Russisch mit schön gerolltem r – und meinem auf dem Balkon abgestellten „Rappen“ eintreffe. Hinter mir liegt wieder mal eine lange Reiseunterbrechung mit viel freudiger, aber auch ernährender Straßenmusik, allerhand Begegnungen mit Familie und Freunden und was sonst noch so anliegt. Die motorisierte Rückkehr nach Odessa ist günstig: vom Haus meiner Schwester in Zittau/Ostsachsen bis Lemberg per Anhalter an einem Tag. In Lemberg steige ich in den wie bestellt dastehenden Zug, dessen in Laken gehüllte Schlafstatt ich am nächsten Morgen in aller Frühe gegen das keinesfalls morgenverschlafene Odessa eintausche. Die ganze Fahrt kostet um die 15 Euro, also ungefähr drei Übernachtungen in einem ukrainischen Hostel. Das klingt jetzt viel, ist aber noch mit meinem Reisebudget vereinbar.

Odessa liegt ganz im Süden der Ukraine am Schwarzen Meer und war schon zu Sowjetzeiten Ferienanziehungspunkt des Gesamtimperiums, Legende zwischen Hafenromantik, Mafia und Kleinverbrechermilieu und Zentrum jüdischen Humors. Die Menschen nennen ihre Stadt „Odessa-Mama“. Von uns aus gesehen liegt Odessa natürlich im Osten, den wir ganz vorurteilsfrei mit Kälte assoziieren, aber es ist unbeschreiblich heiß und drückend. Rettung vor dieser unerträglichen Situation bietet allein das Meer vor der Haustür. Julias Haustüre liegt allerdings über eine Stunde schwülkochenden Fahrspaßes mit der Rumpelstraßenbahn vom gelobten Meeresufer entfernt. Außer Julia sind wir anderen Wohnungsgenossen nur mit einer leichten Unterhose bekleidet, die von Ilan ist fast so klein wie die von Klein-Lana. Julia stört sich auf Nachfrage nicht an unserem Bekleidungsstil. Schlafen ist auch unbedeckt fast unmöglich, erst gegen Morgen sinke ich in einen bleiernen, fiebrigen schlafähnlichen Zustand. Selbst Ilan, der erst vor wenigen Monaten aus Israel hierhergekommen ist, beschwert sich über die extreme Wettersituation. Und ich dachte, die wäre in Israel genauso..

Es ist doch noch viel zu tun: meinen Rappen in Ordnung bringen, Julias Stadtrad und Lanas Roller reparieren, Freiwilligenarbeit suchen, Straßenmusik. Mit der Freiwilligenarbeit, die mir neben Blitzintegration auch Unterkunft und Verpflegung bieten soll, ist es mehr als zäh. Ähnliches könnte ich über die Straßenmusik sagen. Immerhin finde ich die „Monstergilde“, bei der ich mithelfen darf, die nicht zur Oberschicht zählenden Pensionäre mit Essen zu versorgen. Ich bekomme zwar nichts Zählbares dafür, doch ich will sagen, es ist mir eine Ehre, den Alten die Suppe in ihre Tassen und Schüsseln zu schöpfen.

Unbekümmerte „Korporacja Monstrow“: Heute stehen bekannte Lieder an, die Bezug aufs Essen nehmen, auf rote Beete, Speck oder Kartoffelplinsen.

Bei der Straßenmusik ist es schon deshalb nicht leicht, weil ich nur eine winzige Guitalele, eine Minigitarre, dabeihabe, die nicht gerade durch pralle Lautstärke auffällt. Ich rüste sie also von Nylon- auf Metallsaiten um, ein nervenaufreibendes Unterfangen, da ich zusätzlich die Kopfmechanik wechseln und verschiedene Kleinteile bearbeiten muss. Nervenaufreibend vor allem deshalb, weil ich die benötigten Dinge erst mal in der heißen, klebrigen Stadt auftreiben muss. Die Stege schleifen übernimmt ein noch junger Meister, der fast ausfällig wird, als ich ihn beim Abholen frage, ob denn alles geklappt hätte. Solche Fragen kommen nämlich gar nicht gut: Erstens könnte ich Zweifel an der Qualität seiner Arbeit äußern wollen, zweitens könnte ich den Preis drücken wollen, drittens könnte ich nach getaner Arbeit gar nicht zahlen wollen. Das gleiche geschieht mir übrigens beim Saitenverkäufer und bei Julias Fahrradmonteur. Überflüssige Fragen, die z.B. in Deutschland weder überflüssig noch hinterhältig wären, werden hier als absolut überflüssig angesehen und mit polternder Vehemenz abgewehrt. Aber wir dürfen nicht vergessen: der, mit Verlaub, Scheiß-Lohn, die auf gefühlt über 40 Grad aufgewärmten Innenräume, das Verhalten der anderen Kunden, von dem ich mir offensichtlich keine Vorstellungen mache. Und wer weiß, welch triftige Gründe ich an dieser Stelle noch hinzufügen könnte.

Odessa ist heiß und laut und voll ukrainischer Touristen in diesen Tagen – wo soll ich da hin mit meinem Instrumentchen und meiner bloßen Stimme, die mir, nur so nebenbei, in der Heimat schon Beschwerden bei der Polizei wegen angeblicher Ruhestörung eingebracht hat? An den Morskoj Bulwar, die beliebte Seepromenade über dem Hafen natürlich. Ein Plätzchen zwischen den Bänken ist schnell gefunden, und schon zwitschere ich los, ein bißchen französisch, etwas spanisch. Ich traue mich nicht so recht, auf deutsch oder auf russisch zu singen. Auch dafür gibt es wieder Gründe, geschichtliche vor allem. Mist! Kommt denn die deutsche Seele nie zur Ruhe wegen dieses Adolfs? Oh du, Adolf, denkst wohl, ich lasse mir von dir den Spaß verderben? Mitnichten, mein Lieber, ich singe jetzt auf deutsch und basta, und zwar hier in der sowjetischen Heldenstadt Odessa, der die Wehrmacht damals im Sommer das Wasser abgedreht hat, um die Menschen von deinen guten Absichten zu überzeugen. Jawohl!

Mir gegenüber auf der Bank sitzt ein noch junger, vielleicht etwas angeschlagener junger Mann, der mir aufmerksam zuhört und dazu auch gerne einen Schluck aus seiner Bierflasche nimmt. Zwischen zwei Liedern fragt er mich, ob ich auf deutsch sänge, was ich bejahe. Er äußert sich anerkennend und hört weiter zu. Etwas später die Frage: „Sag mal, bist du etwa Deutscher?“ Ich bejahe wieder, und er schaut mich leicht erschrocken an. „Sag das heute niemandem, der dich danach fragt!“ Ich bin nun auch etwas betroffen: Also reichen die gut siebzig Jahre nach Kriegsende immer noch nicht? „Weißt du denn nicht, was heute für ein Tag ist?!“ Ich überlege einen Moment, hm, keine Ahnung, irgendein Tag im Sommer 2019. Vielleicht ist jemand gestorben, von der Hand eines deutschen Barbaren womöglich? „Heute ist der 22. Juni, der Tag des faschistischen Überfalls auf die Sowjetunion!!“ Ich stehe da wie ein begossener Pudel, stammle irgendwas in der Art von „Herrjeh, daran habe ich ja gar nicht gedacht..“ Was auch stimmt, nur sage ich nicht dazu, dass mir dieses Datum gar nicht geläufig ist. 1941, Sommer, klar, aber 22. Juni? Immer diese Zahlen! Das „Unternehmen Barbarossa“ – den bedeutsam klingenden Begriff kenne ich, so oft wie ich mich mit diesem Krieg beschäftigt habe, so oft wie mir Menschen in Polen, in Weißrussland, im Baltikum, in Russland oder in Deutschland in den verschiedensten Facetten davon berichtet haben, aber das Datum??? Es war einfach nicht in meinem Kopf dieses Datum – neuerdings schon. Eigentlich keine Katastrophe. Mir fällt es schwer, die Geschichte über Zahlen, Schlachten, Namen von Divisionen und Generälen zu vergegenwärtigen. Besser gelingt es mir über persönliche Berichte, die vielleicht nur wie ein Staubkörnchen hier und da im Geschichtsmeer aufleuchten, aber immerhin. Dass ich auf diese Art der Geschichtserinnerung nicht weiter zurückreiche als in das 20. Jahrhundert, versteht sich von selbst. Weiter zurück wird es dramatisch dünn. Was mir nicht gefällt.

Ich blicke mich um und vernehme die Musik, die ziemlich laut über die Flaniermeile herüberweht. Traurig, getragen, melancholisch, voller Verzweiflung und gleichzeitig Entschlossenheit. Ein Mann singt Lieder zur sparsamen Gitarre in ein Mikrofon. Ich ahne, dass es Lieder aus dem Krieg sind, aus dem Großen Vaterländischen Krieg. Ich selbst singe nicht mehr, schon gar nicht auf deutsch. Es ist Trauertag, der 22. Juni 2019. Vor 78 Jahren begann der gegen die Sowjetunion gerichtete Vernichtungskrieg der Wehrmacht im Osten, der vom deutsch besetzten Teil Polens aus gnadenlos auf die Hafenmetropole Odessa zurollte. Der junge Mann auf der Bank, er heißt Wowa, sagt mir, ich solle Verständnis haben, und das habe ich natürlich. Ich bin ihm sogar dankbar, dass er mich gleich so unkompliziert aufgeklärt hat, denn in einer solchen Situation können sich Missverständnisse im Nu zu etwas sehr Unangenehmem entwickeln.

Im übrigen werde ich in den nächsten Tagen Gelegenheit genug haben, Lieder auf deutsch oder russisch zu singen. Gerade die deutschen Lieder scheinen den Leuten zu gefallen, manche kommen auf mich zu, halten den Daumen hoch. Mein Verdienst ist trotz der vielen Hrywna-Geldscheine überschaubar und reicht am Ende eines Nachmittags ungefähr für einen Hamburger. Dank meiner Rücklagen muss ich aber nicht hungern.

Am Stadtstrand von Odessa geht es ungezwungen zu. Es ist viel los, um so mehr, seit die Krim nicht mehr Urlaubsinsel der Ukrainer ist.

Weiter draußen, aber immer noch im Stadtgebiet Odessas, wird es beschaulicher. Trampelpfade führen hinab zu den belebten, aber nicht überfüllten Stränden.

Die Ukrainer lieben es zu heiraten, und noch mehr lieben sie es, sich dabei endlos an gut ausgesuchten Orten zu fotografieren und zu filmen.

Das Odessaer Hafengebiet zieht sich unterhalb des Zentrums kilometerlang hin, nicht immer in Schönheit sterbend, aber dennoch ganz Hafen, ganz See.

Kujalnizkij Liman, ein nahe Odessa landeinwärts gelegenes Ästuar, vom Meer nur durch eine schmale Landzunge aus Fluss- und Meeressedimenten getrennt

Das riesige Sanatorium am salzhaltigen Kujalnik-Liman

entstand schon zu Zarenzeiten in einem mondänen, aber schönen orientalischen Stil. Als Schlamm- und Mineralheilbad wurde es nicht nur im Russischen Reich berühmt. Heute herrscht hier postsowjetische Depression, auch wenn der Korpus im Hintergrund weiter funktionsfähig ist und während des Sommers viele Besucher sieht.

Kühlster Ort im sonnenverbrannten Odessa

dieser Tage sind die Katakomben unter der Stadt. Als ein unermessliches Labyrinth sich verzweigender Höhlen, Wege und Plätze sollen sie sich auf eine Länge von 2500 Kilometern erstrecken. Entstehen konnte diese unterirdische Stadt, weil der in ihrem Inneren gewonnene Muschelkalk vor über 200 Jahren zum Aufbau der Stadt gebraucht wurde. Während der Besatzung durch die Nationalsozialisten versteckten sich sowjetische Soldaten und Partisanen in den dunklen, feuchtkalten Gängen, wie es in diesem heute als Teil eines Katakombenmuseums genutzten Raum nachgestellt ist.

Als Julias Plattenwohnung für vier zu klein wird, siedle ich nach ein paar Hosteltagen mittels Internetz-Radfahrer-Vermittlung warmshowers zu Alexej über. Er wohnt in halbwegs günstiger Entfernung zu einem Nacktbadestrand, den ich auch gut morgens per Dauerlauf erreichen kann. Die Nacktstrände sind eindeutig die schönsten und entspanntesten, weil es hier noch die großen helldunkelbraun changierenden Muschelkalkfelsen gibt, auf denen sich die Menschen aalen. Man kann sich auch gut in ihren Schatten legen. Zu Sowjetzeiten, heißt es, habe man die Felsen im Meer versenkt, um die Strände frei zu haben – vorstellbar. Überhalb meines Lieblingsstrandes am langen Uferweg gibt es einen Platz mit einer Vielzahl von Turngeräten, an denen die Berserker Odessas kurzgeschoren die Muskeln in der glänzenden Sonne spielen lassen. Ich bin immer beeindruckt, wie viele Klimmzüge sie schaffen. Überall auf diesen Plätzen scheinen Klimmzugwettbewerbe stattzufinden, bei denen ich es leider nie in die vorderen Ränge schaffe.

Alexej, auch Ljoscha genannt, ist passionierter Radfahrer und längst daran gewöhnt, sein Klapprad hochkant im schmalen Plattenbauaufzug in seine im alten Stil eingerichtete Wohnung nach oben zu schaffen. Er lädt mich zu einem Radausflug über dem Meer zum Park der 411. Küstenbatterie am äußersten Ende Odessas ein. Zwischen August und Oktober 1941 versuchte Odessa, dem Ansturm von Deutschen und Rumänen standzuhalten, was letztlich an der Übermacht des Gegners scheitern musste und woran der Park mit einer offenen Ausstellung der Verteidigungslinie erinnert – Flakgeschütze verschiedenster Art, Panzer, ein gepanzerter Zug, ein U-Boot, Schützengräben…

Erst gingen die sowjetischen U-Boote unter, dann die deutschen.

Alexej inspiziert die Flak.

Im Park treffen wir auf Ljoschas Musen Marina und Alla. Die beiden verkaufen selbstgemachte Taschen und Schmuck, haben an dem Tag aber wenig Verkaufsglück. Doch es ist Sommer, und die Mädels lassen sich den Spaß nicht verderben. Es lebe der Sommer, es lebe Odessa-Mama!

Ljoscha und Alla am Schmuckstand

Marinas Taschentanz

Allas Sommertanz

Slava Ukraini – Herojam slava!

„Ruhm der Ukraine – den Helden Ruhm!“ Dieser Ausruf, den ich immer wieder nach inbrünstigen Reden an Feier- oder Gedenktagen zu hören bekam, ganz besonders im Westen der Ukraine, hatte ich zum ersten Mal im Bruderland Georgien vernommen, als ich im Dezember 2016 mit dem Franzosen Léo und der Ukrainerin Ksjuscha eine Bar im winterkalten und hochgebirgsverschneiten Mestia betrat, die dort versammelte Belegschaft nach unseren Ursprungsländern fragte und uns nach Ksjuschas Antwort sogleich ein vielstimmiges „Slava Ukraini!!“ entgegenschallte. Ich weiß zwar nicht mehr, ob Ksjuscha das obligatorische „Herojam slava!“ folgen ließ, aber es war doch einprägsam, solchen Ruf fern der Ukraine aus nichtukrainischem Mund zu vernehmen.
In Russland wirft man den Ukrainern allzu gerne Nationalismus vor oder gar einen Hang zum Nazitum. Manchmal werden die haarsträubendsten Geschichten erzählt, Ukrainer würden russische Kinder verspeisen, sie täten vornerum schön, doch hintenrum käme dann der Dolch, oder sie wären geizig wie Essig, und andere Schurkenmär. Wie oft hatte ich solche Sachen in Russland gehört, beteuert, ich würde aufpassen dort in der Ukraine, auf der Hut sein vor den Biestern der Nacht in Odessa, Saporosche, Kiew oder Lwiw, am Dnjestr oder in den Karpaten… Im Innern habe ich die Warnungen ohne Umschweife in alle Windrichtungen geschickt und gar nicht erst an mich herangelassen.

Und wahrhaftig: Gibt es ein gastfreundlicheres Land als die Ukraine? Ich habe Zauberdinge vom Iran gehört, z.B. von einem jungen französischen Radfahrer, der sich aus lauter Höflichkeit (vielleicht auch vor hellster Gaumenfreude) immer wieder überfressen hat. So überhäuft wurde er mit Essen aller Art. Mein Iran ist die Ukraine, wobei ich das Glück habe, recht viel essen zu können und doch immer wieder in überwiegend gleichmäßiger Höhe und Breite auf die Beine zu kommen.
Na ja, ich denke, der russische Hang, die Weltendinge voller Emotionalität zu betrachten, lässt gerade was die Ukraine betrifft, die Wogen hochschlagen. Dazu noch eine ordentliche Portion Fernsehen und virtuelle Welt – und fertig ist die Monsterkrake. Die gemeinsame Geschichte ist aber auch wirklich nicht einfach zu verkraften. Vor allem das Zwanzigste Jahrhundert hat sein Bestes dazu beigetragen, dass sich die beiden Länder spinnefeind sind. Wobei ich behaupten will, dass die Ukrainer, wenigstens was ihr Verhältnis zu ihren russischen Nachbarn angeht, eher nicht am Macht- und Gewalthebel saßen.
Doch hat es keinen Sinn, Russen gegen Ukrainer oder umgekehrt auszuspielen. Das führt nirgends hin. Am Schluss bleibt nur die vielbemühte Weisheit, dass die Menschen doch immer Menschen sind – und die Politik immer Politik. Als Ausländer schaut man sich das an und denkt nur: „Ach du meine Güte. Und was jetzt?“
Ja, was denn nun? Wie sich verhalten? Zuhören, fragen, sich interessieren, und keine Angst haben, ins Fettnäpfchen zu treten.

Als ich 2018 zu meinem Sprung in die Türkei aufbrach, wurde ich vor einer Reise in dieses Land gewarnt. Damals war es dem türkischen Präsidenten Erdoğan und seinen zumindest phasenweise an Verfolgungswahn grenzenden Methoden zu verdanken, dass viele Menschen, gerade auch Deutsche, nicht mehr in die Türkei reisen wollten. Unterwegs im Land konnte ich überhaupt keine Anzeichen einer etwaigen Ablehnung von Deutschen, ob von offizieller oder zwischenmenschlicher Seite, feststellen. Einzige Ausnahme: ein Polizist im Kreis seiner Kollegen, der bei einer Routinekontrolle in einem Café in der Nähe der georgischen Grenze seine politischen Ansichten ganz offen zur Schau stellen musste, indem er, meinen Pass in den Händen haltend, mich fixierte und sich eindeutig abfällig über die deutsche Kanzlerin Merkel äußerte, und gleichzeitig meine russischen Tischnachbarn mit Lob für deren Präsidenten Putin beglückte.

Jetzt, fast zwei Jahre später, würde das in der momentan angespannten Lage zwischen der Türkei und Russland womöglich anders aussehen. Doch damals war es so, und ich konnte mich sogleich in dieser Zurückhaltung üben, die sich einem in solchen Situationen angesichts einer in verschiedenster Couleur offenbarenden Übermacht ganz intuitiv aufdrängt.

In der Ukraine kam es überhaupt nicht zu solchen Situationen, weil ich nicht ein einziges mal kontrolliert wurde – und das in fünf Monaten – und mir die Menschen, obwohl ich nur russisch und höchstens ein paar wenige Brocken ukrainisch sprach, ganz unvoreingenommen begegneten. Selbst in den westlichen Gebieten wurde mir die russische Sprache nicht negativ ausgelegt. Zugegeben, es war mir dort immer wichtig, Begrüßunsgformeln, Danke und Bitte und den nur langsam wachsenden ukrainischen Wortschatz beständig in die sprachliche Verständigung miteinzubringen. Nur ungern wollte ich mit den ungeliebten „Moskali“, den „Moskowitern“ – fragwürdiger Sammelbegriff für imperial gesinnte Russen – in Verbindung gebracht werden. Gleichzeitig sagte ich mir, was soll das, wenn ich nun Russe wäre, wäre ich immer noch der gleiche Mensch, anders geprägt natürlich, aber eben der gleiche mit zwei Ohren und einer Nase. Ich wollte mich nicht schämen dafür, in den Augen mir zufällig begegnender Menschen ein Russe sein zu können, aber ich konnte dieses Schamgefühl nicht ganz unterdrücken, obwohl ich es entschieden bekämpfte. Ich wurde oft nach meiner Herkunft gefragt, berichtete natürlich, dass ich Deutscher sei, gleichzeitig aber versuchte ich, wenn es ein Gespräch oder eine Situation gebat – und diese Situationen gab es häufig, da ich ja in Sibirien meine Radreise begonnen hatte -, Russland und die Russen positiv darzustellen, die schönen Seiten zu beleuchten, so wie man das mit jedem anderen Land und allen anderen Menschen und Völkern genauso tun würde. Das wurde akzeptiert und ist in der Ukraine auch selbstverständlich, da dort ja Millionen ethnischer Russen leben.

Es ist doch interessant: In einer Zeit, in der einen in Deutschland die Veränderung des Klimas umtreibt, Flucht und Reaktion auf Flucht, der nicht enden wollende Krieg in Syrien und die damit verbundenen Folgen für Europa oder die digitale Globalisierung, in einer solchen Zeit nun hat die Ukraine ganz andere Probleme. Arbeitslosigkeit, Korruption, Menschen, die dem Land den Rücken kehren und der Krieg mit Russland und den Separatisten im Osten des Landes stehen dort ganz oben auf der Liste. Die Ukraine liegt ja nicht weit von Deutschland entfernt, ein paar Kilometerchen nur, einmal durch Schlesien und über Krakau hinüber zu den Waldkarpaten, und schon sind wir da im zweitgrößten Flächenstaat Europas nach Russland. Komisch, dass man dort so wenig europäische Touristen sieht. Das Essen zum großen Teil bio und selbstgekocht, die Landschaft wunderschön, Berge, das Schwarze Meer, im Norden klare Flüsse, im Süden Strände und Sonne, die historischen Stadtperlen Lemberg (ukr. Lwiw) und Czernowitz, die Hauptstadt Kiew am Dnjepr mit seinem Höhlenkloster, und das alles zu einem Preis, der selbst für Menschen, die bei uns in finanziell angespannter Situation ihr Leben verbringen, einen schönen Urlaub möglich machen würde. Dazu die Einheimischen, die einem ohne Umstände ihre Gastfreundlichkeit darbieten und außerdem an einem wirklichen geistigen Austausch interessiert sind, da ihr Land eben nicht so häufig besucht wird wie die Türkei oder Italien. Natürlich, die Sprache kann schon mal ein Problem sein, was in einem türkischen oder italienischen Dorf aber nicht anders sein muss.

Ist es nicht einfach so, dass wir bei dem Wort Ukraine an ein armes, unterentwickeltes, halbeuropäisches Land denken, gebeutelt von Tschernobyl und dem Krieg mit Russland? Manche mögen noch an schöne Frauen denken oder an Mafia. Und kaum einer war jemals da. Schade.

Manchmal musste ich in mich hineinlachen, wenn ich an einem Laden ein Schild sehen konnte: „Kleidung aus Europa“ – als stünden nicht alle, die das in dem Moment lesen, mitten in Europa. Bei uns gibt es genau die gleichen Second-Hand-Läden, aber da würde nie dranstehen: „Kleidung aus Europa“. Für uns ist ja klar, dass wir Europäer sind – für die Ukrainer nicht ganz so. „U-kraina“, das „Land am Rand“, aber am Rand von was, von Russland, von Europa? Das Land ist auf der Suche nach der eigenen Identität, greift weit zurück in die Geschichte, als die Saporoscher Kosaken mittels wechselnder politischer Koalitionen versuchten, ihre Unabhängigkeit zu erhalten, mal mit den Osmanen, dann wieder mit dem russischen Zarenreich sich verbünden mussten, um überhaupt als eigene Ethnie bestehen zu können.
Was wollten die Menschen eigentlich? Die Ukrainer erzählen es einem gerne: ein Stück Land unterm freien Himmel, und dass man sie einfach in Ruhe ließe. Sie wollten ihr Leben ohne Druck von außen gestalten. Für die Nahrung sorgten schließlich das fruchtbare Land und ihre willigen Hände. Heute noch ist dieses Lebensideal in den Menschen verwurzelt, wohl mehr als Ideal, denn als weitverbreitete Realität, doch es blitzt in manchem Dorf fern von Kiew auf, auch wenn man der kosakischen Stirnlocke auf kahlrasiertem Schädel, dem berühmten Tschub, Symbol des freiheitsliebenden Ukrainers schlechthin, nur noch in ganz seltenen Momenten begegnet.

Es sind jetzt gut drei Monate verstrichen seit ich auf meinem treuen „Rappen“, meinem schönen und geschätzten schwarzen Jekaterinburger Reiserad, aus der Ukraine nach Polen ausgereist bin und mich wieder als Mensch mit legalem Aufenthaltsstatus fühlen darf. Ich hatte nämlich die offiziell gewährte Verweildauer im Land um über zwei Monate überschritten. Wissentlich. Aber unschuldig. Gelohnt hat es sich allemal! Doch dazu später…

In diesem Moment sitze ich im Wohnzimmer meines Elternhauses im südbadischen Schopfheim am mit geschnitzten Zauberfischen verzierten Ebenholzschreibtisch, den meine Großeltern in den 30er Jahren aus China hierhergeschickt hatten, Kater Leo liegt auf dem großen Klappbett und putzt schmatzend sein flauschiges weißrotes Fell. Vor mir liegt die Aufgabe, mein Logbuch aufzumöbeln und die vergangenen ukrainischen Reiseerlebnisse aufgereiht an Fotografien hier zu verewigen. Logbuch ist nicht ganz passend ausgedrückt, da hätte ich schließlich direkt vor Ort schreiben müssen. Es wird also eher ein Rückblick in Bildern werden an eine Sommer-Herbst-Reise im Zickzack durch die ukrainischen Weiten.

Hier ein paar Fotos zur Einstimmung:

Bei der „Korporacija Monstrow“,

der „Monstergilde“, wie sich die Wohltäter – zum großen Teil Freiwillige – der in prekärer Situation lebenden Odessaer Rentner mit einer gewissen Selbstironie nennen. Die gemeinnützige Organisation hilft an zwei Orten in Odessa finanziell benachteiligten älteren Menschen mit einer warmen Mahlzeit und Sachspenden aller Art. Auch kulturelle Veranstaltungen wie Konzerte oder lyrische Vorlesungen finden hier statt unter Beteiligung der Rentner. Als Suppenausteiler mache ich eine gute Figur, und es ist schade, schon so bald die Monstergilde und die guten Alten verlassen zu müssen.

Ausblick auf den Hafen von Odessa

Südukrainische Weiten in Limani an der Flussmündung des Bug, der sich nur wenige Kilometer entfernt über den Dnjepr ins Schwarze Meer ergießt

Kollege in Skadowsk zur Zeit des heißen Schwarzmeersommers

Kriegerdenkmäler

zur Erinnerung an den Kampf der ruhmreichen sowjetischen Armee gegen die deutsche Wehrmacht findet man im Zentrum und im Osten der Ukraine allenortens. Manchmal pompös und dadurch an emotionaler Beziehung zum eigentlichen Geschehen verlierend, so wie hier in der Oblast (Gebiet) Cherson, manchmal einfacher und auf ein tragisches Ereignis konkret Bezug nehmend und dadurch interessant und berührend.

Es gibt sie noch – die Störche im Dorf Dolina (Saporoscher Oblast).

Auf der Magistrale zwischen Wassiljewka und Saporosche. Dass ich englisch links fahre, stört niemanden, und ich behalte außerdem die Übersicht.

Schön, fruchtbar und segenbringend: Ukrainerin auf einer Fassade in Dnipro

Nach einer Futterpause

am Dorfladen entsteht dieses Kinderporträt. Die Gelegenheit, Kinder mit Schokolade so unmittelbar glücklich machen zu können, verdanke ich dem kecken Blonden ganz vorn, der mich ein paar Mal um eine Krume Brot anhaut. Die Aufteilung der Tafel Schoko kann ich ihm nicht anvertrauen, doch aber dem großen, freundlichen Mädchen.

Musik gefällig? Ljonja und seine Mutter im Garten hinter ihrem Haus

Posieren zwischen selbstbestickten Kissen vor Traumtapete in Starosillja im mitten im Land gelegenen Gebiet Tscherkassy

Typisches geschmücktes orthodoxes Kreuz an der Einfahrt ins Dorf – hier bei Starosillja

„Slava narodu-geroju!“

„Ruhm dem Heldenvolk!“ Die ukrainischen Landesfarben gelb und himmelblau sind allgegenwärtig, auch hier im Städtchen Orschiza im Poltawa-Gebiet auf einer aus sowjetischer Zeit stammenden Losung zur Erinnerung an das ukrainische Opfer im Kampf gegen Hitlerdeutschland.

Am Tag der Einschulung

im Tschernigower Gebiet im grünen Norden: Die Kinder schwirren irgendwo umher, und die Eltern lassen es sich gut gehen bei einem zünftigen Picknick in Begleitung von Hochprozentigem. Das Ganze findet vor dem Dorfladen statt – äußerst praktisch, da alle Vorbeiziehenden sogleich in das Geschehen integriert werden können.

Bushaltestelle im neoukrainischen Stil

Im Süden eine Seltenheit, findet man sie im Norden überall: private und, wie hier, öffentliche Ziehbrunnen.

Blick über das Kiewer Höhlenkloster, christlich-orthodoxes Heiligtum aus der Zeit der Kiewer Rus

Auf meiner Halbtagsradtour durch Kiew

treffe ich auf der Dnjeprpromenade auf diese beiden Radkünstler, die ihr Sprungtraining spontan unterbrechen und mich den langen unübersichtlichen Weg bis in das auf der gegenüberliegenden Dnjeprseite befindliche entlegene Viertel meines Gastgebers Jura begleiten. Nette Kerle. Beide übrigens verheiratet.

„Liebe so, als würde es niemals wehtun!

Tanze so, als würde dich niemand sehen! Singe so, als würde dich niemand hören! Lebe so, als wäre die Erde das Paradies! Denn du bist Ukrainer!!!“ So sagt es ein Schild in Kamjanjez-Podilski, einer der ältesten Städte der Ukraine, das meine Gedanken weit abschweifen lässt.

Nach der Nacht über der Festung Chotyn am Dnjestr in der Westukraine

Apotheke im als traditionelle Hauptstadt der Bukowina geltenden Czernowitz

Das heutige Tscherniwzi war zur Zeit der ungarisch-österreichischen Monarchie eine Stadt in kultureller Blüte mit einer multiethnischen Bevölkerung. Hier lebten Juden, Österreicher und Deutsche, Ruthenen/Ukrainer, Rumänen, Polen, Russen und Armenier. Das Deutsche blieb bis in die 30er Jahre allgemeine Umgangssprache, wobei jiddische und deutsche Muttersprachler mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausmachten. Es ist unglaublich interessant und erfüllend, auf den Spuren dieser kulturellen Vielfalt durch diese schöne, einmalige Stadt zu wandeln.

Ein langer Spaziergang führt mich zum jüdischen Friedhof

von Czernowitz, von wo aus man einen erhebenden Blick über die Stadt mit den alten Grabsteinen teilen kann. In der Stadt gab es einst über 70 Synagogen und Bethäuser. Die Inschriften auf dem großen Friedhof sind deutsch, hebräisch, rumänisch oder russisch. Namen ziehen vorbei: Jacob, Hersch, Pepi, Edi, Leo, Rosa, Dawid… Es ist ein Friedhof, aber hier scheinen die Grabsteine zu leben.

Die Karpaten begrüßen mich Anfang Oktober mit einem Hauch Schnee.

Seit 2014 wird der Tag des „Verteidigers der Ukraine“ am 14. Oktober gefeiert,

d.h. am orthodoxen Kirchenfeiertag „Mariä Schutz und Fürbitte“. Am gleichen Tag wird seit 1999 der „Tag des ukrainischen Kosakentum“ begangen, da die Gottesmutter als Beschützerin der Kosaken gilt. Der 14. Oktober ist auch Jahrestag zur Erinnerung an die Gründung der Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) im Jahr 1942, der den Kampf um eine unabhängige Ukraine symbolisieren soll. Die Frauen auf dem Foto gehören einem Lyrikensemble an, das sich an diesem Tag im Karpatenwald über Mikulytschin an ein tragisches Ereignis der keinesfalls verblassten Geschichte erinnert: Ein naher Verwandter der Dame in der Mitte sah sich gezwungen, Selbstmord zu begehen, um seinen als Mitglied der UPA von den Sowjets verfolgten Sohn nicht unter Folter verraten zu müssen. Er stürzte sich von einem Felsen der Umgebung in den Tod. Der laute und eindringliche Vortrag der Frau ist ein Sprechgesang, fast in der Art von Rap, und hält das Publikum, darunter viele Soldaten, in seiner lange andauernden Intensität gefangen.

Idylle am Dnjestr in der Nähe von Iwano-Frankiwsk im Karpatenvorland, Teil der historischen Landschaft Galizien in der Westukraine

Lemberg zur Abendzeit

Es ist schwer, sich nicht zu verlieben in diese Stadt, die so viele Gesichter hat. Der Kiewer Rus entsprungen und von deren Fürsten Danilo von Galizien nach seinem Sohn Lew auf den Namen Lwiw (ukr.)/Lwow (russ.) – „Löwenstadt“ – getauft, über Jahrhunderte Teil des Polnischen Königreiches, nach der Teilung Polens in das Habsburger Reich übergegangen als Haupstadt des Königreiches von Galizien und Lodomerien, nach dem Ersten Weltkrieg wieder polnisch, musste die Stadt sich im 20. Jahrhundert von ihrer ethnischen Vielfalt verabschieden. Juden, Armenier, Deutsche und Österreicher verschwanden aus dem Stadtbild, Polen wurden durch Ukrainer und Russen verdrängt. Was blieb, ist die Architektur, die sich zwischen Mittelalter, Renaissance, Barock, Jugendstil und sowjetischer Moderne bewegt. Und mit dieser äußeren Hülle ein Hauch von all dem, was vorher war. Was wiederum die Menschen prägt, die heute in Lwiw leben und stolz sein können auf ihre Stadt.

Holzkirche im Freilichtmuseum der Volksarchitektur in Lwiw

Mein verschlungener Weg durch die Ukraine

– auf der Navigationskarte von „Maps.Me“ hier mehr schlecht als recht zu erkennen: Angefangen unten am Schwarzen Meer in Odessa (der rote Punkt westlich von Mikolajiw), in östlicher Richtung nach Saporosche, am Dnjepr entlang über Dnipro und Krementschuk hoch nach Sumy und Tschernigow, Kehrtwende südlich bis Kiew, weiter über Schitomir nach Czernowitz, durch Karpaten und Karpatenvorland bis Lemberg und von dort westlich zur polnischen Grenze. Was fehlt, war vor allem die Donezker Region ganz im Osten der Ukraine, wo sich das kriegerische Geschehen nicht beruhigen will.

Wo warst du, Konrad?

Gute Frage – verschluckt im Walbauch war ich nicht. Ich fuhr und fuhr durch die schöne Türkei, habe mich mit Menschen und Land angefreundet, kam durch Orte mitten in Anatolien, wo die Hälfte der Bevölkerung mehr oder weniger fließend deutsch spricht, und irgendwann war ich in Istanbul. Dort angekommen, blieb ich ein paar Tage bei Baikal-Paschas gutem Bekannten Mesut überhalb vom Bosporus und bestieg die Fähre ins ukrainische Odessa. Ich hätte gerne noch etwas Zeit in der Türkei verbracht, auch mal gerne in irgendeinem Dorf als Freiwilliger gearbeitet. Doch: Mein Freund Oliver heiratete letzten Sommer im Süden Frankreichs seine Sarah, und ich wollte es unbedingt noch rechtzeitig bis Odessa schaffen, mein Rad bei Julia – nicht die Moskauer, sondern eben die Odessaer Julia – abstellen, und umgehend mit Zug und per Anhalter nach Deutschland und Frankreich eilen. So geschah es dann auch. Der Plan war, nach der Hochzeit und dem Wiedersehen mit meiner Familie und Freunden in Deutschland so etwa einen oder anderthalb Monate später wieder in Odessa zu sein. Pustekuchen.

Ich machte mich in Deutschland an die Erfüllung meiner noch nicht ganz verblichenen Sehnsucht, als Straßenmusiker auf Plätzen, Märkten und in belebten Gassen Lieder zur Gitarre zu singen. Eine schöne Sache und, mal mehr, mal weniger, lukrativ. Ich entdeckte Gundermann und verliebte mich ganz in dessen Lieder, trug altes und neueres deutsches Liedgut, Russisches, Französisches, Spanischsprachiges, Polnisches oder auch ein paar Lieder in verschiedenen deutschen Dialekten vor.

Erst ein knappes Jahr später kam ich nach Odessa zurück. Dass ich in der Türkei nicht mehr an meinem Logbuch weiterschrieb, lag schlicht daran, dass ich unterwegs keine Zeit mehr fand. Unverzeihlich. So will ich euch aber wenigstens ein paar Fotos von dieser erstaunlichen, in orientalisches Licht getauchten Fahrt nicht vorenthalten.

Ehemalige Karawanserei im kurdischen Diyarbakır

im Südosten der Türkei, jetzt modernes Hotel. Es stört aber niemanden, wenn man sich im Innenhof gemütlich niederlässt, auch wenn es für den halben Tag sein sollte.

In einer Altstadtgasse feilgebotene Töpferwaren

Gasse in Diyarbakır.

Die Gassen von Diyarbakır oder Amed, wie die Hauptstadt des türkischen Kurdistans auf kurdisch heißt, sind weitverzweigt. Spazieren geht man hier besser am Tage – ab Einbruch der Dunkelheit wird es etwas ungemütlich in dem Labyrinth. Einmal begrüßen mich ein paar im Halbdunkel herumlungernde Jugendliche mit einem herzlichen „Fuck you!“ – sie prahlen mit ihren Englischkenntnissen -, und ich grüße zurück mit einem nicht weniger zuvorkommenden „Fuck you too!!“, um gleich darauf zu denken „Ach Scheiße, jetzt kommen die hinterher.“ Einer steht tatsächlich auf… …und zeigt mir lächelnd beflissen den Weg. Die Kraft der Kommunikation!

Die mächtige die Altstadt von Amed umgebende Stadtmauer

hat im türkisch-kurdischen Konflikt der letzten Jahre stark gelitten. Allerdings ist sie so dick, dass sie schier unzerstörbar scheint.

Zur Ramadanzeit treffen sich Familie und Freunde nach Einbruch der Dunkelheit zum gemeinsamen Abendessen.

Es ist eine Ehre und Freude, zu einem solchen Fastenbrechen eingeladen zu sein. Das Essen ist einfach lecker – hier Linsensuppe und würziger Reis mit Gemüse und Fleisch -, und Ayran ist so herrlich erfrischend!

Abgeriegelter Teil Ameds.

Es ist erst ein paar Jahre her, als der „Kurdenkonflikt“ gewaltig aufflammte. Viele Kämpfer versteckten sich in der im Ameder Stadtteil „Sur“ gelegenen Altstadt. Folge: Die türkische Regierung riegelte einen Teil der Altstadt komplett ab, riss die unübersichtlichen Gassen mit den kleinen Häusern weg, und ersetzt diese nun mit modernen Wohnblocks. Derweil trennt eine Betonmauer die Altstadt.

Ich ruhe mich auf dem Teppich einer Moschee aus, blicke durchs Fenster und erheische dieses friedliche Bild Koran lesender und betender Frauen.

Ein paar Mal unterwegs wird mir gesagt, ich könne doch in der Moschee übernachten. Auch wenn es nicht dazu kommen soll, die Teppiche laden wirklich dazu ein!

Eines Abends werde ich, als ich an einem rosenbeschmückten Cafégarten vorbeigehe, zu Tee und Wasserpfeife geladen. Bald darauf ist es Zeit fürs abendliche Fastenbrechen, und die unverhoffte Einladung wird ohne Umstände in die Stadtwohnung weitergeleitet.

Linsensuppe, mit Fleisch oder Reis gefüllte Aubergine bzw. Weinblätter, Salat, Fladenbrot und kaltes Wasser.

Es geht außerordentlich zügig und organisiert voran. Im Nebenraum speisen die Frauen.

Dengbeschi: Kurdische Barden, die sich den Fabulierstab weiterreichend ihre Geschichten halb gesungen, halb gesprochen vortragen

Es ist erst ein paar Jahre her, als die kurdische Sprache in der Öffentlichkeit verboten war. Auch die Dengbeschi konnten ihre aus der kurdischen Erzählkultur entnommenen oder selbst ersonnenen Epen und Moritaten nicht mehr öffentlich vortragen. Schwer vorstellbar, dass sich so etwas in einem in vielerlei Hinsicht hochentwickelten Land wie der Türkei abspielen kann. Mittlerweile hat sich hier die Situation etwas beruhigt, und das Kurdische ist von offizieller Seite als Umgangssprache toleriert. Mehr aber auch nicht. Der Name „Amed“ wird nicht gerne gehört, die Wörter „Kurde“ oder „Kurdistan“ gibt es im offiziellen Sprachgebrauch nicht.

Bei der Einfahrt nach Diyarbakır gilt es den üblichen uniform- und waffenbestückten Straßenposten zu passieren, und als mir der älteste der drei Männer in seiner höherrangig aussehenden Uniform meinen Pass zurückgibt, entfährt mir das Wort ‚Spas!‘, ein kurdisches Dankeschön. Es klingt für mich vollkommen vertraut, da es ja auf russisch „auch“ ‚Spasibo!‘ heißt. Und als ehemaliger Sprachstudent kann ich die liebgewonnene Gewohnheit, alle neuerlernten Wortgebilde gleich in der Praxis anzuwenden, nicht wirklich kontrollieren. Der Mann hat allerdings überhaupt kein Verständnis, dass ich nicht schön auf türkisch ‚Teşekkür!‘ sage oder einfach meinen Mund halte und raunzt mich dementsprechend in für mich auf einmal ganz einfach zu verstehendem Türkisch an. Was wirklich ulkig ist: Die zwei jüngeren Uniformierten sind königlich amüsiert und lachen mir ganz offen und freundlich ins Gesicht. Sind diese nun Kurden, und ist der Grummelbart ein Türke? Oder geht diese einfache Rechnung nicht auf? Vielleicht gehören die zwei Jüngerern zu einer anderen Volksgruppe? Aber der Ältere ist doch sicher ein Türke, oder?

Diese Gedanken beschäftigen mich aber erst später, als ich mich leicht verunsichert Richtung Amed’scher Stadtmauern bewege. „Diese Welt ist doch komisch“, sagt mein Kopf, „erst bringen mir die Einen die Wörter bei, und dann verbieten mir die Anderen, sie zu benutzen…“ Aber was bedeutet das schon für mich Reisenden? Mehr als wenig. Was aber für die Menschen hier? Unvorstellbar viel!

Immerhin: Ich habe gelernt, wann ich meine paar mühsam erlernten kurdischen Ausdrücke fröhlich in die Runde sprechen darf – und wann nicht.. Die Menschen in Kurdistan machen das im Schlaf.

Der ehrwürdige Vater der altassyrischen Syriani-Kirche in Diyarbakır schickt mich auf meine Frage nach Unterkunft weiter zu seinen neuchristlichen Nachbarn, einer Baptistengemeinde,

die für eine Woche mein Zuhause wird. Leider haben viele zum Christentum übergetretene ehemalige Muslime das Problem, dass sie von ihrer Familie abgelehnt werden.

Das Zafaran-Kloster der syrisch-orthodoxen Kirche

liegt unweit der syrischen Grenze von Olivenhainen umgeben majestätisch in eine karge, aber faszinierende Landschaft gebettet.

Noch heute tragen die Geistlichen die Gewänder von einst

und beherrschen das Aramäische, die Sprache, auf der Jesus gesprochen haben soll. Besonders gefällt mir die an eine Badekappe erinnernde Kopfbedeckung der „Väter“.

Im Innenhof des Klosters Deyrulzafaran, kurz Zafaran

Die Atmosphäre ist vollkommen entspannt,

die syrisch-orthodoxen Besucher des Klosters genießen die Kaffeepausen – den Kaffee reicht der alte Priester selbst -, die gemeinschaftliche Essenstafel und die Ruhe.

Es ist ein außerordentliches Geschenk, dass ich für drei Nächte hier bleiben darf, gegen nichts mehr als eine kleine Spende.

Früher wohnten Mönche überhalb des Klosters in Höhlen, die schon lange leerstehen.

Kurde in halb traditioneller, halb moderner Kleidung beim Wasserholen

Sein geduldiger Esel

Mardin, Kürdistan

Über den Dächern von Mardin.

Hier oben gibt es auch Cafés, nicht immer mit Geländer. Man stelle sich letzteres in Deutschland vor.

Füßewaschen vor einer Moschee in Mardin.

Angenehm, erfrischend, sinnvoll.

Zeichen auf einer Wand in Mardin.

Wenn jemand weiß, was für eine Sprache das ist – bitte schreiben! Auf einer Reise bleibt so vieles für immer Geheimnis.

Hamam, Mardin

Im kurdischen Kızıltepe (‚ı‘ klingt wie ‚y‘)

warte ich vor einem Café auf Fayik, den ich im Internet über Couchsurfing aufgestöbert habe. Meine Guitalele leistet mir Gesellschaft und zieht auch andere Cafébesucher an.

Fayik liebt schöne Frauen, aber auch Gäste.

Für die Nacht organisiert er mir eine kostenlose Unterkunft in einem „freien Haus“ in Mardin, wo ich zu meiner Überraschung auf junge türkische Reisetramper treffe. Er selbst schläft in weiblicher Begleitung anderswo. Am Morgen sehe ich ihn etwas schlaftrunken, aber heiter im Kızılteper Café wieder, wo er es sich nicht nehmen lässt, mir das Frühstück zu spendieren.

Nur mit Mühe überrede ich den Mann, mir nur eine halbe Wassermelone zu schenken.

Ehepaar an der Straße nach Şanlıurfa.

Mühevoll überrede ich den Mann, mir „nur“ eine halbe Wassermelone, Marke ‚Riesig‘, zu schenken.

Auch Kurdistan bietet schöne Winkel zum Zelten.

Da hinten liegt Syrien, nur wenige Kilometer entfernt.

Ich kann gerade mal ein paar Masten erkennen – schon die Grenze?

Es ist heiß.

Und das Geschenk vom Studenten Scheref aus dem kurdischen Bingöl kommt zum würdigenden Feldeinsatz.

Nach einer Nacht im Pistazienhain

bekomme ich morgens Besuch von Feldarbeitern. Sie bitten mich um ein Lied, anschließend nimmt sich Madina, die zweite von links, die Gitarre, schrammelt übermütig darauf herum und stimmt einen jaulenden Gesang an. Sie hat Komik schöpfkellenweise gefuttert – wir amüsieren uns köstlich!

Auch bei den Schuhmachern in Şanlıurfa, kurz Urfa, geht es lustig zu.

Das byzantinische Erbe in Urfa, hier in Form eines Amazonenmosaiks

Şanlıurfa. Das ‚ş‘ klingt wie ’sch‘.

Urfa ist die quirligste Stadt auf meiner Reise durch die Türkei. Hier leben neben Kurden auch viele Araber. Flüchtlinge aus dem benachbarten Syrien arbeiten in Cafés oder Bäckereien. Überall Markt, kleine Geschäfte, Teestuben, Frauen, Männer, Kinder. Als ich einmal mit zwei jungen türkischen Lehrerinnen, die nach ihrem Studium in der West- und Zentraltürkei für die ersten Berufsjahre hierher geschickt wurden, von einem Landausflug zurück in die Stadt trampe, berichten diese mir, dass sie sich wie in einem anderen Land fühlten, die Familien wären so groß, die Mentalität völlig anders. Eine spannende Stadt!

Die beiden Gefängnisaufseher nehmen mich mit von Urfa zum Nemrut-Dağ,

einer späthellenistischen Kultstätte auf einem kegelartigen Berg in Mesopotamien. Volkan – helle Hose – ist glühender Atatürk-Anhänger, alles andere als religiös und ein wahrer Temperamentsvulkan. Immer wieder, ich weiß nicht, wie oft, will er, dass ich für ihn das Atatürk-Lied „Yaşa Mustafa Kemal Paşa Yaşa“ anstimme und schmeißt sich jedes Mal vor Lachen fast aus der Beifahrertür.

Nemrut-Dağ. Dağ bedeutet Berg, wobei das ‚ğ‘ ähnlich einem gehauchten deutschen ‚r‘ gesprochen wird.

Die Köpfe von Apollon, Zeus, Herakles, Kommagene, Antiochos und den anderen sind mit der Zeit herabgefallen und stehen nun vor ihren Sitzen. König Antiochos gefiel die Idee einer neuen Religion in Verbindung griechischer und persischer Mythologie, deren Zentrum der Nemrut-Berg sein sollte und er selbst mittendrin.

König Antiochos

Blick über das legendenumwobene Mesopotamien, das Land zwischen Euphrat und Tigris. Sind sie nicht zu beneiden, die steinernen Götter?

Den Weg zurück nach Urfa lege ich teilweise trampend zurück und werde von einem, wenn ich richtig verstanden habe, Gouverneur von Präsident Erdoğan mitgenommen. Der ältere Herr sitzt würdevoll und fast Ehrfurcht einflößend in bestem Anzug auf dem Beifahrersitz der eleganten Mercedes-Limousine. Der jüngere Fahrer, der ein paar Brocken englisch kann, stellt sich alsbald als dessen Sohn heraus. Das Gespräch gestaltet sich hartnäckig schwierig, wird aber immer wieder von beiden Seiten aufgegriffen. Der Vater streift seinen Ring vom Finger, auf dem die Buchstaben von Erdoğans Partei AKP eingraviert sind, erklärt mir, von seinem Sohn unterstützt, dass er ihn vom Präsidenten persönlich bekommen habe und reicht ihn mir hin. Für einen Moment erschrecke ich und denke: „Jetzt will er mir den schenken..“, aber nachdem ich meine – innerlich gespaltene, doch äußerlich unbedenkliche – milde Bewunderung für den Ring bekundet habe, nimmt der Gouverneur den Ring zu meiner Erleichterung wieder an sich.

Etwas später öffnet der Sohn die Mittelkonsole zwischen den Frontsitzen und angelt einen Revolver hervor. Er will damit meiner Begriffsstutzigkeit abhelfen, und sogleich fällt der Groschen: Er ist Sohn und Leibwächter seines Vaters in einem! Er legt die Pistole, zufrieden über den Kommunikationserfolg, an ihren Platz zurück. So fahren wir dahin und kommen schließlich komfortabel in Urfa an. Der Abschied plättet mich am meisten: Der alte Mann steigt extra aus dem Wagen, um mich in den Arm zu nehmen und mir alles Gute zu wünschen. Ich winke dem Mercedes nach und staune über die unorthodoxe Vielfarbigkeit unserer Welt, die sich beharrlich allen erdenklichen Klischees verweigert.

Nach ein paar Tagen verlasse ich Urfa, besteige wieder meinen Rappen und fahre weiter an den Euphrat.

Drüben liegt die byzantinische Festungsruine Rumkale. Schwimmend kann man ihr und den Burgziegen einen Besuch abstatten.

Caféladen im Dorf

Nach der Überquerung des Euphrat verlasse ich Kurdistan,

fahre bergauf und bergab über das zentralanatolische Kayseri bis zur Hauptstadt Ankara. Auf solchen Nationalstraßen fährt es sich sehr angenehm. Meistens ist der Fahrbahnrand aber viel breiter als hier.

Hinter Kayseri mache ich einen Bogen nach Kapadokya

bzw. Kappadokien, einer aus vulkanischem Tuffgestein und anschließenden Wind- und Wettereinflüssen entstandenen berühmten türkischen Landschaft.

Die vielen in den Tuffstein geschlagenen Höhlenkirchen geben Zeugnis von der christlichen Vergangenheit Kappadokiens.

Diese Kreuzmalereien sind in den kappadokischen Höhlenkirchen allgegenwärtig.

Die Landschaft verändert laufend ihre Gestalt.

Eine der unzähligen (es heißt um die 3000) Höhlenkirchen Kappadokiens.

Die christliche Besiedlung der Region begann im ersten nachchristlichen Jahrhundert vom heutigen Kayseri aus und dauerte mindestens bis ins 11. Jahrhundert, als die Seldschuken den byzantinischen Kaiser besiegten.

Gut erhaltener Höhlenchristus

Typisches Tal in Kappadokien

Auch zum Wohnen trieben die Christen Kappadokiens Höhlen in den weichen Stein,

bauten schließlich ganze unterirdische Städte, um sich ihrer Angreifer – Hunnen, Perser, Araber – zu erwehren.